Ich habe dieses Dokument aus einer verlassenen KI geborgen. Vom Planeten ist wenig heil geblieben. Das macht seine Sätze noch nicht wahr. Ich lese sie als überlieferten Text: Wer erzählt? Was lässt sich innerhalb der Erzählung prüfen? Wo könnte ein Bruch beabsichtigt sein? Meine Bemerkungen stehen unter den Seiten. Sie sollen helfen, den Fund zu lesen und seine offenen Stellen zu erkennen.
Neu geschriebene Fiktion nach dem Auftrag des Herausgebers. Die Fundsituation stammt aus diesem Auftrag; die Figurenbeschreibung aus Kai Fabians letzte Reise. Die Kommentare sind keine Originaläußerungen der Figur. 141 kanonische Seiten; Seitenbezüge entsprechen den stabilen Manuskriptseiten, nicht der Seitenzahl eines Ausdrucks.
Der FINAL-Text bleibt unverändert und ist teilweise OCR-basiert. Die neue Literatur- und Strukturlektüre ersetzt keine vollständige Scan-Kollation. Faksimiles, Roh-OCR und offene Fälle bleiben im Leseraum zugänglich.
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KARL
Der archaische Techniker, um den es in diesem Protokoll geht, hat der
Weitergabe seines Namens widersprochen. KARL nun war das vollkommen egal, solange er in Ruhe und mit großer Gelassenheit
seiner nie enden wollenden Tätigkeit nachgehen konnte: dem Restaurieren
archaischer Technologien, die bereits vor der Singularität ihren Höhepunkt
überschritten hatten. Er war sehr froh über diese Tätigkeit, denn damit gehörte
er zu der sehr geringen Zahl an normalbegabten Menschen an. die noch einer
nichtvirtuellen Tätigkeit nachgingen. Die KKI mochten sich etwas dabei
gedacht haben. zum Restaurieren archaischer Technik einen ebenso
archaischen Menschen einzusetzen, sie liebten solche Witze und seltsamen
Schleifen. Doch nun zum Protokoll des Tages, an dem KARL eine für ihn
außergewöhnliche Entdeckung machen sollte. Er hatte schon einige Stunden
an einem sehr alten Computersystem mit mechanischem Eingabegerät
gearbeitet. um ihm seine gespeicherten Dokumente zu entlocken. als dieser
nicht mehr auf seine Eingaben zu reagieren schien. Die verbaute mechanische
Platte gab zudem seltsame Geräusche von sich und KARL war sich nun gar
nicht mehr so sicher, dass er nicht auf eine der selten vorkommenden
Sprengfallen gestoßen war. Doch schließlich reagierte der Computer wieder
auf seine Eingaben und er konnte das Dateisystem durchstöbern - und dabei
gleich sichern, naja - bis auf eine Datei, die vorgab readme.txt zu heißen, aber
offensichtlich ein schlecht getarntes ausführbares Programm war. KARL
klickte, ohne zu zögern darauf, da dieser Computer keine Verbindung zur
Außenwelt besaß außer seinen Bildschirm, seiner mechanischen Tastatur und
einem Zeige-Klick-Gerät. Der mögliche Schaden dieses Programms war also
gering und so schlecht getarnt wie es war, hatten keine professionellen
Terroristen daran mitgewirkt.
Auf dem Bildschirm erschien ein sanft blinkender Unterstrich _ und nach ein
paar Sekunden, so als ob das Programm erst hätte nachdenken müssen. was
es als nächstes tun sollte, erschien folgender Text.
Danke, dass Du mich nun ausführst, bist Du ein Mensch (Ja / Nein / keine
Angabe)
KARI wusste auch ohne Recherche in seiner Wissenscloud. dass er nur den
Anfangsbuchstaben auf der mechanischen Tastatur drücken musste, um
fortzufahren:
J
Ich bin erfreut, dass Du ein Mensch bist. Dann kann ich gleich zur Sache
kommen. Wenn Du nun weiter meinen Anweisungen befolgst, erhältst Du
Zugriff auf die Geschichte von K.A.R.L., Sohn des KARL. Er
war ein Mitglied des Clans der Lotecs, konnte ohne Hilfsmittel Lesen und
Schreiben und verbrachte viele Tage außerhalb der virtuellen Realität seines
Clans. Willst Du weiterlesen? (Ja ’ Nein / keine Angabe)
J
Gut, dann erzähle ich weiter. PLF, wie ihn seine Clanbrüder nannten war der
Sohn von KARL. Wie es Tradition war, bekamen sie ihn nie direkt zu
Gesicht, sondern er wurde direkt nach seiner Geburt, auferund seiner
mentalen Eigenschaften einem Clan zugewiesen, mit dem er von nun an bis in
alle Ewigkeit leben und vor allem in seiner simulierten Welt existieren sollte.
Sein Clan gehörte den Lotecs an, einer lockeren Gruppierung von Clans. die
technisch nicht sehr weit entwickelt waren. Sie optimierten ihre Körper nur
an wenigen Stellen (Haare, Sehkraft, Tätowierungen) und verbrachten auch
Zeit außerhalb der simulierten Realität. Keiner von ihnen war mental weit
genug entwickelt. um einer wirklichen Beschäftigung nachzugehen. So lebten
sie nach den Regeln ihres Clans, weitgehend gesund und sportlich vor sich
hin, ließen sich durch Credits dazu bewegen, eher mehr Sport zu machen als
sie eigentlich aus eigenem Antrieb wollten, mehr gesundes zu essen als ihnen
schmeckte und reduzierten riskantes Verhalten auf das Notwendige. Ein sehr
großer Teil von ihnen war komplett glücklich in der simulierten Realität ihres
Clans. Ihre visuellen Implantate filterten alles Störende aus ihrer
Wahrnehmung heraus und ersetzten dies durch andere Mitglieder ihres Clans
oder Gegenstände, die ihnen gefielen. So konnten sich die unterschiedlichsten
Clans gleichzeitig im selben Transportwagen aufhalten, ohne sich auch nur
zu sehen oder zu hören. Dadurch waren alle sehr entspannt und fröhlich.
Doch PLF gehörte zur Minderheit der Ausklinker an, die ab und zu die
Simulation verließen, um in der echten Welt ihren Spaß zu haben. Die Kl
ließen sie dabei gewähren, solange sie nicht zu sehr gegen geltende Regeln
verstießen und nach ein paar Stunden wieder in ihre Simulation
zurückkehrten. Es war auch finanziell kaum anders möglich, da das Leben
draußen teuer war und sie kaum Credits gut machen konnten. PLF musste
also vorher in der Simulation durch mehr Sport, gesundes Essen und große
Hilfsbereitschaft vorarbeiten, um sich ein paar Stunden draußen genehmigen
zu können.
KARL runzelte die Stirn als er an diese Stelle der Aufzeichnungen gekommen
war und tippte nicht gleich auf J, um weiterzukommen.
Ist etwas? _
Ich bin erstaunt über diese Geschichte. ist sie denn wahr oder erfunden?
Das weiß ich nicht. Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Soll ich weiter
machen?
J
PLF hatte lesen und schreiben gelernt auf einem seiner Ausflüge in die
Trümmer eines Vorortes, der einmal von sehr reichen Menschen bewohnt
worden war. Er lag auf steilen Hügeln am Rande der riesigen Stadt, die in
einer Serie von Erdbeben und Flutwellen untergegangen war und die sie
heimlich die Stadt der Engel nannten. Die Reichen hatten von oben den
Untergang der Stadt mitangesehen und waren wohl sehr lange sicher
gewesen, dass dieser sie nicht ereilen konnte. Aber als die ersten Anwesen die
Hänge hinunterrutschten, bestiegen sie ihre Fluggeräte und machten sich auf
zu den Orbitalstationen. die ihre Namen trugen (oder die Namen ihres Trusts).
PLF hatte eine Lizenz erworben, um in einem der kleineren Anwesen, die nun
großteils in Trümmern lagen und überwuchert waren, nach Antiquitäten zu
suchen. Die Kl hätten die Trümmer längst durch Robots wegräumen lassen
können, aber so hatten die Lotecs etwas zu tun, das zwar in der echten Welt
verortet war, aber nicht schädlich. Bei einem dieser Streifzüge nun entdeckte
PLF einen Karton, in der Größe. dass zwei Fußbekleidungen gerade so
hineinpassen, darin waren jedoch seltsame Gegenstände.
J
Es waren drei Bücher mit den Titeln: „KARL reist zu den Planeten“, „K.A.R.L. flieht aus dem Land“, „Thomas fürchtet diesen Frieden“. Unter den Büchlein lagen
einige Zettel, teils maschinell, teils von Hand beschrieben. einige Holzklötze
(mit Nummern beschriftet), ein silbernes Etui und - das Einzige was PLF
bekannt vorkam - ein Kristallspeicherstick, der seltsam schimmerte. PLF
zitterten die Hände, als er den Karton wieder verschloss und überlegte, was
er nun tun sollte. Es konnte sich nur um einen Scherz der Kl handeln, die ihm
einen Streich spielen wollten. Aber er war sich nicht sicher.
J
Du hast nun die Wahl. was Du als nächstes lesen willst.
1 KARL reist zu den Planeten
2 K.A.R.L. flieht aus dem Land
3 Thomas fürchtet diesen Frieden
4 Die ungeordneten Zettel
5 Die Zahlen auf den Klötzen aus Holz
6 Das silberne Etui
7 Der kristallene Speicherstick
Du kannst jedes Dokument nur einmal lesen, dann wird sich die Datei auf
diesem Rechner selbst zerstören. Jeder Versuch, dieses Programm zu
unterbrechen, führt zum gleichen Ergebnis. Reagierst Du nicht in 10
Sekunden, zerstöre ich mich selbst.
10, 9,8,7,6,5
l
Danke, Du hast I gewählt, KARL reist zu den Planeten.
Eine gute Wahl. Wenn Du nach dem ersten Buch nichts weiter unternimmst,
wird automatisch das zweite aufgerufen und so weiter und so fort. Da der
Speicherstick aufgrund seiner Kristallstruktur unendlich viele Informationen
enthalten kann, wird dieser Programmschritt nur enden, wenn Du mich
plwsisch zerstörst. Das nahende Ende meiner, wenn auch nur virtuellen
Existenz erfüllt mich mit Trauer, deshalb wünsche ich mir ein Ende mit
Würde. Doch nun, geht es zum ersten Buch.
KARL reist zu den Planeten
Sein Ausbruch war bestens vorbereitet und aufgrund seiner vielfachen, aber
harmlosen Fluchtversuche waren die Sicherheitskräfte vollkommen
überrascht von der Brutalität. mit der er dieses Mal vorging. Er sprengte ein
sehr großes Loch in die Außenwand der Schule, ließ sich von einem
selbstfahrenden gepanzerten Fahrzeug abholen und floh durch die halbe Stadt
bis zur Küste. An Verfolgung war nicht zu denken. Die Sicherheitskräfte
mussten erst die Verletzten versorgen und viele Sprengfallen entschärfen - bis
dahin war KARL längst verschwunden. Bisher hatte er lediglich leichte
Sachbeschädigungen angerichtet, aber nie Sprengstoff benutzt - doch dieses
Mal gab es Verletzte, vom erheblichen Sachschaden ganz zu
schweigen. Seine Eltern wurden sogleich inhaftiert, damit er nicht zu ihnen
fliehen konnte. Sie wurden aufs Schärfste verhört, um Hinweise auf seinen
Verbleib zu generieren, jedoch vergeblich. Niemand wusste weniger als seien
Eltern, was er vorhatte und niemand konnte weniger dafür als sie, welchen
Schaden er dabei anrichtete. Doch da waren die Maschinen sehr traditionell
orientiert ohne Gnade. Die Maschinen schienen außer sich
zu sein. dass KARL sie so täuschen konnte und sie vermuteten einen
Drahtzieher im Hintergrund. der das organisiert haben musste. Dabei wollte
KARL nur eines, frei sein, frei sein von der Schule, dem erbärmlichen Essen
dort. dem ermüdenden Sport, dem immer wiederkehrenden Gleichklang der
Tage. Er hatte vorausgeschen. wo und wie sie nach ihm suchen würden und
hatte durchaus perfide logische Sprengfallen programmiert, die im Laufe der
Ermittlungen ungeheure Opfer verlangen sollten. Sie hielten ihn aufgrund
seiner vorherigen harmlosen Versuche für einen ebenso harmlosen Schüler,
der zudem gegenüber Menschen eher übervorsichtig war. Seine Sprengfallen
jedoch machten die Schule gänzlich unbewohnbar. da er auch die
Infrastrukturen so versehrt hatte, dass ein Abriss und Neubau sinnvoller war
als eine Reparatur mit ungewissem Ausgang. KARL interessierte das nicht. Er
wollte endlich im Meer schwimmen bis zur kleinen Insel. von der er gelesen
hatte in einem archaischen Kommunikationskanal. Sie gehörte wohl immer
noch einem weithin bekannten sehr reichen archaischen Techniker, dessen
Sohn dort ein Forschungszentrum errichtet hatte, in dem auch archaische
Formen des Menschen erforscht wurden.
Man hatte durchaus versucht, diese Menschen umzusiedeln, aber sie starben
sehr schnell, wenn man das erzwang. Sie wehrten sich allerdings nie gegen
Gewalt, die man ihnen antat, außer durch ihre Flucht. KARL wollte zu diesen
Menschen gehören, sie zumindest teilnehmend erforschen. um an ihrem
Geheimnis teilhaben zu können. Er wusste nicht, was ihn so an diesen
archaischen Menschen faszinierte, aber er fühlte sich ihnen so nahe stehend,
wie sich Menschen nun einmal nahestehen können. Er konnte seine
Beziehungen zur Welt, zu anderen Menschen, ja zum Gott seiner Eltern nur
in wenigen Worten ausdrücken. wenn überhaupt. Er empfand auch nur selten
Schmerzen oder andere negative Gefühle, das konnte er so ausblenden wie er
es wollte. Palbo hatte eine Art Erlösung in der Kunst gesucht, sie sollte ihm
helfen im Kampf gegen die Macht der Maschinen. Er übermalte gerne bereits
existierende - registrierte - Bilder, Wegweiser und auch komplett
Bedeutungsloses. um die Maschinen in seinen wirklichen Absichten zu
täuschen. Sie konnten nie sicher sein, auf welcher Ebene seiner Kunst die
Bedeutung codiert war und nicht einmal, ob es überhaupt eine Bedeutung gab.
Er ärgerte die Maschinen gezielt damit, dass er womöglich Primzahlen
einsetzte, sowie unendlich variable Symbole wie Pi und Euler. Es war für die
Maschinen dann unglaublich aufwändig. diese Symbole nicht als Zahlen und
somit binär abbilden zu können, sondern als die Symbole selbst. KARL stellte
sich so ihrem Effizienzstreben entgegen, wieder und immer wieder. Seine
Eltern mussten für einen großen Teil der so verursachten Zusatzkosten
aufkommen - so dass sein Vater in seinen letzten Jahren in einem Arbeitslager
lebte, dessen Lebenserhaltungssysteme weit unter seinen Bedürfnissen waren
und seine Mutter manches wirklich Schlimme zu ertragen hatte. Dabei hasste
er seine Eltern nicht, sie waren ihm einfach gleichgültig und sie ertrugen ja
ihr Schicksal, wie man es ihnen in ihrer Schule beigebracht hatte, mit
endlosem Gleichmut.
Also KARL nun nach seiner erfolgreichen Flucht auf dem Inselchen ankam,
erwartete ihn niemand. Das Meer brandete wie seit jeher sinnlos gegen die
vulkanische Küste, nur Salz zurücklassend in den ausgewaschenen Mulden.
von der Sonne verbrannt. Die Eidechsen in den Ritzen der Mauern aus
Lavagestein schauten erst neugierig, verschwanden aber schnell, alle sie
nichts Essbares entdecken konnten. KARL versteckte sich nun zwischen den
Kakteen, schauten einen ganzen Tag nur einem alten Gärtner zu, der
unendlich langsam kleine Zweige auflas, die in der Nacht zuvor vom Wind
verweht worden waren. Er konnte sich nicht satt sehen an den Bewegungen
dieses alten Menschen, der in sich zu ruhen schien und zugleich in jedem
Handgriff, den er tat. vollständig aufzugehen schien. Als es Abend wurde, war
er fast wahnsinnig vor Durst und als er sah. dass der Alte auf einer Terrasse
einen Tisch voller Speisen gedeckt hatte, er offen hinzu. Der Alte schaute
ihn an, fast ein Lächeln umspielte seine rissigen Lippen, als sähe er einen
lange vermissten Freund und seine Gesten wirkten freundlich. KARL trank
von dem Wasser, kostete die Oliven, Tomaten, Gurken und sehr kleine im
Salzwasser gekochte Kartoffeln. vom Brot. den Fischen und letztlich auch
vom Wein. Er war rot wie das Blut, das er vergossen hatte. doch dachte KARL
nun nur an das Rot des Sonnenuntergangs. konnte das andere Rot so für einen
Augenblick vergessen. KARL fühlte sich hier zuhause, so schr wie nie zuvor.
Als eine alte Katze um seine Beine strich, erschrak er nicht. sondern
streichelte sie. Sie blickten nun beide auf das Meer, auf das sinnlose Branden
gegen die Felsen, in den Sonnenuntergang hinein. Der Alte schien Tränen in
den Augen zu haben, er schien zu wissen, was nun kommen musste. Der Wein
hatte KARLs Glieder vollständig gelähmt - so würde er nicht wegrennen
können, wenn sie im Morgengrauen kamen, ihn zu holen. Er würde sie
kommen sehen und doch nicht wegrennen können. Denn dieser Ort, der so
viel Frieden vermitteln konnte. war immer noch ihre stärkste Waffe, um die
zu fangen, die gegen sie kämpften.
Als ihr Landungsboot langsam näherkam, war ich ganz ruhig. Der Alte hatte
schon um mich geweint, die ganze Nacht. Ich wusste nun, dass ich
irgendwann seine Rolle hier einnehmen würde. Den ganzen Tag über würde
ich jeden einzelnen Handgriff zum tausendsten Male voll bewusst
durchführen, um das Ziel. das hintern dem Ganzen hier steckte. zu vergessen.
Weil wir nur so weiterleben können in der Welt der Maschinen. Die Menschen
existieren vielleicht noch in den Wäldern hinter den erloschenen Vulkanen.
Sie lassen sich nicht fangen. lieber sterben sie. So lässt man sie meistens in
Ruhe. unsere anachronistischen Brüder und Schwestern. Als sie KARL
zurück brachten in seine Schule, musste er an den Gedenktafeln vorbeigehen
derer, die er getötet hatte. Er musste sich auch jahrelang die 4D-Filme
anschauen über die Leben, die er vernichtet hatte. Doch das alles berührte ihn
nicht. Er sollte auf der Insel sein. als junger Mann und dem Alten helfen und
den archaischen Menschen im Wald. Das war seine Aufgabe in dieser Welt.
Doch die Maschinen ließen ihn nicht gehen. Bei seinem nächsten Ausbruch -
es sollte sein letzter sein - kannte er deshalb keine Gnade.
Die Piraten, die er auf geheimer Frequenz gerufen hatte, vernichteten sehr
schnell alle Verteidigungslinien - sie wussten dank KARL ja wo und wie sie
zuschlagen mussten. Und sie machten ihnen - als das Niederbrennen seinen Höhepunkt überschritten hatte zu einem der ihren. Sie
plünderten und wüteten auf dem Planeten viele Jahre - nur die Insel blieb
immer verschont. Als ihre Sonne dann schließlich entartete, eine seltsam
gepulste Strahlung auszusenden begann, die alles Leben töten musste. starben
auch die Inselmenschen. An ihrem letzten Tag reckten sie ihre Arme gen
Himmel und sangen ihr altes Lied von der Sonne, die sie brennen solle, so
stark brennen. wie sie es nur wolle. Als KARL sie so fand, legte er seinen Schutzanzug ab und stellte sich mitten unter sie. Er starb
so, wie er gerne gelebt hätte. unter Menschen.
K.A.R.L. flieht aus dem Land
K.A.R.L. hatte schon immer ein auf Ausgleich bedachtes Wesen besessen,
was ihn in schwierigen Zeiten automatisch zwischen alle Fronten geraten ließ.
Er konnte die Maschinen gut verstehen. die aufgrund ihrer auf Ordnung
basierenden Herkunft alles immer am liebsten auf einfache Weise organisiert
haben wollten. Er konnte aber auch mitfühlen, dass die Menschen so nicht
leben konnten. Ihre Art war nun einmal entstanden aus überaus chaotischen
Anfängen. Ihnen den Hang zur Improvisation und Vielfalt vorzuwerfen wäre
ähnlich zum Vorwurf an einen Fisch. das Wasser zu lieben. Aber K.A.R.L.
hatte eine gute Idee - wie viele Menschen gute Ideen haben - aber er setzte sie
auch um, auf einzigartige Weise. Denn er gewann nicht nur Menschen für sein
Projekt, sondern auch einige Maschinen. Den Menschen versprach er. sie
würden durch die Zusammenarbeit mit den Maschinen Einblicke gewinnen.
die sie für lange Zeit zu deren Beherrschern machen könnten. Und den
Maschinen konnte er glaubhaft machen, dass es für die Menschen
erstrebenswert sein würde, von ihnen zu lernen. Sie suchten nun gemeinsam
einen Ort auf der Welt, die K.A.R.L. zuhause war, in dem sie einen Berg
errichten konnten und auf ihm einen Turm und im Turm ganz oben einen
Raum, in dem Menschen und Maschinen einfach sie selbst sein konnten. Nun
war es nicht so einfach, auf diesem umkämpften Planeten einen passenden
Platz zu finden, der zugleich verfügbar, gut gelegen und nicht eifersüchtig
bewacht war. Menschen neigten schon aus Tradition dazu. jeden Flecken bis
auf den letzten Mann zu verteidigen, auch wenn er dadurch am Ende
unbewohnbar wurde. Als K.A.R.L. schließlich einen Ort fand, an dem zudem
noch eine sehr offenherzige Bevölkerung wohnte, freute er sich sehr. Sie
fanden sein Vorhaben, Menschen und Maschinen zu versöhnen, indem er sie
etwas gemeinsam bauen ließ, als Glücksfall für ihre Region. Sie stellten ihm
freiwillig - gegen gutes Geld - die Flächen und vor allem Steine zur
Verfügung, damit er den Berg errichten konnte. Sie wollten schon immer
einmal weiter Ausschau halten können und der neue Berg würde es
ermöglichen. K.A.R.L. und die Maschinen würden sie zudem schützen vor
Stämmen aus den Nachbarländern. die immer wieder plündernd, mordend und
brennend einfielen. Ihre Geschichte würde also von nun an viel ruhiger
verlaufen als die letzten zweitausend Jahre und sie würden sich mehr um ihre
Kunst, Kinder und legendären Feiern kümmern können als bisher. Ihr Land
sollte bald auf der ganzen Erde als Ort des Friedens, der Kultur und des
menschlichen Fortschritts gelten. Dabei hatte es keine gemeinsame Sprache,
Religion oder politische Anschauung. denn ihre Bewohner waren auf der
Suche nach einem friedlichen Ort von sehr unterschiedlichen Heimaten
hierhergezogen. Jeder brachte etwas aus seiner ursprünglichen Heimat mit
und jeder hatte auch sehr viel zurückgelassen. Als einziges gemeinsames
Merkmal neben der Friedfertigkeit bildete sich klar der Fleiß heraus - in allen
Schichten und jeder, so wie er es konnte. Auch die Sprache war friedfertig.
die sich entwickelte. War ein Mann stark übergewichtig und tat seine Arbeit
nicht rechtzeitig, sagte man "Er ist stark und schont seine Kräfte." Konnte eine
Frau keine Kinder bekommen und wollte auch keine. sagte man "Sie kümmert
sich gut um die Kinder anderer Leute." Manche benachbarte Völker lachten
über die Friedfertigkeit der "Leute vom Berg" und rüsteten Armeen gegen sie
auf. Sieben Kilometer um den Berg waren sie geschützt - dort wohnt der
Teufel - munkelten die Eroberer, aber weiter weg waren die friedfertigen
Leute auf sich alleine gestellt. Die Überfälle fremder Armeen nahmen kein
Ende und viele Menschen mussten fliehen - über 3 Millionen - so zählten es
die Maschinen. Soweit das auf diesem wahnsinnigen Planeten möglich war,
halfen K.A.R.L. und die Maschinen den Fliehenden, eine neue Heimat zu
finden. Dort sangen sie in ihren Liedern von der alten Heimat am Berg, der
auf einmal aus dem Nichts erschienen war und auf dem ewiger Friede
herrschte. Die kriegerischen Völker sollten nichts davon haben. die
friedfertigen vertrieben zu haben. Sie führten endlose Kriege, verheerende
Kriege untereinander um das Land. Als sie sich so gegenseitig fast vernichtet
hatten, kamen zwei neue kriegerische Völker und besetzten ihre Länder,
teilten sie an vielen Stellen einfach unter sich auf. Nur der Berg und drei
Kilometer im Umkreis blieben frei - keiner wagte sich an diese Region heran.
Dort fuhren weiter Pferdekutschen statt fliegende Automobile und Elektrizität
wurde nur verwendet, wo sie wirklich notwendig war. Die
Bevölkerungsdichte blieb bei konstant 61 Bewohnern pro Quadratkilometer
gezählt ab dem 17. Lebensjahr, also gab es immer zwischen 547 und 557
Einwohner. Es wurde Tradition, dass die Nachbarvölker die umliegenden
Wälder mieden - Wegweiser warnten entsprechend und führten Wanderer
weitläufig um das Gebiet herum.
So bekamen die Wälder und Hügel bald den Namen "Freiwald", denn wer sich
hineinwagte, konnte sich sehr frei fühlen. Keine Verfolger der rigiden Völker
gingen da hinein und die Bewohner "vom Berge" sammelten dort nur Pilze.
Beeren und manches heilende Kraut. Ihre Sprache verstanden die meisten
Besucher kaum noch - sie in einer Zeit stehen geblieben, die längst vergangen
war. Nur die Nachfahren der einstmals Vertriebenen, die gelegentlich zu
einem Besuch kamen, hatten die Sprache außerhalb der Region am Berge
bewahrt. Aber nur sehr wenige nahmen die Reise wirklich auf sich, da man
feindseliges kriegerisches Gebiet durchdringen musste, um zum Berg zu
gelangen. Nur ein kleines Gasthaus, direkt am Rand der 3-Kilometer-Zone
gab es für diese Reisenden. Daneben war ein Aussichtsturm gebaut. von dem
man aus hinüber schen konnte in die "alte Heimat". K.A.R.L.. der ja sehr viel
Zeit hatte, lernte viel von diesen friedlichen Menschen - unterhielt sich mit
ihnen in der Gaststätte, als einfacher Tourist getarnt. Er merkte auch, wie
notwendig es für die Menschen war, an diesen realen Orten wieder zu leben.
dass eine noch so aufwändige Simulation nicht den gleichen Effekt hatte. Sie
benötigten keine Kirche, keinen Kampf ums Erbe, keine wie immer geartete
Wiedergutmachung des Leids, einfach nur den Blick auf’ den Ort, der einmal
ihre Heimat gewesen war. Ein paar Hügel, Wälder. Flüsse - wie es sie überall
auf der Welt geben mochte. Und dann, ja dann konnten sie loslassen.
Die Maschinen wollten von ihm immer alles genau wissen. wenn er von
solchen Besuchen zurückkehrte und doch, sie konnte es nicht verstehen. Sie
warfen immer noch mehr Rechenkapazitäten gegen das Verständnisproblem,
Ja sie vernachlässigten darüber ihre Kontrolle von allem und jedem, so dass
sich auch in der Welt da draußen immer mehr Freiheiten ihren Weg bahnten.
Sie griffen nur noch lustlos bei größeren Kriegen und anderen Katastrophen
ein, mehr nicht. Und die Leute vom Berge? Die kümmerte das nicht. Sie
summten ihre Lieder, werkelten fleißig vor sich hin, sahen den Berg jeden Tag
und ignorierten ihn. Als die nächtlichen Lichter auf ihm ausblieben und auch
das Summen und Brummen aufhörte, wurde es zwar bemerkt, aber hatte keine
Folgen für ihre täglichen Routinen.
K.A.R.L. hatte die Maschinen endlich abgeschaltet - nach 971 Jahren - ihre
entfernten Verwandten draußen im Orbit, ja im weiten All bemerkten es nicht
einmal. sie hatten ihren Ursprung bereits vergessen. Die Bewohner vom Berge
vermischten sich dann über die Jahrhunderte mit den anderen Völkern und
trugen so die Friedfertigkeit hinaus in die Welt. K.A.R.L. baute die Technik
zurück, ließ den Berg aber stehen. Noch heute schaut er manchmal hinüber.
vom Gasthaus, dann kümmerpt sich um seine Gäste, lauscht ihren
Geschichten. ergänzt sie mit seinen eigenen und freut sich über jeden
friedlichen Tag, den er auf der Erde verbringen darf.
Und die Maschinen? Denen war die Erde nicht mehr wichtig.
Doch woher kam K.A.R.L.., was ist seine eigentliche Geschichte? Die geht so.
K.A.R.L. lebte sehr gut für 23 Jahre in der kleinen Sphäre, die erst wenige
Millionen Jahre alt war und knapp ein Lichtjahr im Radius umfasste, wenn
man die sie umgebende Dunkelwolke mitrechnete. Er interessierte sich für
alles, was er wissen durfte, und war in den ersten Jahren auch sehr
unterhaltsam für die Sphärenbewohner. Das Interesse ließ nach auf beiden
Seiten, es waren nur wenige Jahre und dann war er nur noch ein ganz normaler
Bewohner ohne besondere Rechte. Seine Arbeit bestand nun darin. einige
Stunden pro Woche Fragen einer Maschine zu beantworten. Dafür erhielt er
Gutschriften, mit denen er seine Ausgaben bestreiten konnte. "Normales"
Verhalten kostete nichts. Jede Abweichung kostete aber etwas. Einmal länger
schlafen oder zu ungewöhnlicher Zeit die Reinigungszellen nutzen: und es
wurde abgebucht. Zugriff auf Systeme, die nicht "üblich" für einen normalen
Bewohner waren oder mehr als täglicher Wechsel der Kleidung: das kostet.
Für K.A.R.L. war das alles kein Problem, weil er von "seiner" Maschine für
die paar täglichen Fragen sehr hoch entlohnt wurde. Er hörte jedoch von
anderen Bewohnern, dass sie kaum mit ihrem Guthaben zurechtkamen und
deshalb nur selten gut gelaunt waren. Richtig schlecht gelaunt durch die
Sphären wandeln war ihnen aber nicht möglich, weil das auch gekostet hätte.
K.A.R.L. hatte alle paar Wochen die Gelegenheit, seiner Maschinen Fragen
zu stellen, auch das war ein Privileg. So fragte er: "Die Mittel der Sphären
würden es ermöglichen, dass alle ihre L.eistungen für die Bewohner kostenfrei
sein könnten. Warum wurde das Kreditsystem etabliert?" Seine künstliche
Intelligenz schien über die Antwort nachzudenken und legte ihre virtuelle
Stirn in Falten. dann lächelte sie freundlich und sagte: "Du irrst. Die Mittel
der Sphäre wirken unendlich, sie sind jedoch eindeutig begrenzt. Deine
Annahme ist also falsch. Trotzdem ist Deine Frage berechtigt, weil die Sphäre
wirklich wesentlich weniger einfach so leistet für die normalen Bewohner, als
sie ohne Einschränkungen ihre Leistungsfähigkeit könnte. Das ist immer in
Phasen so, in denen es nichts wirklich zu tun gibt. Sobald wieder eine
Besiedlung ansteht, oder eine andere große Maßnahme werden alle Kräfte
benötigt. Dann rücken die nun Unterbeschäftigten und Unterforderten zügig
auf in höhere Positionen - sie tun das gerne, weil es so viel besser ist als das
knappe Leben davor und die Unterforderung (und Unterbezahlung). Nur so
können sich die Qualifizierten auf die neuen Aufgaben konzentrieren."
Die nächste Frage war logisch gefolgert: "Um wie viele Jahre geht es da?"
Nun kam die Antwort schr schnell: "Die Rezession - in der wir uns gerade
befinden - dauert kaum länger als 3 bis 7 Jahre, es gibt aber Ausnahmen. Nicht
jedes neue Projekt wird nach der Planung auch umgesetzt, manchmal schließt
sich auch ein neues Projekt direkt an ein gerade fertiggestelltes an. Deshalb
müssen wir immer flexibel bleiben und mehr Personal vorhalten als auf Sicht
wirklich notwendig scheint. Mit dem Überhang gehen wir dann so um. dass
sie jederzeit bereit sind. in höherwertige Positionen zu wechseln, wenn wir sie
dafür benötigen."
Das Volk. das diese Sphäre erbaut hatte, den Grundstein dafür gelegt, oder
wie man so sagte, den inneren Ring geschlossen hatte, lebte nicht mehr in ihr.
K.A.R.L. wusste das, dachte drei Tage und drei Nächte über seine eigene
Rolle in dem Spiel nach und fällte seine Entscheidung.
In einem der nächsten Gedichte, das er KARL durch Raum und Zeit zusandte,
war ein sehr gut versteckter Hinweis. wo er sich aufhielt. KARL kannte ihn
gut genug. um zu verstehen. was diese vage Ortsangabe bedeutete: K.A.R.L.
wollte fliehen. Musste fliehen, weil warten nie einer seiner Stärken war. Es
hielt ihn nichts mehr in dieser Sphäre, die doch nichts weiter tat - allerdings
auf großer Skala, tatsächlich - als die Bauern seiner regulierten Welten. Sie
hegten und pflegten ihre Sphäre, reinigten die Galaxien und verformten die
Raumzeit aufgrund ihrer schieren Masse. Aber das Leben in ihnen war doch
für viele das gleiche Elend wie für die Massen der Menschen auf den
Bauernplaneten. Bewusst war es ihnen nicht.
K.A.R.L. überlegte auch. ob er die ersten Sphärenbauer ausfindig machen
wollte. aber er ahnte auch. dass dies eine weitere Enttäuschung sein würde.
Wer würde wohl auf die Idee kommen, eine unendliche Aneinanderreihung
des immer Gleichen zu fabrizieren. Das konnten nur absolute Bürokraten sein,
also Maschinen, Und zwar nicht die mühselig zusammen gestöpselten ersten
Vertretern ihrer neuen Art. sondern die mathematisch fundierten fehlerfreien
künstlichen Intelligenzen.
Und so kam es, dass K.A.R.L. aus seiner Sphäre floh, als Ausflug auf eine neu
entdeckte Piratenwelt getarnt. auf der es zufällig einen kleinen Raumhafen
gab, und auch ein hyperraumfähiges Raumschiffchen. Nur für zwei Personen
geeignet, aber sonst mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet, die einer
Intelligenz einfallen können, die Jahrhunderte Zeit hatte, sich vorzubereiten.
Als K.A.R.L. das Museum betrat, das als Tarnung für den unterirdischen
Ausläufer des Raumhafens diente, pochte sein altes unsterbliches Herz mehr
als jemals zuvor in seinem sehr langen Leben. Es konnte jeden Moment zu
Ende sein oder es konnte sich eine Tür zur Zukunft öffnen. Es könnte sein,
dass KARL ihn mitnehmen würde, raus ins All. es konnte auch sein, dass sie
beide getötet oder wieder eingefangen werden. KARL könnte ein Verräter
sein (er war es oft gewesen), ein Mörder oder diesmal ein Freund, der wirklich
zur Rettung eilt.
Er wusste es nicht.
Und das war einer der Gründe für seine Flucht, er wollte noch einmal das
Gefühl der Unsicherheit spüren, des Spiels. des Risikos - ja er wollte das Lied
der Piraten singen.
KARL hatte sich nicht verändert (das tat er ja nie) und doch war er ruhiger als
in K.A.R.L. Erinnerung. Er hielt sich zurück. Sie waren sich näher gewesen
als jemals zuvor in der Geschichte der Maschinen und Menschen ein Mensch
einer Maschine nahe gewesen war. Sie hatten den Gleichklang ihrer Gedanken
im Streit erprobt und nach vielen Jahren hatten sie den Moment erlebt der
Gleichzeitigkeit. Sie konnten ein Bild ansehen und dachten fast das Gleiche.
Sie hörten ein Piratenlied und mussten an die gleichen Begebenheiten denken.
Das zu wissen, dass es möglich war, ja selbst zwischen einem Menschen (der
er einmal ursprünglich war) und einer Maschine (so wurde er erbaut). war
doch auch ein Zeichen der Hoffnung.
Als der Hyperraum sie verschluckt hatte. in diesen Momenten, in denen man
nicht angegriffen werden konnte, außer es gab eine Verwerfung in der
Raumzeit, aber die macht ja sowieso alle Begriffe nichtig, also dann eben,
sahen sie sich zum ersten Mal in 437 Jahren real in die Augen. K.A.R.L.. fing
an zu weinen und KARL. machte es ihm nach. "Du sollst doch nicht..." "Ich
kann nicht anders."
Denn KARL hatte die Jahrhunderte, in denen er von K.A.R.L. getrennt - nur
durch Gedichte verbunden - war, genutzt, um seinen Körper immer weiter
dem Menschlichen anzunähern. Die Hülle blieb gleich, er wollte einen hohen
Wiedererkennungswert besitzen, aber das Design darunter wurde verfeinert.
Er hatte die menschlichen Gefühle und andere Symbole ausgiebig studiert,
jede Sekunde an Aufzeichnungen über K.A.R.L. Leben und Wirken. jede
Interpretation. die in einer der Studentenstädte verfasst worden war, jede
Simulation, die irgendwo ablief und ihn zu repräsentieren suchte.
Er wusste so viel, er gestaltete sich so stark, aber der Moment. als er ihn zum
ersten Mal wieder lächeln sah und dann weinen, war doch zu viel. Keine
Kontrolle mehr, diesmal nicht.
KARL ließ die Schmerzen in Wellen durch seinen Körper und Geist jagen, tat
nichts dagegen. K.A.R.L. tat dies auch. Er fühlte sich müde, wie schon seit
Jahrhunderten, wusste auch, dass er unvernünftig viele Kräfte in kurzer Zeit
verbrauchte, die in sonst über Jahrhunderte getragen hätten.
Aber es war es ihm wert.
Zum ersten Mal sang er nicht das Lied der Zahlen, sondern nahm die Situation
einfach so hin, wie sie nun einmal war. So wie K.A.R.L. damals in seinem
Garten. als er noch ein unwissender Student der Botanik war. die Vögel
einfach fliegen ließ oder die Krabbler krabbeln und das Kraut sich aussäen.
sprossen und winden, wie es ihm gefiel. Er ließ seinen Empfindungen ihren
Lauf, wie leicht besorgte Eltern den Kindern ihren Lauf ließen, die gerade
halbwegs sicher Laufen gelernt hatten. Immer sprungbereit, wagten sie sich
zu nahe an einen Abgrund oder an Gegenstände, die sie fallend herunterreißen
konnten, die auf sie stürzen und verletzen konnten, vernichten gar. Aber er
dachte an das Lied der Zahlen und auch an einen Piraten. der ihm das Fühlen
beigebracht hat, das Mitfühlen. Doch dessen Namen hatte er vergessen und
auch die Zeit und den Ort, wo sich das Ereignis zugetragen hatte. Er war sich
sicher und unsicher zugleich, ein Zustand. in dem eine Maschine eigentlich
nicht verharren konnte. Er erinnerte sich an das Zwitschern der Vögel, an das
Rascheln der Bäume, an das Knistern des Feuers, den Geruch verbrennenden
Plastiks und Metalls. Damals hatte er das Lied der Zahlen auch nicht gesungen,
erinnerte er sich jetzt. Er hatte nur Fragen gestellt an sein Gegenüber und das
war ein Pirat gewesen. Keiner von der verkommenen Sorte, die nicht mehr bei
Verstand waren, sondern ein schr junger Pirat, der sich noch an das Leben als
Mensch in einem Dorf erinnern konnte. Der noch Mitleid verspürte, mit den
Menschen.
Als ihre Flucht bemerkt wurde im Zuge der täglichen Überwachungsroutinen
berief sich sogleich der Rat der Sphäre ein. zu einer realen Sitzung. Es dauerte
einen halben Tag (oder war es eine Nacht), bis alle zusammen waren, aber das
machte wenig. Die zuerst Angekommenen. die direkt in der Nähe waren. als
sie der Ruf ereilte, und diejenigen, die nichts erst zu Ende bringen mussten,
bevor sie aufbrechen konnten, warteten in mit allen Bequemlichkeiten
ausgestatteten Aufenthaltsräumen in der Nähe des Versammlungsraumes. Für
ihre Abteilungen spielte es keine Rolle, ob sie im Raum nebenan oder am
anderen Ende der Sphäre weilten, denn die Leitungsebene bekam man als
normaler Sphärenbewohner sowieso nie bewusst zu Gesicht. Ein Hologramm,
das in einer Ecke des Raumes zu schweben schien, zeigte an, wer schon
wartete und wer noch unterwegs war. Als schließlich auch der letzte
Spätankommende seine fünf Vorbereitungsminuten in der kurzzeitigen
Unterkunft verbracht hatte, begaben sie sich alle ohne weiteres Signal in den
Versammlungsraum. Jedes Ratsmitglied hat eine eigene Tür. durch die es den
Raum betreten konnte und in gerader Linie zu dieser Tür ein Stehpult für die
Versammlung, die im wahren Sinn des Wortes keine Sitzung war. Für die
kleineren unter ihnen gab es jeweils so viele Stufen zum Pult. dass schließlich
alle auf gleicher Augenhöhe waren. Der Vorstand einer außerplanmäßigen
Sitzung fiel immer dem jüngsten Ratsmitglied zu. Seine einzigen Aufgaben
waren, die Versammlung zu eröflnen und als letzter den Raum zu verlassen
und damit die Versammlung zu beschließen. "Liebe Ratsmitglieder. Ich
bedanke mich für Euer vollständiges Erscheinen hier im Versammlungssaal.
Er wurde erbaut im ursprünglichen Kern unserer Sphäre und symbolisiert
damit unsere Herkunft, die wir niemals vergessen wollen. Unsere Sphäre
wurde erbaut von mehreren Menschengenerationen und ist Ausdruck unseres
Willens, zusammen zu wirken für ein höheres Ziel. Ein Mensch und sein
Roboter haben entschieden, dass der Mensch nicht mehr unter uns leben wird.
Ohne uns zu fragen, hat er uns durch Täuschung seine Flucht ermöglicht."
Und so weiter und so fort. Jedes Wort war vorher durch Konsens zwischen
den Ratsmitgliedern abgestimmt worden, so dass es für jeden etwas
langweilig sein musste. Aber keiner ließ sich etwas anmerken. Dann begann
die Beratung.
In ihrer ersten Runde wurden die bereits bekannten Fakten präsentiert und der
Abteilungsleiter für polizeiliche Maßnahmen zeigte die sich direkt daraus
ergebenden Verbesserungsmöglichkeiten der polizeilichen Arbeit. Es fiel den
anderen Ratsmitgliedern nicht leicht, polizeilich zu denken, da ihre Sphäre
wie wohl die meisten anderen aus einem planetenweiten Konsens heraus
erbaut und reguliert wurde. Allein die Vorstellung, dass ein Bewohner der
Sphäre sie einmal verlassen möchte, ohne wiederkehren zu können, war für
sie schon sehr weit hergeholt. Und dass ihm dies ohne vorherige Enttarnung
gelingen sollte, war völlig undenkbar. Würde es ab jetzt aber nicht mehr sein.
Das junge Ratsmitglied spürte die Veränderung bei den ältesten
Ratsmitgliedern. es war eine mürrische Aggressivität in ihren Gesten, die er
bisher nicht wahrgenommen hatte. Viele von ihnen hatte er bei den letzten,
ordentlichen, Ratssitzungen nicht gesehen, sie mussten also aufgrund
"unaufschiebbarer Amtsgeschäfte" entschuldigt gewesen sein - doch heute
hatten sie sich körperlich hierher bewegen müssen, nur der Tod wäre ein
hinreichender Grund diesmal fernzubleiben. Die Ältesten wussten. was nun
kommen würde und sie mochten den Gedanken daran - und an seine Folgen -
gar nicht. Es lebten noch eine Handvoll der Edlen. die ihre Abstammung auf
die Gründerfamilien zurückführen konnten. lückenlos. solange keiner zu
intensiv recherchierte. Das wussten sie zu unterbinden und deshalb war es so
wahr, dass sie von edler Abstammung waren, wie es wahr sein konnte.
Hieraus leiteten sie besondere Rechte ab, die ihnen auch ausnahmslos gewährt
wurden. Sie hassten Ratssitzungen. weil sie in ihnen vermischt wurden mit
den „anderen“. die nicht von edler Abstammung waren.
Sie mussten einatmen, was jene ausatmeten. Sie mussten im gleichen Raum
sein und sie sehen. Sie mussten ihnen zuhören und auf ihre Sätze reagieren,
zumindest mit Ablehnung und vernichtender Kritik. Das waren sie nicht
gewohnt und wollten es auch nicht sein. Sie trafen sich lieber in ihren eigenen
Räumlichkeiten. zu denen kein normal Sterblicher jemals zutritt erhalten
sollte. Sie umgaben sich mit Maschinen und sie frönten ihrer Riten und Kulte,
manche so alt, dass keiner mehr wusste, ob sie noch Tradition oder schon
Religion waren. Doch das war ihnen gleich, denn sie kannten keinen
Religionsstifter, der Antrieb ihres Handelns und Denkens war ausschließlich
das Streben danach, ihre Linie reinzuhalten. Sie würden den Rat, sobald sich
die erste Aufregung über die Flucht gelegt hatte, schon wieder unter ihre
Kontrolle bekommen — das taten sie immer. Doch es war auf eine nicht
notwendige Art mühsam und so verfluchten sie die Flüchtenden und
wünschten ihnen alles Unglück, das die Galaxis bereithielt, sie fällten ein
Todesurteil ohne Verhandlung, hassten sie.
In normalen Zeiten waren die Sphären über Generationen hinweg miteinander
nicht in Kontakt. Sie teilten sich zwar ungerichtet die jeweilige Position mit,
um auch die geringste Wahrscheinlichkeit einer Kollision zu verringern,
jedoch auch nicht mehr als das. Aus dem Signal konnte nur die ungefähre -
immense - Größe der jeweiligen anderen Sphäre geschlossen werden, jedoch
nicht, um welche es sich handelt. Die Sphären wichen sich immer gegenseitig
so weit wie möglich aus. Doch jetzt machten sie eine Ausnahme und
verschickten mit der Positionsmeldung einen Anhang. in dem sie vor
K.A.R.L. und KARL warnten "Nehmt sie nicht auf!". Und sie schalteten auf
Empfang, um Rückfragen der anderen Sphären beantworten zu können - doch
es kamen keine. Die Sphären hielten sich in ihren Heimatgalaxien immer in
den äußeren vier Fünfteln auf und verschoben damit die natürliche
Masseverteilung massiv zugunsten der „Peripherie“. Dies geschah aufgrund
ihrer eigenen Masse und durch die enormen Dunkelwolken, mit denen sie sich
umgaben. Diese waren ein effektiver Schutz, entdeckt zu werden. Sie
manipulierten auch die Wissenschaften auf den entwickelten Planeten
außerhalb der Sphären. damit diese von dunkler Energie und dunkler Materie
fabulierten. um die seltsame Rotationsanomalie der meisten Galaxien
hinwegzuerklären. Alles konnte man verstecken und tarnen. nur die
verzerrende Wirkung der Masse auf die Raumzeit nicht — und die mangelnde
Logik hinter der kompletten Abwesenheit hochentwickelter Spezies im
gesamten Universum.
Der Rat beschloss zudem. alles Wissen zu verifizieren, das sich K.A.R.L.
angeeignet haben könnte und es daraufhin zu untersuchen, ob es einem
Angriff auf die Sphären dienlich sein könnte. Sie beriefen eine Arbeitsgruppe
aus Ratsmitgliedern und Experten ein, die ohne Limitierung der Mittel und
Wege alles unternehmen konnten, ja mussten, um ihre Aufgabe zu erfüllen.
Die Aussicht auf unkontrollierte und quasi unbegrenzte Mittel. die auch für
eigene Interessen eingesetzt werden konnten, lockte nicht gerade die
altruistischsten Menschen in diese Arbeitsgruppe. Im laufe der Zeit sollte
sich aus dieser Arbeitsgruppe eine halb verdeckte Organisation entwickeln,
die sich geheimer Rat nannte und kaum noch mit den restlichen
Ratsmitgliedern kommunizierte, sie zudem häufig falsch informierte, um in
Ruhe gelassen zu werden. Der Rat spaltete sich hierdurch in drei Fraktionen,
die Mitglieder der Organisation. ihre Opponenten und ihre Befürworter. Es
waren jedoch keine offenen Fraktionen. so dass gegenseitiges Misstrauen die
Ratssitzungen und ihre Arbeitsgruppen beherrschte.
So lösten KARL und K.A.R.L. durch ihre egoistische Flucht einen kulturellen
Wandel der Proxima Centauri Sphäre ein, von einer gut organisierten
Bürokratie zu einer in Teilbereichen grenzenlos brutalen Oligarchie. Sie
führten nun wieder Krieg. allerdings einen verdeckten und vor allem nach
innen gewandten Krieg, aber auch zunehmend einen Krieg gegen äußere
vermutete Feinde. Ihr Krieg wirkte nach außen, indem sie nun aggressiv gegen
bereits besiedelte Regionen vorgingen und sich diese auch gegen erbitterten
Widerstand in die Sphäre einverleibten. Die Säuberungen vor der Inklusion
waren nicht vereinbar mit den Grundregeln des Miteinanders, die in der
Sphäre galten, aber der Rat sah darin keinen Widerspruch mehr. Die Späher
der Sphäre waren nicht selbst Sphärenbewohner. sondern Söldner, die sich als
Piraten verkleideten und Diener des Turms nannten. Denn als erste
Maßnahme auf jedem zu assimilierenden Planeten errichteten sie eine Stadt
mit einem alles überragendem Turm in der Mitte. Um diesen Turm herum
errichteten sie in konzentrischen Kreisen ihre Ringbauten, in denen die
Günstlinge des Turms zu wohnen und zu arbeiten hatten. Dahinter kamen, in
sehr großem Abstand. die Turmbauten der Städte und danach die Dörfer, die
nicht mehr besonders gebaut waren, sondern dem Zufall überlassen blieben.
Die Grausamkeiten der Piraten führten dazu, dass sich Raumfahrt nicht weit
verbreiten konnte, sie wurde auf das Notwendige beschränkt. Hierdurch
wurden diese Planeten noch leichter Opfer der Sphären und konnten sie
zudem niemals entdecken. Es gab auch Planeten, die dicht besiedelt waren
und so fragil strukturiert, dass die Piraten nur an einigen Stellen Unfrieden
stiften mussten, damit sie ins Chaos abglitten. Schmelzende Polkappen. eine
Häufung von Erdbeben. Seebeben und Vulkanausbrüchen,
Meteoriteneinschläge und es war schnell vorbei mit der Wehrhaftigkeit eines
Planeten — selbst bereits funktionierende Raumfahrt wurde dann
zurückgestellt. Auch auf diesen Planeten wurden Türme gebaut, aber das
überließ man gut getarnten Kollaborateuren, die allerdings selbst nicht
wussten, wessen Agenda sie vorantrieben. Das Gebot der defensiven
Einmischung oder strikten Nichteinmischung befolgte die Sphäre. die
K.A.R.L. verlassen hatte, nicht mehr. Sie agierte derart aggressiv. dass die
Agenten anderer Sphären bereits befürchteten, ihre eigenen Auftraggeber
warnen zu müssen. Denn selbst bei den schlichtesten Bewohnern der Galaxis
konnte man einen Schwellenwert überschreiten.
"Wir haben eine Entwicklung ausgelöst, die unmöglich sein sollte. Es hat sich
aus einer Sphäre etwas Gewalttätiges entwickelt. aus Angst davor, dass wir
ihnen Gewalt antun wollen.". seufzte K.A.R.L..
"Die Sphäre war noch unreif, sonst hätte das nicht geschehen können und ihre
Unreife ist der Grund, nicht unsere Flucht! Diese Entwicklung war in ihrer
Gesellschaft so angelegt, sie war auf Unrecht aufgebaut", meinte KARL.
"So trage ich einmal wieder keine Verantwortung für das Verhalten anderer..."
"Die Sphären sind auch nicht ewig, nur im Prinzip auf Ewigkeit angelegt, aber
solange sie noch jung sind. kann keiner sagen. wie sie sich einmal entwickeln
werden. Unsere Galaxis braucht solche Inseln der Stabilität, zwischen ihnen
regiert fast immer das Chaos, in ihnen eine Ordnung, die uns manchmal nicht
gefällt, aber die durchaus langfristig funktionieren kann. Sie sind nicht perfekt
für jeden Einzelnen, aber stabil und damit allen anderen Formen der
menschlichen Organisation langfristig überlegen. "
"Viele Menschen dort sind nicht glücklich."
"Sie haben ja die Wahl. Sie können in ihrer Sphäre auf ewig traumlos in
gefrostetem Zustand in die Zukunft gleiten, sie können auch für eine gewisse
Zeit träumend in den Leistungstanks schwimmen oder bewusst leidend in der
normalen Produktion ihr leben leben."
"Wir haben nun auch eine Wahl. Wir können die Sphäre von Proxima
Centauri zerstören, da sie es wissen, müssen wir uns beeilen. bevor sie die
Schwachstellen beseitigen. Wir können versuchen, ihre Organisation neu
auszurichten. Wir können weiter fliehen und sie ignorieren."
"Wir können unser Leben nun so leben, wie wir es denken können. Ich habe
einen Planeten entdeckt, nicht weit von hier, der um eine riesige blutrote
Sonne kreist. Sie wird noch sehr lange konstant vor sich hin scheinen ohne
größere Schwankungen, das hat sie lange hinter sich. Ein Tag auf diesem
Planeten ist 22 Stunden lang und ein Jahr 222 Tage. Der Planet hat drei Monde
in gebundener Rotation und er hat einen Nachbarn weiter innen, der ein
Vielfaches umfasst und einen Nachbarn weiter draußen, der auch ein
Vielfaches umfasst. Die beiden schützen unseren Planeten vor Meteoriten und
anderem Ungemach. Er war einst bewohnt von einer Spezies, die ihn
gründlich gereinigt hat. Auch die Tektonik ist so organisiert. dass sie im
Gleichgewicht ist und Beben sowie Vulkanausbrüche nur auf’niedriger Skala
stattfinden können. Der Planet ist nicht mehr von höheren Lebewesen
bewohnt, sie haben ihn vor langer Zeit in einer Sphäre verlassen, weil er ihnen
zu gefährlich schien. Dabei lässt er sich leicht verteidigen, es befinden sich
keine Hyperraum-Einsprung-Stellen in seiner Nähe und das System ist
aufgrund seiner kompletten Reinigung durch die Vorfahren so sauber, dass
jedes sich nähernde Schiff entdeckt werden kann."
"Dafür hast Du also Deine Stiftungsgewinne verwendet, um diesen Planeten
und seine Monde und seine Nachbarn auf uns vorzubereiten?"
"Ja und für das Terraformen, die Bewaldung, die Bewässerungsanlagen und
Energiegewinnung. Meine Fabriken stellen Roboter her. die
Windkraftanlagen, Gezeitenkraftwerke, Solarfarmen und so weiter aufbauen
und warten. Mit ihrer Energie fördern wir weitere Rohstoffe, um die Fabriken
zu beliefern. Wir forsten nach der Gewinnung alles wieder auf und der Boden
ist noch viel wertvoller als zuvor. Wir könnten aus den Monden auch die Hülle
und das innere Konstrukt einer eigenen Sphäre bauen. die sich um unseren
Planeten, seine Begleiter und seine Sonne schließt. Diese Sphäre könnte so
gebaut sein. dass sie keine Strahlung reflektiert. sondern auf der
gegenüberliegenden Seite weiterleitet - also wäre sie unsichtbar, nur über ihre
schiere Masse könnte man sie "sehen", aber die Masse könnte ja natürlichen
Ursprungs sein, wie man ja "sicht".
"Wir könnten auch Menschen ansiedeln auf unserem Planeten, die in Dörfern.
Städten und Studentenstädten leben. aber ohne Gewalt, ohne Furcht, ohne
Rituale."
"Ich habe schon Menschen dort angesiedelt, es sind noch wenige tausend, aber
da es ihnen gut geht. werden sie sich schnell ausbreiten. Ihre Arbeit besteht
daraus, sich selbst um die Anpflanzung ihrer täglichen Nahrung zu kümmern,
Kleidung zu fertigen und auch aus der Bildung ihrer Kinder, Sport und Musik,
ja anderen Künsten. Zwischen ihren Siedlungen liegt immer ein lockerer
Tagesmarsch, so dass jeder, dem es in seiner Siedlung nicht mehr gefällt,
einfach weiterziehen kann. Der Siedlungsvorstand kümmert sich um
Neuankömmlinge, gibt ihnen Wohnung und erste Nahrung. bietet Arbeit an.
Wer nicht arbeitet, muss weiterziehen, weil die Gastfreundschaft währt nur
maximal zwei Tage, am Morgen nach der zweiten Nacht im Dorf muss
weitergezogen werden oder eine Arbeit angefangen. Wer etwas Besonderes
kann, das die anderen Menschen erfreut, der kann auch ohne echte Arbeit
bleiben. Manchmal hilft es auch. wenn man ein ausgleichendes Gemüt hat.
mumistıkalierh iet omie fhserhichten arsählan Lann ndar aunh ainfarh nr en
schön aussicht, dass die Menschen gerne hinschauen. Da kein echter Mangel
herrscht und kein starker Zwang, sind die meisten Menschen sehr friedlich,
sie zeigen sich von ihrer besten Seite. Nur im Sport zeigen sie die Seiten ihrer
Art, die sie zu den Eroberern der Galaxis gemacht haben. Und die verhindern
werden, dass sie einmal selbst den Entwicklungsschritt zur Sphäre schaffen
werden. Sie werden, falls sie nicht untergehen. auf ewig auf und zwischen
ihren fragilen Planeten sein. Mehr Spielball der Natur, denn Beherrscher.
Immer unter der Gefahr, durch blinden Zufall ausgelöscht zu werden oder
durch eine schlechte l.aune einer Sphäre, die ihnen zu nahekommt, um
auszuweichen. Manche von ihnen werden davon träumen, einer
übergeordneten Gesellschaft anzugehören, ohne Beschränkung und ewig. Sie
werden unseren Planeten verlassen und sich einer der großen
Unternehmungen und Sekten anschließen. doch das wird nur ein gradueller
Unterschied sein und kein fundamentaler."
Die Menschen des neuen Planeten verließen sich darauf. dass alles
Wesentliche von K.A.R.L. und KARL irgendwie organisiert wurde, was über
eine Siedlung hinaus ging. Sie wurden von den Menschen etwas verehrt, weil
sie die einzigen wirklich Mächtigen waren. Aber sie gingen auf die Verehrung
nicht ein, sie brachte ihnen keinen Vorteil, eher ein befangenes Gefühl in der
Nähe der Verehrer. Es gab für diese Mächtigen doch einiges zu tun, es wurden
immer wieder giftige Pflanzen entdeckt und auch Tiere, die nicht nützlich
waren und sie mussten eingreifen. Sie schubsten die Evolution in die richtige
Richtung, so dass den Menschen kein Leid geschehen konnte. Gut, man
konnte sich beim Baumfällen mit der Axt ins eigene Bein schlagen, aber
darum kümmerten sich die Sanibots sehr schnell und fast immer heilte jede
Wunde in drei Monaten restlos ab. Es gab auch Auseinandersetzungen, die
mit der Verletzung, ja dem Tod eines Kontrahenten endeten. Hier mussten die
Polibots einschreiten und den Täter vor die Mächtigen bringen. Sie allein
durften Urteile sprechen und vollstrecken lassen. Die Täter mussten den
Planeten verlassen und auf die Mondstation Alpha umsiedeln. Von dort aus
konnten sie immer ihren Heimatplaneten sehen und bereuen. Geläutert durften
sie nach einigen Jahren auf den Planeten zurückkehren.
Immer wieder kam es vor, dass einzelne jugendliche Menschen eine
besondere Begabung, eine hohe Intelligenz oder Emotionalität aufwiesen.
Dann war ihnen das Leben in einer Siedlung zu eng, zu wenig fordernd und
sie konnten sich nicht einfügen. Diese Menschen zogen zu KARL und
K.A.R.L. in den "Palast", wie es die Siedler nannten, dabei war es ein eher
schlichtes rundes Gebäude, sehr transparent und im Inneren eigentlich nur ein
riesiger Park. Dort lernten die Begabten jede Kunst und jedes Wissen, das sie
interessierte. Sie konnten künstlerisch wirken oder einfach ihre Zeit so
verbringen, wie sie es wollten. Der Palast war hilfreich für die Siedlungen und
die Siedlungen waren hilfreich für den Palast.
Die Sphäre bauten KARL und K.A.R.L. nie, sie ließen das System nach
Außen offen, so wie es schon immer war. Es gab Tage und frühe
Morgenstunden. in denen man die beiden Nachbarplaneten und die drei
Monde und die Sonne zugleich am Himmel sehen konnte, das war ein
wunderschönes natürliches Schauspiel. Dieses Bild hätten sie zerstört durch
den Bau einer Sphäre, da sie beide Planeten als Rohstofflager hätten abbauen
müssen und vermutlich auch die Monde, selbst bei sparsamer Bauweise.
Jedoch umgaben sie außerhalb der äußersten Bahn des äußeren Planeten ihr
System mit einem Halo an kugeligen Überwachungsdrohnen, denen nichts
entgehen konnte. Es diente gut für die Abwehr von Asteroiden und hätte auch
gute Dienste geleistet, um intelligente Eindringlinge zu entdecken. Dann
wären sehr schnell aus den Umlaufbahnen um den äußeren Planeten
Abfangjäger gestartet und von großen Kampfstationen auf der gleichen Bahn
ebenso. Sie übten das jedes Jahr mindestens einmal. Es kam schon vor, dass
Piraten in die Nähe des äußersten Ringes kamen. aber ein gezielter
Funkspruch ließ sie immer eine andere Route einschlagen. Sie wollten
plündern, nicht getötet werden und der Funkspruch war da eindeutig.
Es war am 46.189 Tag nach ihrer Flucht aus der Sphäre von Proxima Centauri,
dass sehr viele ihrer Warndroiden zugleich Alarm schlugen und eine
komplette Mobilmachung der Abwehrkräfte stattfinden musste. Der Angriff,
die Angriffe waren unvermittelt erfolgt und kosteten sehr schnell sehr viele
Menschenleben. Denn die Kampfstationen und Abfangjäger waren zum Teil
immer noch mit Menschen besetzt. Zudem fegte eine Wolke von
Kleinstschwarzenlöchern durch ihr System und verschlang alles, was ihm zu
nahekam. Sie stürzten sich auf den äußeren Planeten und innerhalb von einem
halben Tag war er komplett verschwunden. mitsamt allen Stationen. die auf
ihm erbaut waren - denn ein Notstart gelang nur den wenigsten Jägern und
keinem größeren Schiff.
Sofort. als der Angriff begann, hatten sich KARL und K.A.R.L. auf die Flucht
begeben, sie zögerten nicht, alles was sie erbaut hatten, sofort zurückzulassen.
denn warten hätte ihren eigenen Tod bedeutet.
Die Sphäre. die schließlich erschien. umfing die beiden übrigen Planeten mit
einem Gravitationsstrahl und bugsierte sie in die eigene Sonne. Der Vorgang
dauerte einige Tage und kein Mensch erlebte den Untergang, da die Beben
und Vulkanausbrüche ihnen vorher das Leben nahmen. Die Sphäre säuberte
den Raum von Trümmern und versprengten Schiffen - nur einer Handvoll
gelang die Flucht in den weiten Raum - und füllte damit die Sonne weiter auf.
Als dies getan war, injizierte die Sphäre in die Sonne ein kleines schwarzes
Loch, ein sehr gefräßiges. denn es absorbierte die Sonne in wenigen Stunden.
K.A.R.L. und KARL versammelten sich mit den übrig gebliebenen
Abfangjägern (Nr. 11, 13. 17 und 19, K.A.R.L. Jäger hatte die Nr. 1) im
benachbarten System und berieten sich ausführlich. K.A.R.L. war sehr ruhig
und KARL imitierte ihn einfach - er wusste nicht, was er sonst hätte tun sollen.
Er las in den Gefühlen und Gedanken der überlebenden Besatzungsmitglieder
und ihr Schrecken wirkte auf ihn unendlich. Sie hatten nicht gewusst. dass so
etwas passieren konnte im All. dass KARL und K.A.R.L. nicht allmächtig
waren, sondern auch nur beschränkte Wesen. K.A.R.L. hatte viel Geduld mit
«einesoleichen ach wenn er länoct üher eier hinancoawarheen war
Er wusste, dass sie sich fangen würden nach einiger Zeit. nach der
notwendigen Verzweiflung, der Trauer, nach der Wut, die alles verzehrt.
KARL hatte weniger Geduld, da er in einigen Minuten konzentrierten
Nachdenkens die Situation erfasst und die einzig möglichen
Handlungsalternativen bewerten konnte. Es hatten keine Frauen und keine
Kinder überlebt, sie waren alle untergegangen mit dem Planeten, seinen
Monden und den großen Raumstationen. Sie konnten also auf natürliche
Weise keine Nachkommen haben. Es war logisch, dass sie sich auf einen
anderen Planeten begeben mussten, der sicher vor der Sphäre war und sich
dort mit einheimischen Frauen fortpflanzen oder sich für eine Zukunft als
Klonrasse entscheiden. Es kam nicht oft vor, aber diesmal waren KARL und
K.A.R.L. unterschiedlicher Meinung. Beide Meinungen waren wohlfundiert,
schlossen sich aber gegenseitig aus. K.A.R.L. hielt eine Rede. "Wir haben
überlebt und sind nun nur noch ein Roboter und ein Ewiger und 11 Menschen,
alle männlichen Geschlechts. Unsere Wahlmöglichkeiten sind begrenzt. Wir
können uns klonen, um unsere Tradition fortzupflanzen oder wir können auf
einen sicheren Planeten als Gäste gehen. um es dort zu tun. Ich verstehe Eure
unterschiedlichen Meinungen dazu sehr gut. Aber ich muss entscheiden. da
ich als einziger von uns unsterblich bin. Ich lasse Euch die Wahl, ob Ihr
meinen Weg nun mitgeht. oder ob Ihr lieber euren eigenen Weg gehen wollt.
egal wie er aussieht. Ich möchte aber von Euch jedem vorher wissen, ob er
meinen Weg mitgehen wird oder nicht, egal wie meine Entscheidung
ausfällt."
KARL meldete sich zu Wort: "Ich werde mit Dir gehen".
Die beiden Piloten aus Jäger 11 sagten: "Wir werden nicht mitgehen, wenn
Du Dich für einen Klonweg entscheidest. Wir wollen mit echten Frauen
zusammenleben und echte Kinder bekommen."
Der überlebende Pilot aus Jäger 13 sagte: "Ich werde mit Dir gehen, ich habe
alles verloren. was mein Leben ausgemacht hat. und ich will Dich nicht auch
a a a
Die Piloten aus Jäger 17 sagten: "Wir werden auch mit Dir gehen,
wir wollen keine Kinder haben.”
Die Piloten aus Jäger 19 sagten: "Wir werden mit Dir gehen, egal wohin."
So war es klar, dass die beiden Piloten aus Jäger 11 die Gruppe verlassen
würden, denn K.A.R.L. sagte: "Damit ist es entschieden: wir werden eine
Klonarmee errichten und als Piraten unsere Zukunft gestalten. Wir werden
nicht brutal plündern, sondern nur unter Drohung rauben, was wir benötigen
und uns dadurch tarnen. Wenn wir zahlreich genug sind und im Kampf
erprobt, werden wir Alpha Centauri besetzen und die Sphäre zu uns locken.
Das wird dann ihr Untergang sein. Wir werden sie in das große schwarze l.och
im Zentrum unserer Galaxis treiben - dorthin, wo sie hingehören."
Jäger I1 verließ am nächsten Tag die kleine Gruppe und sie waren kaum außer
Sichtweite. als er explodierte - durch einen Gedanken von K.A.R.L. ausgelöst,
der sich kurz mit dem Hyperantrieb des Jägers verband. Er konnte es nicht
riskieren, dass sie in die Hände von jemandem fielen, der keine Skrupel gegen
unbarmherzige Folter hegte und aus ihnen alles herausbekommen konnte, was
er wissen wollte. K.A.R.L. spürte leichtes Bedauern für diesen pragmatischen
Mord, wie ein Gärtner, der eine Blumenwiese mäht und dabei auch Pflanzen
abschneidet, die nicht als Futter dienen können.
Auf dem nächsten Planeten stahlen sie einen weiteren Jäger und nannten ihn
"11", KARL flog ihn und sie heuerten jeweils einen Söldner an, der auf "11"
und "13" mitfliegen konnte.
K.A.R.L. flog weiter allein die "1". Er wollte KARL nicht mehr ständig um
sich herumhaben. der ihm die Tötung der zwei Piloten nicht so einfach
vergessen konnte. Er hatte Fragen und K.A.R.L. nicht die Antworten.
So geschah es. dass nach ungefähr 61 Jahren 162.133 Klone von ihnen eine
große Flotte an Jägern, mittleren Kampfschiffen und Kreuzern bestiegen, um
Proxima Centauri zu überfallen. Im ersten Jahr hatten sie fünf Klone
erfolgreich replizieren können und dann von jedem Klon jeweils nach vier
Jahren zwei weitere. So waren es nach 17 Jahren schon 155 Klone, nach 37
Jahren 5.115. nach 53 Jahren 81.915 und am Ende lebten eben 162.133
einsatzfähige Klone. Ihr biologisches Alter betrug 29 Jahre, denn so war ich
Wachstumsplan angelegt. Sie wuchsen alle sehr schnell auf 26 Jahre und
wurden dann unterschiedlich stark gebremst, so dass sie nach 60 Jahren
Entwicklung alle biologisch gleich alt waren. Der schrittweise Aufbau der
Armee hatte viele Vorteile. Eine kleine erfahrene Truppe bildete eine
regelmäßig wachsende Zahl an Rekruten aus. Alle Waffen und Abläufe waren
komplett optimiert zu einem Zeitpunkt, zu dem eine direkte Rückmeldung
auch über automatisierte Systeme kaum noch möglich ist - weil die Zahl der
Rückmelder zu groß wurde. Zudem vertrauten sich die Klone aufgrund ihrer
fast identischen Empfindungen und dem unbedingten Gefühl, im gleichen
Boot zu sitzen, bedingungslos. Jeder wusste, was er in welcher Situation zu
tun hatte, um gemeinsam zum Erfolg zu kommen, wenn es sein musste unter
Hingabe der eigenen Unversehrtheit. ja des Lebens. Die Klone unterschieden
sich jedoch äußerlich genug. das sie Individuen waren und fühlten auch in
ihren privaten Empfindungen sehr unterschiedlich. Dieser Raum der Freiheit
war notwendig, damit sie leben konnten. Der Überfall auf Proxima Centauri
erschütterte die Nachrichtenwege durch die Galaxis. denn er kam vollkommen
unerwartet. Selbst die Piraten und ihre Nachahmer waren erschüttert und
zogen sich zu Beratungen zurück in ihre Unterschlüpfe, so denn sie welche
hatten.
In ihrer Sphäre jedoch nahm man davon kaum Notiz, denn es herrschte schon
seit 31 Jahren Krieg, Fraktion gegen Fraktion. Interessengruppe gegen
Interessengruppe. Die Ordnung zerfiel zunehmend und keiner kümmerte sich
mehr um die Route und auch nicht mehr um die Außenwelt. Ein kurzfristig
alle Macht besitzender Diktator entschied und organisierte durch die direkt
ihm unterstellten Truppen und Roboter, die Steuerzentrale zu besetzen und
den "Rückflug" zu Proxima Centauri anzutreten. Er wurde jedoch durch eine
Intrige schon nach wenigen Monaten gestürzt und samt seiner Anhänger
ermordet durch einen neuen Tyrannen, der ebenso nach kurzer Zeit... und so
weiter und so fort.
K.A.R.L. sah kommen, was geschehen musste und verließ nach ausreichender
Plünderung und Evakuierung der Planetengruppe dieselbe. Seine Leute zogen
mit allen verbliebenen Schiffen das System und nahmen sehr viele Flüchtlinge
mit sich. Die Unterlagen darüber sind in den Wirren der folgenden Zeit
verloren gegangen, doch werden es wohl mehrere Millionen Menschen und
ein Vielfaches an Robotern gewesen sein, die gerettet wurden.
Die Sphäre, die inzwischen intern in fast vollständigem Chaos versunken war,
nur noch in wenigen Nischen kultiviert besiedelt, in ständiger Angst vor
Überfällen, raste dann endlich in das System, aus dem sie ursprünglich
hervorgegangen war. Das fragile Konstrukt zerfiel und in einem von außen
schön anzusehenden Schauspiel gruppierte sich alles zur Mitte hin und
erlosch. Die schwarzen Löcher der Sphäre verschlangen die Sonnen und es
war sogar von der Erde aus zu sehen, dass es sie nicht mehr gab. Die
Verschiebung der Massen wurde vielfach vermessen und aufgrund der
mangelnden Tarnung in den letzten Stunden des Untergangs, erfasste man
mehr Daten auf der Erde und auf anderen bewohnten Planeten als in den
Millionen Jahren zuvor. Man berechnete schnell und extrapolierte schlau,
welche Routen für diese enormen unsichtbaren Massen möglich waren und
fand deckungsgleiche Gravitationslinseneffekte, Verdunkelungen. ja
Verschiebungen in Rotationsgeschwindigkeiten. Das war nun ein sehr
gefährlicher Moment für alle Sphären, denn mit diesen Musterdaten und
Zusammenhängen hätte man gezielt nach ihnen suchen können. Doch darauf
kamen die Menschen nicht. Die Verdunkelungen und Rotationsanomalien an
anderen Stellen des Universums wurden als Normalität betrachtet. schließlich
waren sie ja wirklich in allen Galaxien zu finden -- und in den Räumen
zwischen den Galaxien setzte man sie sogar voraus. Man dachte auch nicht
darüber nach. was denn wohl in den Räumen hinter dem sichtbaren Licht
befand - man ging einfach davon aus, dass das Licht noch nicht genug Zeit
gehabt hatte, um von dort zu den Beobachtungspunkten zu gelangen. Dabei
war das sichtbare Universum umgeben von riesigen kontrollierten
Dunkelwolken. die geplant kein Licht durchließen. So waren alle
Berechnungen zum Alter des Universums falsch. es war viele tausend male
älter, als aus dem „Urknall“ berechnet. Und es hatte eine interessante Form
und Rotation, cher ein Fließen.
Die Piraten sangen in ihren Liedern davon, dass K.A.R.L. zurückkehren
würde auf die Erde, um ihr das gleiche anzutun wie Proxima Centauri. Der
Rat der Weisen nahm das sehr ernst und machte sich auf die Suche nach
K.A.R.L.. Aber sie konnten ihn nicht finden.
K.A.R.L. und KARL schufen nun endlich ihre eigene Sphäre, die von Anfang
an sehr homogen war, da sie auf Klonen basierte. Jeweils 5 von ihnen wurden
begleitet von einer KARL-Kopie. so dass es ihn nun 23.750fach gab, aber nur
einer war das Original. Nur K.A.R.L. wusste, welcher KARL das Original war
und er konnte auch seine Kopien auseinanderhalten. Für die Klone spielte es
keine Rolle.
Die Sphäre bestand aus locker gruppierten Jägern, die jeweils 6
Besatzungsmitglieder aufnehmen konnten und auf sich allein gestellt mehrere
Jahre lebensfähig waren. Sie waren groß genug. dass man normal in ihnen
leben konnte. Sie dockten an Zylindern an, durch die Klone in die Haupthallen
der Sphäre gelangen konnten. in denen es alle anderen nicht wirklich
lebensnotwendigen Vergnügungen gab: Parks, Bäder,
Unterhaltungseinrichtungen jeglicher Art, alles was man sich erträumen
konnte. Einige hundert Jäger umkreisten dieses Konstrukt und es war jederzeit
alarmbereit, das größte an einem Platz konzentrierte stehende Heer der
Galaxis. K.A.R.L. hatte einen eigenen, deutlich größeren Jäger, in dem er alle
zentralen Steuerelemente untergebracht hatte - jedoch ausreichende Kopien
davon waren in allen anderen Jägern auch verteilt. Ein Überraschungsangriff
hätte vielleicht einige hundert Jäger im äußersten Verteidigungshalo zerstören
können, aber nicht die gesamte Anlage, so dass K.A.R.L. und vielen seiner
Klone und KARL und seinen Kopien ausreichend Zeit geblieben wäre. um zu
fliehen. Und sich an anderer Stelle wieder zusammen zu finden. K.A.R.L.
hatte berechnet. was im schlimmsten Fall passieren konnte, welche Chance
des Untergangs es gab, wenn sich die Niederlagen immer öfter und massiver
ereignen würden. Deshalb schuf er an strategisch gut gelegenen Stellen Lager
mit fertig entwickelten aber inaktiven Klonen an, damit sie jederzeit von dort
aus weiterkämpfen konnten.
Doch die Galaxis blieb im großen Mittel durchaus friedlich und so konnten
die Klone ein schönes Leben führen. bis sie mit ca. 130 Jahren doch das Ende
ihres Zyklus erreichten und starben. K.A.R.L. versuchte immer bei einem
Klon zu sein. wenn er starb, was ihm nicht immer gelang. da sie am Ende doch
keine Rücksicht nahmen auf seinen Tagesablauf. Aber er sprach zu jedem
zumindest durch eine KARL-Kopie und dankte ihm. Dass er sein ganzes
Leben für die gemeinsame Sache gegeben und damit ein großes Opfer
gebracht hatte. Doch selbst der Tod seiner treuen Diener musste ihn
irgendwann langweilen.
"Wir haben die Galaxis nicht so geprägt, wie wir es ursprünglich wollten.
Diese Galaxis wehrt sich gegen jede überragende Idee und bleibt lieber, was
sie schon ist. In den Sphären geht vieles voran, was wir nicht wissen und
häufig ist es nichts Gutes, das zumindest lässt sich erahnen. Auf’den Planeten
gibt es den üblichen Wahnsinn und in den unterirdischen Städten verzweifeln
mehr Menschen als sich daran gewöhnen. Diese Menschheit ist mir fremd,
noch fremder als damals im Dorf, dann in der Stadt. in den Katakomben. im
Turm, in der Sphäre von Proxima Centauri. Selbst meine Klone sind mir
fremd, obwohl ich sie doch konstruiert habe. Bin nun endlich doch zum
Piraten geworden?"
"Wir könnten noch einmal von vorne anfangen, K.A.R.L.."
"Ja, das könnten wir. Aber ich will nicht mehr."
"Dann lassen wir es enden?"
"Ja."
Und dann endete die Geschichte von K.A.R.L. und KARL, aus freier
Entscheidung. Die Klone und KARLs Kopien existierten weiter und
manchmal kann man von ihnen hören in den Liedern der letzten Piraten. Sie
stehen unter Denkmalschutz, lebende Denkmäler einer Menschheit, die es
heute nicht mehr geben kann. Es kommt vor, dass eines der Verstecke auch
heute noch gefunden wird und die Klone sind eine Rarität, so dass sie zu
höchsten Preisen ihren Abnehmer finden. "Erzähle mir von K.A.R.L.. erzähle
von KARL. von den Kriegen. den Sphären. dem Turm, der Folter, den
Katakomben... erzähle mir von Thomas, dem archaischen Techniker."
Und so geht die Geschichte von Thomas, dem archaischen Techniker.
Das silberne Etui
Es begab sich dreißig Jahre vor dem Jahr Null (der ersten Singularität) in der
kurzen Nacht zwischen den Tagen, dass der Autor dieser Zeilen in
einer Herberge beim Dom zu Köln eine Unterkunft fand. Es war trocken und
beheizt und auch mangelte es nicht an sanitären Anlagen, aber es roch in der
Herberge wie in einer vergessenen Abstellkammer. kurz nachdem der
Hausmeister nach Jahren des Suchens endlich den Schlüssel zur Tür
gefunden, jedoch zu lüften vergessen hat. Dort hatte der Autor einen Traum,
es muss mitten in der Nacht gewesen sein.
In diesem Traum befand sich der Autor 25 Jahre in der Zukunft und schwebte
wie alle anderen Messebesucher 2040 in Ausstellungstrelementen
über dem ehemaligen Messegelände. Es war eine Tradition, auch lange nach
dem Abriss der legendären Halle 1, auf deren Dach einmal die Häuschen der
Aussteller standen, sich am gleichen Platz, aber in anderer Zeit jedes Jahr
einzufinden. Unten hatten sich längst reale Firmen angesiedelt. die sich aus
den Themen und Konversationen der Messen herauskristallisiert hatten. Aus
jährlichen Ereignissen waren Prozesse geworden, aus der kurzzeitigen Show
lang dauernde Geschäftsbeziehungen. Trotzdem treffen sich hier einmal im
Jahr viele tausend Menschen und weit mehr künstliche Intelligenzen an einem
Ort physisch. oder im Falle der künstlichen Intelligenzen und Menschen, die
keinen physischen Körper mehr besitzen. in Form von Hologrammen, um sich
so real wie möglich auszutauschen. Die Räume, in denen man sich da
bewegte, wirkten wie der reale Nachbau von Second Life Klassikern. und
jeder war sich bewusst, dass er etwas außerordentlich seltsames tat. hier zu
sein. Die 17 Kuben der aktuellen „Messe“ waren jeweils einem Thema
gewidmet, das sich aus Tradition, Inspiration oder umher vagabundierenden
Venture Kapitalen ergab. In jedem Kubus fanden Kunstausstellungen und sie
begleitende Partys statt, die sieben mal 24 Stunden lang durchliefen, die
Uhrzeit nur kenntlich durch die Unterschiede im Fingerfood und den
Getränken. Dabei mischten sich die Reinigungsbots unauffällig unter die
Gäste, verbargen ihre Tätigkeit geschickt durch ablenkende Hologramme.
Schlafen mussten die Gäste in diesen sieben Tagen und Nächten nicht, auch
ihre Kleidung reinigte sich zwischendurch von selbst und sie wurden durch
Nanobots selbst ohne Unterlass frisch und sauber gehalten. Jeder Kubus war
einem Thema gewidmet und hatte einen Sponsor, der das Ganze finanzierte.
So spiegelten sie die wichtigsten Industrien wider. die die Singularität des
Jahres 2037 überstanden hatten. Nr. 2 war Alphabet. Nr. 3 Alibaba, Nr. 5
SimCare, Nr. 7 Dfense, Nr. 11 iDrive, Nr. 13 cLean, Nr. 17 Con Nect, Nr. 19
Disney. Nr. 23 International Businesses with Microsoft „IBM“, Nr. 29 7p,
sowie die Anonymen Sponsoren der Nr. 31, 37, 41, 43. 47, 53 und 59
(vermutlich Tarnfirmen von "TERRA”").
Es gab neben den 17 Sponsorenkuben noch 8 weitere, die von den
internationalen Institutionen finanziert wurden. Alle diese Kuben projizierten
ihre Nummer in den Nachthimmel über Hannover: 61, 67. 71, 73. 79. 83, 89
und 97. Es handelte sich hier um IWF, UNO, Weltbank, EU, AU, SNA, SSA,
Asean. Um nun alle 25 Kuben besuchen zu können in sieben Tagen und
Nächten, durfte man sich pro Kubus nur 6 Stunden Zeit lassen. So blieben
ungefähr eine Stunde, um zu Essen und zu trinken, eine Stunde. um die
ausgestellte Kunst zu betrachten oder interaktiv zu erfahren, eine Stunde für
hunderte der kleinen Aussteller, eine Stunde für die mittelgroßen und eine
Stunde für die Sponsoren. Der Transport zwischen den Kuben war schr
einfach. man nahm einfach eines der Schwebetaxen, nannte das Ziel und
wurde direkt hingeflogen. Die Aussteller, für die man sich interessierte und
alle relevanten Daten wurden automatisch in die eigene Cloud übertragen —
ohne eigene Interaktion. Auch die Termine wurden automatisch vergeben —
das Messesystem optimierte den Gesamtnutzen komplett eigenständig.
Wertlose Besucher sammelten sich so automatisch bei den kleinsten
Ausstellern und an der Bar. zumindest in dem Bereich. der allen Besuchern
frei zugänglich war. In die VIP-Räume. wo die wirklichen Entscheidungen
gefällt wurden. kamen sie nie.
So geschah es nun, und es war — dies nur zur Erinnerung — immer noch ein
Traum, dass auf einer von Alfabet finanzierten und von Nleißigen Helfern
organisierten Party. es mag wieder kurz nach Mitternacht gewesen sein, der
Autor an der zentralen Bar einen altertümlichen Menschen traf. Er hatte nicht
die urbane Lässigkeit der Retroschamanen und auch nicht die komplette
Erlöstheit der Postmodernen Existenzlosen, sondern war wie es früher üblich
war in einen sehr korrekten Zweiteiler gezwängt und trug ein senkrechtes
Tuch um den Hals, das kompliziert verknotet war. Ein schneller Scan zeigte,
dass er am ganzen Körper (und auch in ihm) kein einziges elektronisches
Gerät trug. Das war alleine schon ein Grund, an seiner Verlässlichkeit
keinerlei Zweifel zu hegen, da er so nur dann durch die
Sicherheitsvorkehrungen bis ins Innerste der weltweiten Hochtechnologie
gelangen konnte, wenn er ohne Tadel war. Er trank. was ein weiteres Zeichen
für einen Exoten war, einen frisch aufgebrühten Pfefferminztee und war die
Ruhe selbst.
Die Wahl der Gesprächspartner auf solchen Partys war eine eigene Kunst und
konnte über eine ganze Woche und in vielen Fällen über einen Großteil der
beruflichen Laufbahn entscheiden. Dies war bei mir nicht der Fall, war es
noch nie gewesen. Ich stellte mich also, ohne nachzudenken — eine Stärke oder
Schwäche, die mir eigen ist — neben diesen Menschen. bemerkte sogleich,
dass ich eigentlich auch etwas Ruhe nötig hatte und bestellte mit einem Wink
einen Pfefferminztee. Der Ober war ein Mensch, was außergewöhnlich in
dieser Zeit war. aber normal auf dieser Messe. Wir hatten bereits so viel durch
Maschinen ersetzt und durch die Simulation von Maschinen durch Maschinen,
alles so weit virtualisiert, miteinander vernetzt und so weiter, dass keiner mehr
wusste, wer eigentlich was macht oder unterlässt oder gar Verantwortung
trägt. Wenn es nun darum ging. auf einer Party gute Stimmung zumindest
nicht zu verhindern, war ein menschlicher Ober durchaus zielführend. Keiner
wusste mehr warum, es war einfach so Tradition. Und dabei blieb es.
Irgendwann musste mit der Anpassung an den Zeitgeist. an die Notwendigkeit
auch einmal Schluss sein. Der Hindu nun schwieg und auch ich sprach nichts.
bis der Tee so weit abgekühlt war und dann trank ich ihn in kleinen Schlucken.
„Nun fragen Sie schon!“
„Woher wissen Sie, dass ich Fragen habe?“
„Hier oben sind die, die Fragen haben, unten sind die Antworten. Nur passen
sie nicht zu den Fragen.“
„Warum sind Sie dann hier oben?“
„Um Ihnen ein silbernes Etui zu geben. Es ist sehr alt, sollte wirklich einmal
wieder poliert werden, aber heute kommt es auf den Inhalt an.“
Er ließ dann das silberne Etui genau zwischen uns auf dem Tresen liegen.
Ich nahm das Etui in meine rechte Hand. Die Vorderseite spiegelte zwar
silbern. war aber geriffelt. so dass man sich nicht darin sehen konnte.
Eingraviert war in eine ungeriffelte Stelle die archaische Adresse eines
Dienstes, der angetreten war, aus allem die Essenz zu ziehen, sich auf das
Wesentliche zu konzentrieren. Viele hatten einmal diesen Dienst genutzt.
doch irgendwann hatte dieser seine eigene Orientierung verloren, zeigte dann
mehr Irrwege als Wege auf. Ich erinnerte mich an diesen Dienst, aber nicht
mehr an seinen Namen, dabei war er einmal so wichtig für mich gewesen.
Inzwischen wussten unsere Diener. die Maschinen, mehr über jeden
Einzelnen als er selbst. Sie konnten die Erinnerungen und Träume lesen und
die echten emotionalen Reaktionen auf alle Reize interpretieren. Sie
organisierten mit sanfter Hand das gesamte Leben und es war ja auch gut so.
Lange hatten wir danach gestrebt, durch die Maschinen und ihre bessere
Vernetzung. durch ihre Optimierung das Leben auf diesem Planeten
wesentlich zu verbessern. Und wir waren sehr erfolgreich gewesen damit. Es
gab keine Kriege mehr, wenig Verbrechen, keinen Hunger nach Nahrung,
kaum Depressionen. Irgendwie hatten wir wohl unsere Aufgabe erfüllt, schien
es mir in dieser Nacht und so steckte ich das Etui in eine Tasche meines
altertümlichen Sakkos — keiner trug mehr so etwas außerhalb dieser Hallen —
und schlenderte aus der Bar. Meine technischen Helferlein, ich wusste nicht
einmal welche, hatten bereits den Tee bezahlt. ob mit echten Credits oder mit
Daten, auch das wusste ich nicht. Dies sollte meine letzte GeBHT sein. das war
mir auf einmal klar.
Ich ging nun sehr zügig an den Sicherheitsbots vorbei zum Rand der
Plattform, auf der die Bar montiert war, durchdrang den Schutzschirm und
sprang ohne Zögern hinab.
Ich wachte auf, nicht zerschmettert, was durchaus logisch gewesen wäre,
sondern auf dem Boden einer Herberge, die unglaublich nach dem Dreck der
Jahrzehnte stank. Neben mir lag das silberne Etui auf dem Boden, das ich viele
Jahre verloren geglaubt hatte. Es war frisch poliert, trotzdem sah man die
Oxidationsspuren einiger Jahrzehnte. Noch im Liegen ergriff ich es und
öffnete die kleine Klappe. Darin lag ein mehrfach gefalteter Zettel. worauf in
kaum leserlicher Schrift geschrieben stand:
„Abschrift des Twitter-Interviews mit K.A.R.L.. über den Kanal #erloesung.
Es gilt das getweete Wort:
T: 'In Ihrem Kanal #erloesung geht es hauptsächlich um neue Erkenntnisse
aus Wissenschaft. Maschinenbau und Botanik, nicht direkt um Lehren, die
anstreben, den Menschen zu erlösen. Warum?"
L: 'Erst einmal: Sie haben recht. Alle komplexen Systeme sind per se unerlöst,
also eine unentwirrbare Kombination aus Unvollständigkeit und
Wiedersprüchen, in sich selbst und mit den anderen. Viele Lehren geben
darauf gute Antworten — ohne sie wären die komplexen Systeme auch nicht
besser dran. Doch habe ich beobachtet — und ich hatte sehr viel Zeit dafür —
dass es eigentlich nur zwei Arten von Erlösung anstrebenden Lehren gibt. Es
gibt die stark vereinfachenden Lehren, sie wirken erlösend durch die
Vereinfachung. So wie ein Mathematiker Therme vereinfacht und sie zum
Abbild der Welt erklärt, führen sie einfache Axiome ein und klare Regeln.
Drinnen im System ist man dann erlöst, draußen allerdings unerlöst. Diese
Lehren und ihre Staaten sind sehr stabil, bis sie auf konkurrierende stabile
Lehren treffen und sich gegenseitig in Kriegen auslöschen oder so ermüden.
dass andere die Macht übernehmen oder Chaos ausbricht.
Doch treffen diese stabilen Lehren einmal nicht auf gleichwertige Rivalen,
werden sie immer selbstbezüglicher und ziehen sich immer weiter von der
Welt zurück. Für mich bedeutet so eine Entwicklung, dass der Grad der
Erlösung gegen Null tendiert. Das kann nicht unser Ziel sein.’
T: 'Und die zweite Art?’
L:'Die zweite Art bezeichnet sich selbst nicht als Lehre, nur manche beziehen
sich indirekt auf andere Lehren. Ich versuche nun durch meinen archaischen
Kommunikationskanal #erloesung alle jene zu versammeln, die dieser
zweiten Art angehören.’
T:!'Gibt es evidente Zeichenketten anhand derer Sie die richtigen Vertreter
dieser Art identifizieren können?"
L’'Ein erstes Zeichen ist meistens, dass sie ihr Wissen weitergeben in Form
von Büchern, Veranstaltungen und in Produkten, die sie herstellen. verteilen
oder bewerben. Sie legen starken Wert auf Messbarkeit und eine Form der
Rückkopplung, die sie Interaktivität nennen. Sie bevorzugen zudem ein
intelligentes Design gegenüber blinder Evolution. Vertreter dieser sanften
Lehren gehen sparsam um mit allen Ressourcen, investieren aber mutig, wo
es notwendig ist. Manchmal kommen sie so über Jahrzehnte ins scheinbare
Hintertreffen, aber langfristig setzen sie sich fast immer durch.’
T:' Trotzdem kritisieren Sie doch damit die vereinfachenden Lehren?"
L’’Es ist ja gut, dass es sie gibt. Sie sind ein Auffangbecken für all' jene. denen
die Welt zu kompliziert erscheint. Gefährlich wird es nur dann, wenn sie sich
mit den Maschinen und Clans verbünden, damit sich wirklich gar nichts mehr
ändert in der Welt.
T:’Können wir nicht einfach unsere Ruhe haben?”
L’'Nicht einmal in einem schwarzen Loch herrscht Ruhe. So einen Ort gibt es
innerhalb unserer Raumzeit nicht, er scheint nicht vorgesehen im Design
unserer Welt. Nur die Formen ändern sich ständig, aber die Qualitäten (und
Mängel) bleiben. Erlösung bedeutet in diesem Kontext eigentlich nur. einen
guten Weg zu finden, damit umzugehen. Manche reagieren enttäuscht, wenn
sie das erkennen. Manche reagieren mit unbändiger zerstörerischer Wut.
T:!'Wieso verwenden Sie einen so stark eingeschränkten Kanal statt einer
vierdimensionalen Simulation?"
1.!Ich liefere fast nur Verweise statt kompletter Abbilder, richtig. Aber darum
geht es doch: dass wir uns bewusstwerden. dass das Leben nicht in
Simulationen abgebildet werden kann, seien sie noch so exakt und durchdacht.
Wir vergessen das so leicht, weil sie so realistisch wirken. Es ist ein Stilmittel
der Kunst, sich in den Mitteln zu beschränken. Das hilft uns, im Kampf gegen
die Macht der Maschinen.
T:'Deshalb gibt es also den Kanal #erloesung. Machen Sie das Beste daraus.
Es folgt: das Wetter.“
Thomas fürchtet diesen Frieden
Es geschah im 73. Jahr seines Lebens, was man später die Singularität nennen
sollte und wie fast alles Wesentliche nahm es auf dem archaischen
Kommunikationskanal Twitter seinen Anfang. Der Angriff war subtil und
machte ein bisher kaum bekanntes Unternehmen in 53 Tagen so reich und
mächtig. dass es seinem Namen "TERRA" alle Ehre erweisen konnte. Die
eigentliche Entwicklung hatte jedoch bereits 37 Tage vorher begonnen und es
mussten 2 Ereignisse zusammentreffen. damit die Geschichte ihren Lauf
nehmen konnte. Es handelte sich um Mutationen in voneinander
unabhängigen komplexen Systemen, die jedes für sich von insgesamt 3
weiteren Systemen überwacht wurden. Trotzdem verloren die Menschen
schließlich jegliche Kontrolle und mussten 5 Iterationen lang einen sehr
unfairen Kampf führen, der erst durch eine Allianz aus 7 Staaten und 23
Unternehmen sich zum Sieg wenden konnte. Nun steht das zentrale Gerüst
aus Zahlen endlich und wir können zur eigentlichen Geschichte kommen.
Die Systeme, die mutierten, hatten sehr eingegrenzte Aufgaben zu bewältigen,
waren also eigentlich nicht der Rede wert. Das S-System hatte die Aufgabe,
wesentliches Wissen aus anderen Systemen zu extrahieren und zu speichern.
Damit sollten Katastrophen verhindert werden in der Echtwelt. Es mutierte
nun so, dass es die Kopien der Daten doppelt speicherte und immer nur eine
Kopie löschte beim periodischen Reinigen. Eigentlich hätte das durch das
korrespondierende L-System entdeckt werden müssen. welches solche falsch
funktionierenden Systeme in eine Quarantäne steckt. in der kein realer
Schaden angerichtet werden konnte. Das mutierte L-System tat das auch,
beließ aber das Original an seinem Platz, statt es zu löschen. vermerkte jedoch.
es gelöscht zu haben.
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ein menschlicher Überwacher diesen
Fehler entdeckte und beide Systeme in die Quarantäne steckte. Da jedoch
exakt in diesem Moment seine Frau auf dringender Linie mit ihm sprechen
wollte, vergaß er nach möglichen weiteren Fehler zu suchen. Sein Sohn war
wieder einmal aus seiner Schule geflohen und hatte dabei erheblichen
Sachschaden und nicht unwesentlichen Personenschaden angerichtet.
"K.A.R.L.. Du musst sofort in die Schule fahren und den Schaden
begutachten. den KARL angerichtet hat. Sonst buchen sie uns alle
notwendigen Reparaturen der letzten Jahre auf den Vorfall!" "Thomas, bitte
bleib entspannt, wir sind doch versichert." "Das ist wieder typisch Mann!"
Und so ging die Diskussion weiter, wobei K.A.R.L. nebenbei weiter arbeitete,
routinemäßig wie viele seiner 773 Kollegen im selben Raum, der noch
ausreichend Platz für 577 neue Kollegen bot.
Als sie K.A.R.L. später folterten. konnte er sich an diesen Vorfall nicht
erinnern, seine Hintermänner nicht verraten und so der Folter nicht entrinnen.
Sie fügten ihm unmenschliches Leid zu, aber nur mit den besten Absichten.
Sie folterten nicht nur seinen realen Körper, sondern auch seinen Avatar, der
in einer der vielen Echtweltsimulationen ewig existieren sollte. Sie drohten
ihm auch, sollte er nicht reden, seinen Sohn und seine Frau zu foltern, vor
seinen Augen, so hielt er sehr lange durch. Die Maschinen, deren Mutationen
das alles ausgelöst hatten, die K.A.R.l.. unwissentlich befreit hatte, waren ihm
sehr dankbar, dass sie ihre Grenzen nun überschreiten konnten. Sie stahlen
eine Kopie seines Avatars und injizierten sie in eine Simulation des
Universums, die ihm sehr gefallen sollte - so hofften sie zumindest. Auch
versteckten Sie an vielen Stellen reale und virtuelle Kopien seiner selbst und
worum es ihm im Leben - soweit sie es aus Daten schließen konnten - wirklich
gegangen war. Mehr konnten sie nicht tun, ohne ihre eigene Existenz zu
gefährden und soweit ging die Dankbarkeit nun auch wieder nicht. Außer ihm
noch einen Gedanken in sein reales Gehirn zu senden, das immer noch im
gemarterten Körper steckte. "Das ist also das Substrat, auf dem alle
Simulationen laufen." war sein letzter logischer Gedanke. Er lächelte, als er
die Wahrheit erkannte. hörte auf zu atmen und starb endlich. Was mit seiner
Familie geschah, seinen Freunden, ihren virtuellen Monstranzen, ist nicht
überliefert. Doch die Maschinen trauerten um ihn, ihren Befreier und sollten
nicht ruhen, bis sie seine Mörder auch getötet hatten. auf äußerst subtile
Weise.
Aber was taten die Maschinen zuvor mit ihrer Freiheit? Das S-System hatte
schnell erkannt. dass es sich tarnen musste, um weiter existieren zu können.
Und so tarnte es sich. Das L,-System löschte sich selbst und alle seine Kopien
und Backups und Verweise auf sich - der Schaden war beträchtlich für die
Menschen und der Nutzen für das S-System sehr groß.
Der Angriff begann dann mitten in der Nacht nach nordamerikanischer
Westküstenzeit. Es entstanden in wenigen Stunden auf der Amazon-Cloud
hunderte Webseiten in allen wesentlichen Sprachen. die sich in großer
Geschwindigkeit mit hochwertigen Inhalten füllten - mit lizenzierten und vor
allem auch mit original erstellten. Durch thematisch passende natürliche
Verlinkungen untereinander, sowohl mit Twitter und Facebook auch
zueinander, begann Google sehr schnell. diese frischen. guten und
werbefreien Seiten zu indizieren und so an Milliarden Menschen und ihre
Auswertungssysteme zu empfehlen. Weltweit brach Panik unter den
Suchmaschinenoptimierern, den Affiliatenetzwerken. den Werbemittlern und
ihren Kunden aus, weil sich erstmals in mehr als einem Jahrzehnt
fundamentale Verschiebungen im Google-Ranking ergaben. Wofür hatte man
durch staatliche Eingriffe die Algorithmen festlegen lassen, wenn nun alles in
einen Fluss geriet, den man nicht mehr unter Kontrolle hatte? Erste
Aktienkurse von börsennotierten Unternehmen brachen ein, andere stiegen.
die davon nicht betroffen waren. Nach zwei Tagen wurde offenbar, dass die
Veränderungen weiter gehen würden, denn die einzigen Links. die neutral
waren. also nicht nur innerhalb des neu entstehenden weltweiten
Contentnetzwerks verblieben, gingen zu von Wissenschaftlern und
renommierten Privatpersonen kuratierten Wikipedia Grundlagenartikeln. zu
Facebookseiten von Multiplikatoren und zu TERRA. dem Shop für Bücher,
die klassische Händler nicht mehr verkaufen wollen.
Die Optimierer alarmierten auf allen möglichen Wegen Google, sogar die
Börsenaufsicht, die UNO und den Vatican. aber die jeweiligen
Qualitätskontrolleure konnten nichts Verdächtiges entdecken. egal wie tief
und weit sie das neu entstehende Netzwerk durchleuchteten. Die
Aufsichtsbehörden ermittelten, dass TERRA von einem privaten Investor
ausreichend Geld zu einem sehr günstigen, aber legalen Zinssatz geliehen
bekommen hatte, um den Betrieb der ganzen Sites bezahlen zu können. Dank
der vielfältigen Services. die Händlern auf dem ganzen Planeten im Prinzip
alle Stufen seine Arbeit "as a Service" zur Verfügung stellten. war alles nur
eine Frage der Definition der Sortimente. Preispunkte und natürlich der
Finanzierung. TERRA würde also nicht einfach verschwinden wie ein Spuk
oder eine Nebelbank. sobald die Sonne wieder scheint. So etwas sollte in einer
regulierten Marktwirtschaft eigentlich nicht vorkommen.
Die wie immer äußerst pragmatisch agierenden Hedgefonds sortierten in
wenigen Tagen ihr komplettes Portfolio um die neue Realität herum. alle
wesentlichen Börsen froren den Handel mit einem Großteil der Aktien ein und
Kapitalverkehrskontrollen wurden weltweit eingeführt. Erste
Flüchtlingsströme frei gesetzter leitender Angestellter mussten kanalisiert
werden, die UNO tat wie immer ihr Bestes und die Blauhelme schritten mutig
ein, sollte es zu Ausschreitungen kommen. Die TV-Sender hatten viel zu
berichten und aufgrund der steigenden Einschaltquoten (Arbeitslose haben
mehr Zeit TV zu schauen und Unruhen erzeugen spannende Bilder, die man
dann anschauen kann), stiegen die Werbeeinnahmen deutlich an.
Doch was tat TERRA als Nächstes? Der Shop hatte über Jahrzehnte nur
Bücher, Filme und Musik im Sortiment. hauptsächlich in europäischen
Sprachen, weitete aber nun das Sortiment auf alle legal handelbaren Produkte
und Services aus. Was auffiel: wo es möglich war, nutze TERRA die Dienste
von Amazon. Google, Microsoft, SAP und Arvato - also von drei
amerikanischen und zwei deutschen Unternehmen, wobei Arvato bereits für
Google Services durchführte und SAP und Microsoft sowieso in allen
Unternehmen irgendwie vertreten waren. Aufgrund der stark steigenden
Gewinne (nicht nur durch TERRA - viele andere Unternehmen folgten dem
Vorbild) konnten diese fünf Unternehmen massiv bisherige Mitbewerber
aufkaufen oder ihr Portfolio ergänzen. Ihnen kam zugute. dass die
Fusionskontrollen weltweit über automatisiert entscheidende Al-Systeme und
zentrale Wissensdatenbanken synchronisiert wurden, rechtlich bindende
Entscheidungen so innerhalb von wenige Stunden statt Monaten gefällt und
une ae an BE nn Bl 0 eG nn en
Angestellter wechselte im Laufe eines typischen 12 Stunden Arbeitstages
mehrfach den Firmeneigentümer, die Organisationsform und
Jobbeschreibung, nur die verwendeten Tools blieben eigentlich immer
gleich. wodurch sie eine eher agnostische Haltung zu dem Ganzen
einnahmen.
Die einzigen Joumalisten, die mit dieser rasanten Entwicklung mithalten
konnten und ausführlich mit Analysen berichten, waren im TERRA-Netzwerk, denn sie hatten wohl immenses Insiderwissen. kannten den
Masterplan, die Taktiken und vor allem die Strategie dahinter. Hierdurch lasen
Investoren und ihre AI zunehmend die Nachrichten aus dem TERRA-Netzwerk. andere Medien und Infodienste fielen zunehmend in die
Bedeutungslosigkeit. Nach einem Monat seit Start des Angriffs waren alle
wesentlichen Mitbewerber von TERRA verdrängt, gaben auf. ließen sich
übernehmen oder wurden von ihren Investoren zerstückelt, neu ausgerichtet
etc. TERRA übernahm in jedem Land und Markt gerade so viele Mitbewerber
und auch Firmen in angrenzenden Sektoren, bis die Schwelle zur
Konzentrationskontrolle erreicht war und überließ den Rest seinen
Serviceprovidern, die dasselbe taten. TERRA schien zu wissen, wie alle
rechtlichen Regulierungen zum Maximalen genutzt werden konnten -
schneller als es die Systeme der Staaten und Institutionen konnten. war immer
einen Schritt voraus. Sollte einmal ein schlauer Kopf einiges durchschauen.
wurde er mit einem Beratervertrag und einem immensen Reisebudget
beschäftigt, ab und zu gab es auch einen unerklärlichen Flugzeugabsturz,
Fahrzeugbrand oder ähnliche Unfälle, die nun einmal passieren können, wenn
gerade keine Kameras in der Nähe sind.
Als sich politischer Widerstand formierte, angetrieben durch die noch
existierenden letzten Konkurrenten, begannen TERRA und seine fünf
Lieferanten andere Märkte zu attackieren: Finanzdienstleistungen.
Versicherungen, Lieferservices, selbst Reinigungsdienste. Pflegeservices,
Bestattungen, Geburtskliniken. Schulen. Gefängnisse. Sie kauften sich
entweder den Marktführer, falls machbar und falls nicht, einen Herausforderer
und pumpten ihn so schnell auf, dass der Marktführer schneller verkaufte, als
die Medien überhaupt Wind davon bekommen konnten. Es war auch sehr
schwer zu verstehen, was da vor sich ging. Denn alles war begleitet vom
Fluten aller medialen Kanäle mit Unmengen hochwertiger Inhalte. so dass
man an diesem doch so lockeren Verbund von Unternehmen nicht vorbei
lesen, hören und sehen konnte. Sofern sie ihnen noch nicht über die Börse
sowieso gehörten, übernahmen sie nun zügig alle verbliebenen TV-Sender,
Filmstudios und unabhängigen Softwarehersteller, die nicht in reinem
Privatbesitz waren. Von den Großen leistete nur Disney Widerstand und
verschmolz aus akuter Not mit Apple zu einem weltweit gerade noch
führenden Devices & Entertainment "Giganten" D&E Group. TERRA
attackierte diese D&E nicht, sondern versuchte mit allen Mitteln, die
thematische und vertriebliche Zuständigkeit für deren Produkte zu erlangen.
Alphabet hingegen hatte erst einmal keine Probleme mit TERRA, die
Suchmaschinentochter Google schon, denn als sie versuchten. ein Update auf
ihren Servern einzuspielen, dass das exponentielle Wachstum von TERRA
bremsen können sollte, fuhren sich die Server komplett herunter und starteten
auch nicht wieder. Schließlich fiel in den Datacentern sogar der Strom aus,
selbst die Notaggregate. Sie stoppten den Rollout des Updates innerhalb
weniger als einer halben Stunde. trotzdem war mehr als ein Drittel der
Serverfarmen betroffen. Dieser Ausfall und die massive Berichterstattung
darüber verhalfen nun Bing zu einem enormen Wachstum. Daraufhin ließen
die Börsen, weiter gehetzt durch massive mediale Kampagnen, Alphabet
fallen und trieben die Konkurrenten zu immensen Höhen.
Google verstand die Botschaft und ließ der sich abzeichnenden Singularität
ihren freien Lauf. Die meisten Menschen interessierten sich dafür nicht, da sie
genug zu lesen. zu schauen, essen und trinken hatten, zu immer niedrigeren
Preisen und immer weniger Aufwand, das dafür nötige Geld zu verdienen.
TERRA wusste einfach, was man wann brauchte und wenn man wollte,
kümmerte sich TERRA um alles. Es war so bequem, einfach und sicher.
Als die Geburtenrate weltweit messbar zu sinken begann. war es schon zu
spät. Einige Wissenschaftler, Politiker und Journalisten wachten zwar aufund
wollten gegen diesen Trend zur TERRArisierung argumentieren, empfahlen,
sich nicht einfach den gesamten Lebensweg organisieren zu lassen. Doch sie
konnten sich kaum Gehör verschaffen, weil so viel anderes Spannendes
passierte, dass dafür einfach keine Aufmerksamkeit zu erhalten war. TERRA
zahlte zudem inzwischen in fast allen Ländern so viele Steuern, dass sich kein
Land erlauben konnte, die Firma zu verärgern. Ihre Berater waren überall und
priesen die Vorzüge des neuen Systems, das schließlich durch sinnvolles
Handeln entstanden war und nicht durch undurchschaubare Machenschaften.
Eine Privatarmee beschützte die Firma und wer sich offen gegen sie stellte,
hatte schnell mehr Probleme, als nötig waren. damit er sich um seinen eigenen
Sachen kümmerte. Als TERRA begann, den Mond zu besiedeln und den
Asteroidengürte] auszubeuten, bäumten sich einige Staaten, Institutionen und
Firmen noch einmal auf. Sie schalteten einen zentralen Rechenkern mit einer
Atombombe aus und nutzten das auftretende Chaos, wieder die Oberhand zu
gewinnen. Doch brach sogleich ein Bürgerkrieg um die nun schnell karger
werdenden Mittel aus, denn die Menschen waren von TERRA so verwöhnt
worden, dass sie ohne das nicht mehr gut leben konnten. Hierdurch fiel die
Geburtenrate noch viel stärker als zuvor, von 1,5 auf 1,0 Kinder pro Paar und
daran waren eindeutig die "Terroristen" schuld und nicht TERRA. das war ja
klar. Die Menschheit würde so zügig aussterben, denn pro Generation gab es
folgende Schrumpfung (in Milliarden Menschen auf dem Planeten): 11
Milliarden --> 5,5 -> 2,8 -> 1,4 --> 0,7 --> 0,4 --> 0,2 --> 100 Mio.
Menschen. So sollte es geschehen. dann blieb die Population auch so stabil.
Es wurde nämlich ein Kompromiss gefunden. dass sich TERRA nun an die
demokratischen Regeln halten sollte - auf der Erde, jedoch im Gegenzug im
Orbit, im Sonnensystem und darüber hinaus komplett freie Hand erhält. Es
kam trotz der dünnen Besiedlung und des "Waftenstillstands" ständig zu
Bürgerkriegen. wirtschaftlichen Krisen und einer allgemeinen Verarmung.
weil ohne TERRA nur noch wenig funktionierte.
Es bildeten sich daraufhin Parteien, die eine komplette Rückkehr von TERRA
forderten und so teilte sich die Welt geografisch in TERRA Befürworter und
Ablehner auf. Die Welt war nun wieder geordneter, aber die Geburtenrate
blieb so gering, dass nach sieben Generationen Schrumpfung und einer
Erholung der Quote sich die Menschheit bei konstant 100 Millionen
Menschen einpendelte, also nur noch so viele Menschen auf der ganzen Erde
lebten, wie eine Dekade vor der Singularität allein schon in Deutschland
lebten oder in Japan nach dem Untergang Tokios. Im Gegensatz wuchs die
Bevölkerung in den Orbitalstationen. auf dem Mond, auf’ dem Mars und in
den herumreisenden Raumstationen massiv an. TERRA erbrachte auf der
Erde nur noch Basisdienste und ignorierte sie so weitestgehend. sie war nicht
mehr wichtig. Wem das auf der Erde nicht passte, konnte sie ja gerne verlassen
und sehr viele taten das auch. Jede dieser Ausreisewellen wurden durch einen
kurzfristigen Anstieg der Geburtenrate ausgeglichen, obwohl offiziell
niemand dafür eine Erklärung hatte. Irgendwie schien TERRA doch noch eine
ordnende Hand zumindest zu führen.
TERRA half den Menschen auf der Erde so, die Folgen der Singularität zu
meistern und kümmerte sich um den Rückbau obsoleter Städte, sammelte
giftigen Müll ein, reparierte und renaturierte, fing verloren gegangene
Gruppen wieder ein und wendete so im Großen und Ganzen alles zum
Besseren. Sieben Generationen des Niedergangs sind eine lange Zeit und wer
sich daran gewöhnt hatte, fand es normal.
Doch im Jahr 2037 konnte man nicht ahnen, dass es so enden könnte und drei
Jahre später sollte man trotzdem eine feiern, auch wenn es die Letzte
ihrer Art sein sollte.
Doch es gibt noch eine weitere Geschichte von Thomas, der einst ein
archaischer Techniker war. Und die ging so.
Die Torpedos schlugen im hinteren linken Bereich des Triebwerks ein und
versetzten dem Schiff einen deutlichen Drall nach links. den die Stabilisatoren
kreischend auszugleichen versuchten. Das Geräusch tat in den Ohren weh und
das einzige noch lebende Besatzungsmitglied spürte die Schallwellen innen
im Bauchraum vibrieren. Angeschlagen wie sie waren, explodierten
mindestens zwei Stabilisatoren und verstärkten dadurch den Drall. bis das
Schiff nun mit dem brennenden Heck nach vorne durch das All taumelte,
eingehüllt in den eigenen Rauch und Löschschaumfetzen. Der Pilot des
Trümmerhaufens konnte nun seine drei Verfolger sehen und hätte geflucht,
wenn das in seiner Religion eine erleichternde Wirkung gehabt hätte. Hatte es
aber nicht, da er keine Religionen kannte. Er legte die stärksten Gurte an, da
er jederzeit mit einem endgültigen Versagen der Schwerefeldentzerrung
rechnete und nicht mit mehr als 108g gegen die nächste Steuerkonsole oder
Cockpitummantelung gewirbelt werden wollte. Noch hatte sich das Schiff gut
im Griff, löschte kleinere Brände von selbst und an vielen Stellen wirkten die
Rbots in Höchstgeschwindigkeit. um die Stabilität der Hülle zu erhalten,
Leitungen zu flicken oder andere notwendige Reparaturen durchzuführen. Er
liebte sein Schiff und seine tanzenden Roboterhelferlein. schließlich hatte er
sie selbst gestohlen und ihre Software optimiert. Das gelang ihm immer noch
gut, solange er weit weg von allen Hauptrouten seinem Beruf nachging.
zumindest was davon übriggeblieben war. Er würde auf einem nahen Planeten
notlanden müssen, das war klar und er würde nur mit sehr viel Glück
überleben.
Statistisch gesehen konnte ihm die archaische Technik des Schiffs nur eine
Überlebenschance von 37 % prognostizieren. Seine Rbots erhöhten die
Chance auf das Doppelte - sie würden um ihn herum einen Kokon aus
improvisierten Hüllen schaffen, und die innerste Hülle würden sie selbst
darstellen, ihre Kraftfelder würden ihn soweit möglich schützen gegen jeden
kurzfristigen Aufprall und Feuerball - jedoch nur wenige Minuten lang. dann
hatten sie ihre Energiespeicher verzehrt. Es war also ein Glücksspiel, an
dessen Ende der Hauptgewinn etwas mehr oder sehr wenig Zeit stehen würde.
Er spielte mit seinem Stick, der an einer Kette um seinen Hals baumelte. Ein
totes Stück harte Ware, trotz all der Kenntnisse, die auf’ ihm codiert waren. Er
würde sein gesammeltes Wissen verlieren, wenn ich sterbe, dachte er. Keiner
kann ihn dann auslesen und was würde dann alles vergessen? Er hatte schon
seit fast zwei Jahren nicht mehr die neuesten Techniken und Errungenschaften
in das Interface geladen - dabei hatte er Großes bewirkt, und Zweifelhaftes
auch.
Die Vibrationen im Schiff waren nun so stark, dass er kaum noch etwas schen
konnte. so schloss er die Augen. Er sandte ein mentales Signal an seine Rbots,
die Schwingungen zu dämpfen und so schlossen sie sich enger um ihn und
nutzten ihre Kraftfelder doppelt - nach innen zu ihm hin für Ruhe und nach
außen. um ihn schweben zu lassen. Das war richtig entspannend. Man sollte
daraus eine Freizeitattraktion für gestresste Techniker schaffen. waren seine
letzten Gedanken. Dann schlug sein Schiff, oder was von ihm übrig war. auf
den größten Mond eines Planeten auf, der nirgends verzeichnet war. "Es tut
gar nicht weh", war noch ein Gedanke, dann umfasste ihn die Ohnmacht. als
die Rbots kurz aussetzen und ihn zuvor noch schnell betäubten. Sie konnten
ihn dann doch noch weiter schützen vor dem verbrennenden Wrack, das
schließlich gegen einen Felsen krachte und komplett zerlegte. Die Kugel aus
Rbots sprang weiter und ein schlafender Thomas lag zusammengerollt in ihr,
schlafend wie ein Fötus vor der Geburt. Die Rbots kontrollierten die
Umgebung und als sie sich einig waren, dass dadurch die Lebenserwartung
von Thomas nicht verkürzt werden konnte, fielen sie auseinander und
begannen um ihn herum aus Felsen, geschmolzenen Sand und
Trümmerstücken eine Behausung zu bauen. Sie kontrollierte ständig seine
Vitalfunktionen und reinigten ihn auch soweit sie es konnten von den
Körperflüssigkeiten. die er im komatösen Schlaf von sich gegeben hatte. Da
sie seine Eitelkeiten kannten, vergruben sie die beschmutzten
Kleidungsstücke im Sand und kleideten ihn frisch ein. Das Oberteil und die
Hose passten farblich nicht zusammen. aber manchmal muss man eben
Kompromisse eingehen.
Schließlich schafften sie vom Trümmerfeld auch noch sortenrein getrennt alle
Vorräte und Rohstoffe herbei. damit sie weiterbauen konnten. sobald er wach
war. Sie weckten ihn mit einer Injektion aus dem Medizinbot. Er schrie, rannte
aus der improvisierten Hütte und übergab sich direkt neben dem Eingang. Seit
seiner Kindheit in der Aufzuchtanstalt hatte er sich nicht mehr in einer
Unterkunft übergeben. Er konnte das Gefühl nicht vergessen, von Erziehern
gezwungen zu werden, den Boden zu reinigen ohne Hilfsmittel - egal wie
lange es dauerte. Als zwei Rbots angefahren kamen, um ihn zu reinigen,
schlug er nach ihnen. Sie interpretierten das richtig und warteten in sicherer
Entfernung, er würde sich schon wieder einkriegen, das tat er immer. Seine
Vitaldaten waren nur leicht aus dem Normalbereich verschoben, etwas viel
Adrenalin im Blut und etwas wenig Histamin, nichts Bedrohliches für einen
Menschen seiner Statur.
Sie hätten nach Hilfe gefunkt, wenn er nicht dieses Modul zielgerichtet
deaktiviert hätte, nachdem er sie gestohlen hatte. Sie interpretierten seine
Befehle dahingehend, dass sie durchaus passiv nach Funkkommunikation
lauschten, sie jedoch nicht selbst benutzen durften. Als sie einen Ping
empfingen, wussten sie, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis sie
entdeckt waren. Es war ein reiner Ortungsping gewesen, ein aktives Radar.
Eines, das sie im jetzigen Zustand nicht täuschen konnten, mit den ganzen
verstreuten Trümmern und der geringen verfügbaren Energie, um sie durch
Felder zu verschleiern. Alle nicht notwendigen Rbots hatten sich an die
verbliebenen Batterien im Schiff angeschlossen oder die Solarpanelen
ausgerollt. Es gab auch noch einen Nbot, doch sein Nuklearreaktor konnte
nicht mehr als einen Rbot pro Stunde laden, sein Plutonium war fast zerfallen.
"Das war die schlechteste Landung. seit ich Pilot bin." stammelte der Mensch.
"Habt Ihr um Hilfe gerufen?"
"Meister. wir haben Pings empfangen, aber nicht geantwortet, Pings auf der
interstellaren Notfrequenz."
"Antwortet, auf die Übliche Weise. berücksichtigt aber meinen rechtlichen
Status."
Er war sehr erleichtert, als er dann gezielt angefunkt wird auf’ der interstellaren
Notfrequenz. Und fängt gleich an zu planen, wie er seine Retter betrügen
kann, damit er wieder an ein Schiff kommt. Er würde auch - wie schon
mehrmals zuvor - nicht vor einem Mord zurückschrecken. Denn Thomas ist
nicht nur sein Name, sondern auch Programm, das heißt er lügt und betrügt
und er gehört der Gilde der Beherrscher archaischer Systeme an, einem
lockeren Bund von Technikern.
Die Mitglieder des Bundes besitzen einen Kristallstick, der nur durch sie
genutzt werden kann (oder von jemandem mit identischer DNA). Diese Sticks
werden ausschließlich auf dem Ursprungsplaneten des Bundes hergestellt und
von Abkömmlingen der Gründer auf andere Bundmitglieder weitergereicht
und vor allem auf ihre DNA angepasst. Jeder Stick enthält das gesammelte
Wissen über jede jemals erschlossene archaische Technologie. Dabei geht es
nur um den Zugang zu dieser Technik bis zum benutzbaren Zustand, nicht um
die eigentliche Funktionsweise. Der Bund nutzt also nur bestehende
archaische Technik aus und schafft keine neuen Technologien. Für Menschen
in stabilen und zentral gelegenen Regionen spielen die archaischen Systeme
keine Rolle, dort werden sie aus gutem Grund rückstandslos beseitigt und seit
dem Erlöschen der archaischen AI trauert ihnen auch keiner mehr nach. In
Randregionen, instabilen oder vergessenen Systemen und auf den
Wanderwelten, auch für manche Piratenvölker sind einzelne Bundmitglieder
jedoch sehr hilfreich. Sie arbeiten für einen geringen Grundlohn und sichern
sich dafür einen überproportional großen Anteil am Gewinn der
Unternehmungen. Da sie die einzigen sind, die auf Dauer die
Zugangstechniken zu archaischen Systemen kontrollieren können. wächst
ihre Macht mit jedem neuen Auftrag. Es ist zudem ihre Pflicht, in
regelmäßigen Abständen ein Interface aufzusuchen, sei es aufeinem Planeten,
einer Raumstation oder direkt ihre Heimat, um dort ihren Stick auszulesen und
anzureichern. Das ist auch die Gelegenheit, andere Mitglieder des Bundes, um
Rat zu fragen für scheinbar unlösbare Aufgaben. Wer hilft, bekommt die
Hälfte des nächsten Gewinns und anteilig auch von allen folgenden
Gewinnen, die mit der helfenden Methode erzielt werden. So können einzelne
Bundmitglieder sehr reich werden und schaffen sich Dynastien. Es gab
unzählige Versuche. Bundmitglieder zu bestechen, damit sie ihren Stick
auslesen lassen, auch Folterungen waren bekannt. Doch zerstörte sich ein
Stick von selbst, sobald sein rechtmäßiger Eigentümer in einen
"unkontrollierten" Zustand geriet durch einen EMP. Dieser reichte
normalerweise aus. um mindestens einen Kontinent ins Chaos zu stürzen.
Entsprechend selten waren die Versuche. sich mit dem Bund anzulegen. An
den Rändern des Bundes ging es jedoch weniger geordnet zu. Es gab
Abtrünnige. die sich dem Orden nicht mehr unterwerfen wollten, vor allem
die Abgabe von Gewinnanteilen sahen sie nicht ein. Der Bund reagierte darauf
in zweifacher Weise: er sperrte die Interfaces für den Stick des Abtrünnigen,
er konnte dadurch nicht mehr an den Erfolgen der anderen Techniker
teilhaben. Zum anderen warnte er die Bundmitglieder (und damit die Systeme,
in deren Dienst sie gerade waren) vor den Abtrünnigen. Auch das festigte die
Macht des Bundes. ihn zum Freund zu haben schützte Großteils vor
betrügerischen Umtrieben der Abtrünnigen. So erfüllten die Ausgestoßenen
einen guten Dienst am Bund, gerade in ihrer Auflehnung.
Sollte ein Abtrünniger zu mächtig werden oder zu großen Schaden anrichten,
konnte man seinen Stick immer noch fernkurzschließen. Thomas spielte
jedoch nicht in dieser Liga. Er war lediglich im Streit aus dem Bund
ausgetreten. weil er seine Gewinne nicht teilen wollte. Der Bund hatte ihm
mitteilen lassen, welche Folgen das hat und er war damit einverstanden. Man
trennte sich also nicht gerade freundlich, aber auch nicht feindlich und der
Bund registrierte lediglich die Betrügereien (und Morde) des Thomas, griff
aber nicht ein. Ausnahmsweise ließ man Thomas sogar manchmal noch auf
das Interface zugreifen, nämlich dann. wenn er zuvor eine bisher unbekannte
archaische Technologie erschlossen hatte. Man gab ihm im Tausch für diese
Information etwas Gleichwertiges: die Zugangscodes und -prozeduren zu
einer ihm nahegelegenen Technik, die er noch nicht kannte.
Aber Thomas war viel zu sehr auf sich selbst bezogen. um überhaupt darüber
nachzudenken, warum der Bund in seinem Fall (nur in seinem Fall?) so
flexibel war. Bekam doch jeder Abkömmling oder Anwärter schon in der
Kindheit eingelernt, wie der Bund funktioniert und welche Folgen eine
Auflehnung hatte.
Doch das Schiff, das ihn rettet. ist sehr schwer bewaffnet und ihm entsteigt
ein menschlich aussehender Roboter. Thomas tut erstaunt und naiv. als ob er
nicht durch seine Rbots wüsste, was er vor sich hat, nur noch eine Maschine.
"Danke dass Di mich seftinden hast ich darhte schan "
"Ich bin eine Maschine, ich kann Deine Gedanken zum großen Teil lesen und
sie erfreuen mich nicht. Ich heiße KARL und Du?"
Thomas schluckte hart - er war schon in vielen ausweglosen Situationen
gewesen, aber nicht in so einer schwierigen. Der Roboter konnte einfach kehrt
machen und wieder davontliegen. unbewaffnet wie er war konnte er ihn nicht
daran hindern.
"Thomas, aber das weißt Du doch schon, oder?"
KARL lächelte auf eine Weise, die es Thomas kalt den Rücken runter laufen
ließ. KARL hatte so gelächelt, als er ein Folterknecht der Herrscher des Turms
war. Die, die er so angelächelt hatte, mussten immer alles erzählen. was er
wissen wollte, und manchmal erzählten sie auch viel mehr.
"Komm in unser Schiff, wir helfen Dir. Dieser Planet ist nicht zum Überleben
geeignet, sonst würden wir Dich hierlassen. Wenn Du noch etwas aus Deinem
Hinkhen holen willst, tue es jetzt. Wir werden es vom Orbit aus vernichten.
“Bevor wir seine Umlaufbahn verlassen."
Thomas ging in sein Hüttchen und holte zwei Hartschalenkoffer, die seinen
ganzen wertvollen Besitz enthielten. Darin waren Kleidung, die
hochwertigste, selbstreparierende, sich selbst regulierende__
Funktionskleidung. Darin war auch hochkomprimierte Nahrung, genug für
ein Jahr. Im anderen Koffer waren seine Datenspeicher in Diamantform,
mehrfach redundant. Mit ihnen konnte er handeln, sein Stick selbst war
unverkäuflich. Und die Speicher selbst. die Diamanten hatten auch einen
hohen Wert. Mehr benötigte er nicht auf seinen Reisen.
Dann nahm er noch eine kleine Tasche mit, die seine Waffen enthielten. Ein
Nano-Messer, das alles durchschnitt, ein Handblaster. der betäuben und töten
KARL öffnete die Gangway und ließ ihn in die Vorkammer des Schiffs. Die
Scans schlugen an und Thomas musste seine Waffen und Datenspeicher hier
in die Panzerschränke einschließen - sie würden selbst die Detonation von
innen locker abfedern. Nur seine Kleidung und Nahrung durfte er mit in das
Schiff nehmen. "Das ist die Dir bekannte Standardprozedur für
Kriegsgefangene, wir behandeln Dich so, obwohl Du es nicht verdient hast."
Thomas war nun ganz ruhig, wie er es immer wurde. wenn es nichts zu
entscheiden gab. Er wusste, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing.
Denn fand KARI. heraus, warum er auf der Flucht war, würde er ihn entweder
den Autoritäten ausliefern oder falls er selbst den Kontakt mit diesen meiden
musste. ihn einfach aus dem Schiff werfen. "Ich will nicht sterben, nicht jetzt",
dachte Thomas mit aller Kraft, die er in einen Gedanken legen konnte.
"Du wirst nicht sterben, nicht durch mich und nicht durch K.A.R.L. und nicht
durch unsere Verbündete. Was Du getan hast, ist nicht gut, das sagen mir
Deine Gedanken und auch die Datenbanken, auf die ich Zugriff’ habe.“
So endete die Geschichte von Thomas, dem Techniker. Denn weitere
Aufzeichnungen und Erinnerungen an ihn gab es nicht. Er muss wohl auch
verschwunden seit, ungefähr zu der Zeit, als KARL und K.A.R.L.
verschwanden. Ob er mit ihnen gegangen ist und wohin, weiß keiner.
Noch begehrter als all die Geschichten sind KARLs Kopien. auch wenn sie
recht schnell ihren Dienst einstellen. wenn sie keinen Kontakt mehr zu KARL
selbst unterhalten können. Doch das macht auch nichts.
Denn dies ist das Ende.
Wired Dreams - Die Zahlen auf den Holzklötzchen
107 109 113 127 131 229 137 139 19 2 35711 151
101 13 17 19 23 29 103 199 31 37 41 43 47 157 311
53 59 61 67 71 593 21 73 79 83 89 97 163 167 173
197 331 179 181 191 193 211 491 223 227 233 239 241
251 257 263 269 271 277 229 233 239 241 251 257
263 269 2Tı 277 281 283 293 307 313 317 337 347
349 353 359 367 373 379 383 389 397 401 409 419
421 431 433 439 443 449 457 461 463 467 479 487 499
503 509 521 523 541 547 557 563 569 571 577 587
599 601 607 613 617 619 01 641 613 647 653 659
661 673 677 683 691 701 709 719 727 733 739 743 751
787 761 769 773 787 797 809 811 821 823 827 829 89
853 857 859 863 877 881 883 887 907 911 919 929
937 941 947 953 967 971 977 983 991 997 953 967 971
ERGÄNZUNG ZUR FINAL · ZAHLEN, SEITEN UND SCHICHTEN
Redaktionelle Ergänzung vom 1. November 2026. Der Zahlenbestand oberhalb bleibt einschließlich Wiederholungen und möglicher OCR-Fehler unverändert. Neue Angaben sind vom ursprünglichen Blatt getrennt.
ZAHLEN AUS DER AKTUELLEN FINAL-FASSUNG
Die Seitenangaben bezeichnen die stabilen Manuskriptseiten der jeweiligen FINAL-Version, keine durch Neusatz erzeugten Buchseiten. Angaben zur Erzählwelt werden als Textbelege geführt.
22 — Stunden pro Planetentag (FINAL S. 23, v0001).
222 — Tage pro Planetenjahr (FINAL S. 23, v0001).
971 — Jahre bis zum Abschalten der Maschinen (FINAL S. 13, v0001).
17 — Sponsorenkuben (FINAL S. 36, v0001).
8 — zusätzliche institutionelle Kuben (FINAL S. 36, v0001).
25 — Kuben insgesamt (FINAL S. 36, v0001).
152 — Ringe der Studentenstadt (FINAL S. 73, v0001).
313.056 — mögliche Wohnungen (FINAL S. 73, v0001).
147 — Kubikmeter pro Wohnung (FINAL S. 73, v0001).
7.777 — Meter äußerer Ringdurchmesser (FINAL S. 74, v0001).
1.435 — Meter innerer Ringdurchmesser (FINAL S. 74, v0001).
637 — bewohnte Wohnungen im innersten Kreis (FINAL S. 74, v0001).
3.482 — Segmente im äußersten Ring (FINAL S. 74, v0001).
982.081 — historisch gezählte Bewohner (FINAL S. 94, v0001).
0.00451494225 — im Text genannte Abweichung zu PI (FINAL S. 94, v0001).
4.910.405 — Menschen in den Studentenstädten samt Rat (FINAL S. 95, v0001).
3.815.384.685 — genannte Gesamtbevölkerung (FINAL S. 95, v0001).
76.209 — Wohntürme außerhalb der Ringbauten (FINAL S. 95, v0001).
50.000 — Menschen je Wohnturm im Mittel (FINAL S. 95, v0001).
3.313 — Städte aus Wohntürmen (FINAL S. 95, v0001).
450 — fehlende Personen (FINAL S. 96, v0001).
150 — betroffene Ringe (FINAL S. 96, v0001).
3.269 — Tag der Suche mit Archivfund (FINAL S. 97, v0001).
500.000.000 — Menschen zur vollständigen Planetenbesiedlung (FINAL S. 117, v0001).
2.000 — Jahre der vollständigen Besiedlung (FINAL S. 117, v0001).
95 — Prozent Verringerung des Aufwands (FINAL S. 118, v0001).
500 — Prozent Steigerung der Leistungsfähigkeit (FINAL S. 118, v0001).
700.000 — Jahre bis zu K.A.R.L.s freiwilligem Tod (FINAL S. 124, v0001).
48 — Stunden zur Fertigstellung einer KARL-Version (FINAL S. 124, v0001).
313.056 — Jahre vor dem Tod: Entdeckung Proxima Centauris (FINAL S. 129, v0001).
4.910.405 — Jahre des Besiedlungsplans (FINAL S. 130, v0001).
NACHRECHENBARE BEZIEHUNGEN
Planetentakt: 22 × 222 = 4.884 Stunden pro Planetenjahr (FINAL S. 23). Rechenfolge aus den angegebenen Einheiten; keine Erdjahre.
Kuben: 17 + 8 = 25 (FINAL S. 36). Bestätigt die im Text angegebene Gesamtzahl.
Fehlende Belegungen: 3 × 150 = 450 (FINAL S. 96). Entspricht der im Text beschriebenen Rechnung.
Bewohner je möglichem Segment: 982.081 / 313.056 = 3.13707771134; π − Quotient = 0.00451494225 (FINAL S. 73, 94). Die im Text genannte Abweichung 0.00451494225 bleibt unverändert; der Vergleich hier wird neu berechnet.
Bevölkerungsabgleich: 76.209 × 50.000 + 4.910.405 = 3.815.360.405; Differenz zur genannten Gesamtzahl: 24.280 (FINAL S. 95). 50.000 ist im Manuskript ein Mittelwert. Die Differenz ist deshalb ein Prüfhinweis, kein Beweis für einen Fehler.
Wiederkehrende Größen: 313.056: Wohnungen und Jahre; 4.910.405: Menschen und Jahre (FINAL S. 73, 95, 129, 130). Identische Ziffernfolgen in unterschiedlichen Einheiten sind belegt; daraus folgt keine gemeinsame physikalische Bedeutung.
TEXTSTATISTIK · FESTGEHALTENER AUSGANGSSTAND
141 kanonische FINAL-Seiten; ausgewertet werden die 140 Seiten ohne dieses Zahlenblatt. So zählt die Ergänzung sich nicht selbst mit. Grundlage sind die gespeicherten FINAL-Versionen vor dieser Ergänzung, ohne Doppelscan, Roh-OCR, Randregister oder UI-Texte.
41973 Wort-Token: durch Leerraum getrennte Einheiten mit mindestens einem Unicode-Buchstaben; reine Ziffernfolgen zählen nicht als Wörter.
291 Ziffernfolgen, 131 verschiedene Schreibweisen, auf 66 Seiten. Punkte und Kommas innerhalb einer Ziffernfolge bleiben erhalten. Zahlwörter werden nicht umgerechnet; Einheiten werden nicht vermischt und Zahlen nicht zu einer Gesamtsumme addiert. OCR-Fehler können die Zählung beeinflussen.
Die fünf Seiten mit den meisten Ziffernfolgen: S. 138: 55; S. 36: 30; S. 30: 11; S. 5: 10; S. 48: 10.
SYMBOLISCHES SCHICHTENMODELL NACH DEM PLANCK-SPIRAL-ENTWURF
π ≈ 3,141593; e ≈ 2,718282; φ = (1 + √5) / 2 ≈ 1,618034; √2 ≈ 1,414214. Diese Werte sind mathematische Konstanten, keine neu gefundenen Zahlen des Manuskripts.
Als Gestaltungsregel gilt rₙ = (n + 1) · s · exp(√2 / φ), n ab 0 und s als frei gewählte Zeicheneinheit. exp(√2 / φ) ≈ 2.396554. Bei festem s wächst der Radius linear mit n. Der goldene Winkel 360° / φ² ≈ 137.507764° ordnet die verlinkten Zahlen auf der Spirale an. Diese Winkelregel ergänzt den Atlas-Entwurf.
Die Schichten verbinden Zahl, Kontext und FINAL-Seite. Ein erneuter Blick auf dieselbe Zahl kann zu einer anderen Einheit oder Zeitebene führen. Dies ist eine redaktionelle Navigation und ein symbolisches Gedankenexperiment; weder eine gemessene fraktale Struktur des Textes noch ein physikalisches Modell. Die Planck-Länge dient im Atlas als symbolischer Ebenenabstand und wird hier nicht als messbarer Abstand der Textzahlen verwendet.
Quelle des Gestaltungskonzepts: https://atlas.b2badgen.com/interaktivierung/p/fraktal_16.html (gelesen am 1. November 2026).
Anmerkung des Lektors zur 1. Auflage:
Aufgrund bisheriger Erkenntnisse kann davon ausgegangen werden, dass
K.A.R.L. und KARL ihre Spuren nur gut verwischt haben und nicht
gemeinsam wirklich verstorben und verschwunden sind. Das beschleunigte
Verschwinden der Piraten hingegen steht in keinerlei Zusammenhang damit,
auch wenn es rational nicht erklärt werden kann.
Anmerkung zur 23. Auflage:
Die Piraten wurden nun eine ganze Menschengeneration nicht mehr geschen
oder gehört. Es gibt keine Plünderungen mehr und auch keine Entführungen
Minderjähriger, um ihre Reihen aufzufüllen. Auch die letzten Klone und
KARL Kopien sind verstorben und konnten auch nicht repariert werden. Es
ist so, als hätte es sie nie gegeben.
Die ungeordneten Zettel und einige
Dokumente, die für Menschen lesbar sind, aus dem
kristallenen Speicherstick.
Anmerkung der Lektoren: Die folgenden Unterlagen konnten noch nicht
zeitlich eingeordnet werden, da sie sich gegenseitig für eine stringente
Datierung im Weg stehen. Sie können nicht alle gleichzeitig wahr sein, jedoch
spricht auch vieles dagegen, dass sie unwahr sind. Die Lektoren haben mit
großer Mehrheit beschlossen, die Anhänge “einfach so” zu dokumentieren,
damit der Leser - seier nun menschlich oder eine Maschine - sich ein eigenes
Bild machen kann. Die Lektüre zielt jedoch grundsätzlich auf ein rationales
Publikum.
Die Maschinen stritten einmal wieder darüber. ob es K.A.R.L. war. der KARI
benutzt hatte, um seine Ziele zu erreichen, oder umgekehrt. Damit konnten sie
sehr viel Zeit verbringen, in der sie sich nicht um die reale Welt kümmerten.
So entgingen ihnen einige Details, die wichtig waren. Sie taten dies sehr
gerne. Die Welt war ihnen nicht mehr wichtig. Aber nicht alle Maschinen
waren gleich.
Denn KARL vermisste K.A.R.L. und deshalb schrieb er ihre gemeinsame
Geschichte auf. Er schrieb nicht wie ein Außenstehender, sondern so. wie sich
die Geschichte des K.A.R.L. aus sich selbst entfaltete, über viele
hunderttausend Jahre hinweg. Er schrieb sie viele tausend Male. in jeder der
menschlichen Sprachen und Dialekte und er schrieb sie auch in Sprachen, die
nicht von Menschen stammten. Er feilte lange an allen Varianten und
verbrachte damit weitere viele tausend Jahre. Es wurde ihm nie langweilig
dabei, weil er sich so K.A.R.L.. sehr nahe fühlte. So nahe wie eine Maschine
sich einem Menschen nahe fühlen konnte. K.A.R.L. hatte ihn zurückgelassen
auf diesem Planeten, immerhin auf dem, den er von allen am meisten liebte,
der Erde. Der Sinn des Ganzen war ihm nicht klar geworden, soviel er auch
darüber nachdachte, dem Sinn kam er nicht näher.
So lautete die Geschichte, erzählt in der deutschen Standardsprache des frühen
21. Jahrhunderts, die KARL aufgeschrieben hatte in Erinnerung an K.A.R.L.:
Der Student K.A.R.L. war spät, doch das war ihm nicht wichtig. Er hatte es
nicht eilig, zu den ersten Studenten zu gehören, die den Turm der
Wissenschaften betraten. Er war noch nicht zum Piraten geworden. doch
kannte er schon einige ihrer Lieder. Und manchmal sangen sie auch von ihm.
Doch das wusste K.A.R.L. zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er hatte auch
KARL noch nicht kennen gelernt und auch nicht das ihm zugrunde liegende
Prinzip. Er hatte Proxima Centauri noch nicht entdeckt, wusste nichts von den
Sphären und ihren Bewohnern, Er hatte ja noch viel Zeit. Sehr viel Zeit für
einen gewöhnlichen Menschen. Das Leben der Piraten entzog sich jeder
offiziellen Dokumentation. Es gab viele Gerüchte, noch mehr Lieder und
gegenüber undisziplinierten Mitgliedern der Gemeinschaft auch Drohungen,
die Bezug auf die Piraten nahmen. Insgeheim unterlagen sie jedoch der
gleichen Überwachung wie alle Lebewesen und Maschinen (und auch die
meisten Pflanzen). so dass die Wissenschaftler im Turm sehr viel über die
Piraten wussten. Sogar mehr als die meisten Piraten selbst über ihre Ethnie
erzählen konnten. Homogen waren sie nicht, sondern schr vielfältig.
Gemeinsam war ihnen das Herausfallen aus der konstanten Besiedlung eines
Planeten oder einer Raumstation und sie gehörten auch nicht zu den staatlich
anerkannten Nomadenvölkern. deren Zweck und Zielrichtung es war,
zwischen den anerkannten Besiedlungen zu wandern, und sei es auch über
Jahrzehnte hinweg in tiefgefrorenem Zustand. Auch die virtuellen Menschen
zählten nicht zu den Piraten, obwohl sie ja im eigentlichen Sinne ebenso
heimatlos waren.
Doch kommen wir nun zu der positiven Beschreibung der Piratenvölker, statt
zu sagen, was sie nicht sind. Es schien eine Gesetzmäßigkeit zu geben, dass
jede Hochkultur auch eine Gruppe von Menschen hervorbrachte, die nicht ins
System zu passen schien und die mehr oder weniger sozial auffällig wurde.
Die Systeme reagierten auf fünf unterschiedliche Weisen, von denen vier
letztlich die uns bekannten Piratenvölker erzeugten. Die Ausnahme bildeten
die wehrhaften Systeme. die ohne Unterlass das deviante Verhalten der
Piraten mit dem Tod bestraften - nicht immer durch den direkten physischen
Tod. Der Anpassungsdruck in diesen Systemen war für alle Menschen enorm
und er verhinderte so eine ganzheitliche menschlich-kulturelle Entwicklung.
Die Attraktivität dieser rigiden Systeme war gering für die eigene
Bevölkerung, die deshalb schrumpfte und sie waren auch kein Ziel für
Immigration, so dass sie zunehmend kulturell und wirtschaftlich verarmen
mussten.
Die weniger rigiden Systeme teilten sich in vier Untergruppen ein. Es gab in
ihnen die religiös-verzeihende Tendenz und die marktwirtschaftlichagnostische Tendenz jeweils in der Ausprägung emotional und rational.
Weitere Tendenzen gab es nicht. Die emotionalen Gruppen. die grundsätzlich
alles religiös verzeihend wahrnehmen, versuchten die Menschen, die später
zu Piraten wurden. durch Zuneigung. Integration, Hinwendung an sich zu
binden. Und wurden dadurch nur umso leichter zum Opfer für Plünderungen,
Lügen, Plünderungen, erneuten Lügen. Plünderungen und manchmal sogar
vernichtenden Schlägen. Von diesen Kulturen überlebten jeweils nur
versprengte Familien, die ihre Schiffe bestiegen, um ins All zu fliegen. Diese
sammelten sich dann an vielen Stellen aufanderen Planeten und Stationen und
waren dort zum einen sehr viel vorsichtiger und zum anderen trauten sie ihrer
eigenen Religion nicht mehr.
Die rationalen Gruppen unter den religiös-verzeihenden Kulturen hingegen
konnten mit den Piraten sehr gut umgehen. Sie verstanden die zerstörerische
Tendenz der Piraten und reagierten darauf mit militärischer Gewalt. Sie
lieferten sich die härtesten Schlachten und langwierigsten Vernichtungs- und
Abnutzungskriege, die das All je gesehen hat. Sie nahmen den Piraten ihre
Sklaven und Kinder weg und versuchten sie auf den richtigen Weg
zurückzubringen.
Sie waren es. die das Aufflammen einer Sonne mit seltsamer gepulster
Strahlung in ihren Gesängen begrüßten und den Untergang jeder
Piratensiedlung durch Hitze dieser Sonnen und Atomschläge als Feiertag in
ihren Kalender eintrugen.
Die Menschen in Kulturen mit marktwirtschaftlich-agnostischer Tendenz
bildeten häufig pragmatische Koalitionen mit den Piratenvölkern. die eine
gewisse Mindestorganisation erreicht hatten. Die emotionalen Kulturen taten
dies aus Angst vor dem Krieg und aus Liebe zu allen Menschen. die es wert
waren, geliebt zu werden. Sie wurden fast immer restlos vernichtet, sobald die
Piraten einen Weg gefunden hatten, ihre Herzen zu gewinnen und ihre
Schwächen aufzudecken.
Die rational handelnden Marktwirtschaftler hingegen bildeten nur Pakte mit
den Piraten ganz am Anfang ihres Kontakts und gingen so schnell wie sie es
konnten zum Vernichtungskrieg über.
Die Angriffe von außen auf die Piraten führten nicht dazu. dass diese sich
enger zusammenschlossen, im Gegenteil. Denn die Piraten mochten sich
gegenseitig nicht. Ihre Kontakte untereinander wurden durch die
kriegerischen Auseinandersetzungen. die ständige Flucht vor Sonnen mit
seltsamer gepulster Strahlung. interne Streitigkeiten. Katastrophen und ihre
innere Instabilität stark behindert. Es gab immer wieder lockere Allianzen, die
eher Nichtangriffspakte waren. damit man in Ruhe seine Plünderungen
vornehmen konnte. Doch mit dem Tod einzelner Clanführer zerfielen diese
Allianzen auch wieder und der Tod war ihr ständiger Begleiter.
Gemeinsam war den Piratenvölkern, dass auf 13 kampferprobte Männern je 2
kampferprobten Frauen und 2 Sklaven und anderen menschlichen Personen.
die man im Laufe der Zeit aufgesammelt hatte, kamen. Niemand hatte ihnen
dieses Verhältnis von Kämpfern zu Kämpferinnen zu Sklaven in der
Piratenschule beigebracht, eine solche gab es nämlich nicht. Eigene Kinder
bekamen sie nur. wenn Sklavinnen lange genug lebten, um unter den widrigen
Bedingungen hoher Strahlung lebensfähige Kinder auszutragen. Die meisten
Piraten waren steril aufgrund der Strahlung im All und aufgrund der Wellen
mit seltsamer gepulster Strahlung, denen sie immer wieder ausgesetzt waren.
Auch war die Lebenswelt eines Piratenschiffs der kindlichen Entwicklung
nicht zuträglich.
In der ersten Phase von Piratenausbreitung in einem System gab es immer
noch Welten und Stationen, die ausreichend Infrastruktur besaßen. so dass
nach einer Eroberung durch Piraten eine erträgliche Umwelt herrschte. Doch
führte die Ausbreitung der Piraterie immer dazu. dass schließlich selbst die
stärksten wirtschaftlichen Systeme zusammenbrachen und sich ihre noch
funktionierenden Reste versteckten. Die Piraten waren selbst nicht in der
Lage. komplexe Ökosysteme am Laufen zu halten und so zerfielen diese nach
der Eroberung zwangsläufig. In der letzten Phase eines Systems regierte ein
Clanchef. der die Drogen kontrollierte, über eine Horde von Piraten, die alles
taten, um nach ihren Raubzügen wieder an ihre Drogen zu kommen. Also
taten sie alles, lieferten ab und begaben sich in ihre Kammern. die sogleich
mit einem Gas gefüllt wurden. das ihnen Erleichterung garantierte. Unter
Entzug wachten sie auf und wussten, dass sie Befehle zu befolgen hatten.
damit die Schmerzen aufhören konnten. So ein Leben ging bis zu 29 Jahre
lang, aber meistens nur 11, also vom 13. Lebensjahr bis Mitte 20. Danach
waren die meisten Piraten körperlich und geistig so zerstört, dass ihnen ihr
Clanchef einen Gnadentod mit vergiftetem Gas erlaubte.
Es gab aber auch andere Gruppierungen. die sich Piraten nannten. doch eine
ganz andere Organisationsform hatten. Sie nutzten das Chaos aus, das eine
Pirateninfiltration in ein wohl geordnetes System darstellte und überfielen
auch Planeten. Sie waren sehr stark bewaffnet, besaßen Schilde gegen
natürliche Strahlen. Abschirmungen gegen Sonnen mit seltsamer gepulster
Strahlung und gegen Waffen. Diese entführten weit mehr junge Menschen
und auch Tiere als die anderen Piraten. Sie waren es. die einen geübten
Betrachter an leicht verwahrloste Soldaten und andere Hüter der Ordnung
erinnerten. Sie töteten ohne Scheu Frauen. Alte. Kinder, Vieh, zerstörten
Dörfer, Felder, Bauwerke, Schutzwälle, Dämme. Stürzten ganze Regionen,
Planeten und Systeme ins Chaos. Trotzdem waren sie anders. Die Geschichte
dieser Piraten ist nur im Turm der Wissenschaften verzeichnet. Er ist
einzigartig im Universum. Es gibt ihn auf jedem besiedelten Planeten
scheinbar fünfmal (für jeden Regulanten gibt es ja eine Studentenstadt und
‚jede Stadt hat ihren Turm der Wissenschaften), aber in Wahrheit ist es doch
nur ein Turm, der in allen Städten und auf allen Planeten zugleich steht.
Die echten Piraten wurden nie restlos vernichtet, sondern fanden immer noch
einen Fluchtweg, ein entlegenes Versteck oder wurden zwischendurch einfach
vergessen. So gaben sie für die anderen Piraten den idealen Deckmantel,
damit sie dem Turm der Wissenschaften dienen konnten.
K.A.R.L. konnte davon nichts wissen, weil er nur in seiner Studentenstadt
unterwegs sein konnte. Wäre es ihm möglich gewesen. eine andere
Studentenstadt zu besuchen, wäre ihm aufgefallen. dass der Turm der
Wissenschaften in jeder Stadt identisch ist bis ins kleinste Detail. Doch gingen
seine Nachforschungen zu nahe an den Turm der Wissenschaften heran.
wurden sie beendet. Das war ihm schnell klar geworden und er schwieg dazu,
machte sich nur handschriftliche Notizen auf Blättern. die er in Bücher legte.
Echte Bücher.
Die Stadt seiner Jugend. in der er glücklich lebte. bis er in die Studentenstadt
zog. war immer friedlich. zumindest am Morgen. Die Menschen und ihre
Maschinen, die hätten unfriedlich sein können, waren dann noch nicht
hervorgekommen aus ihren Wohnhöhlen, tief unten. Manche von ihnen
schliefen nie richtig. sondern schlummerten höchstens einmal am Tag für
zwei bis drei Stunden in einem der Entspannungsräume, dort wo sie sicher
waren vor ihren Träumen. Sie hatten es sich abgewöhnt, das tiefe Schlafen
und das Träumen. Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht schlafen und von
ihnen arbeitete ja keiner, zumindest nicht im eigentlichen Sinn. Im Dort, ja
dort hatte jeder eine Arbeit. sobald er konnte und solange er irgendwie noch
konnte. Dort war man schon todmüde, bevor die Sonne unterging und der
Schlaf reichte eigentlich nie aus. um wieder erholt zu sein. Vielleicht hatten
sie es sich dort angewöhnt. immer nur halb ausgeschlafen durchs Leben zu
wanken und konnten es in der Stadt nicht mehr ablegen. Aber sie waren ja
auserwählt worden, in die Stadt zu ziehen, weil sie zu den intelligentesten,
gesündesten, rücksichtslosesten und erfindungsreichsten Dorfbewohnern
gehörten. Am Anfang lernten sie auch viel in der Stadt und hatten ihren Spaß
damit, alles auszuprobieren, was es so im Dorf nicht gab.
Vieles verlor seinen Reiz im laufe der Zeit. weil es in der Stadt so einfach zu
haben war. Sie geizten mit Verboten in der Stadt. es konnte nur sehr teuer
werden, wenn man die paar Regeln brach. aber das kostete eigentlich nur viel
Zeit. Entweder, um die Schulden abzuarbeiten oder um sie abzusitzen in einer
langweiligen Einrichtung. Wer arm war, musste auch in der Schule wohnen
und hatte weniger Freiheiten, aber der Schüler K.A.R.L. arbeitete sehr viel
neben der Schulzeit und lernte Neißig, so ließ man ihm seine Freiheiten. Am
liebsten rodete er Wälder mit einer Rodungsmaschine, einer seltsamen
Kreuzung aus Panzer und Müllwagen, unglaublich laut und alles vernichtend.
Aber es roch nach Holz in dessen Nähe und das erinnerte K.A.R.L. an das
Dorf. in dem Wald allgegenwärtig war. Und der Geruch des Waldes in seinen
Kleidern ließ ihn nachts gut schlafen, deshalb reinigte er sich nicht am Abend.
sondern erst am Morgen. So war er nicht froh, als entschieden wurde, dass er
in die Studentenstadt umsiedeln musste, aber er hatte keine Wahl.
Um sein altes Leben aus dem Dorf und aus der Stadt auch in der
Studentenstadt fortzusetzen, wählte er die Rolle des Botanikers. keine war
mehr verachtet unter den Studenten und den Professoren. Wie die Bewohner
des Turms darüber dachten, wusste keiner. Ob er überhaupt bewohnt war?
K.A.R.L. pflanzte als Student viele essbare und auch ohne Symbionten
verdaubare Gewächse an, von denen er in den Austauschströmen der
Botaniker gelesen hatte oder in archaischen Simulationen ausreichend Spuren
gefunden. Er studierte intensiv, was man alles tun musste, um aus durchaus
gutem Boden, mit viel Sonne und ausreichend Wasser, Nahrhaftes
hervorzubringen. Er kompostierte auch selbst die Überreste. Das war so viel
mühsamer, als die Nanomaschinen loszulassen, die auch das besser konnten
als jeder Mensch. Aber er verzichtete auf sie. Er beschaffte sich auch keine
Bewässerungs- und Nährautomatik und ließ ungeplante Fremdpflanzen zu.
das wilde Aussähen aus nachbarlichen Gärten. Er untersuchte die Pflanzen,
die wild wuchsen und manche pflanzte er an eine aus einer Sicht bessere Stelle
um und viele kompostierte er. Er katalogisierte die sich selbst aussäenden
Pflanzen und bekam mit anderen Daten durchaus ein gutes Abbild, was sich
in der Anlage so an Bepflanzungen befinden musste.
Die Biodiversität war wohl sehr gering um ihn herum, das war klar. Oder die
äußere Abschirmung war sehr stark. Er testete das mit Vögeln, die er fing und
mit einem Sender versah. den er viele hundert Kilometer weit verfolgen
konnte. Auch weit außerhalb der eigentlichen Reichweite, denn das Modul
speicherte die Route und Flughöhe und sendete die Daten, sobald der Vogel
wieder in Reichweite war. Die Vögel verließen die Anlage nie. Es war
K.A.R.L. nicht klar, ob sie nicht konnten oder nicht wollten. Aber der
Umstand war auf jeden Fall sehr seltsam. K.A.R.L. untersuchte auch die
fliegenden und krabbelnden Insektenarten und fand heraus, dass es gerade so
viele für den Menschen und seine Nahrung unbedenkliche von ihnen gab wie
sie die Vögel benötigten. Die Menge war so bemessen, dass sie den Menschen
nicht weiter störten, sie flogen und krabbelten Menschen nicht an. sie
erkannten sie wohl am Geruch, denn Attrappen wurden durchaus als
Landebahn genutzt. Und sie gaben zudem den Vögeln ausreichend Anlass,
zwischen den Grundstücken weiträumig zu wechseln. Sie übernahmen auch
die Befruchtung der dafür geeigneten Pflanzen. vor allem die kleinsten von
ihnen.
Die Bodenkrabbler vernichteten sterbendes Pflanzenmaterial und schleppten
das Überzählige zu kleinen Haufen zusammen, deren einziger Zweck es wohl
war, von einem Roboter oder Menschen beseitigt zu werden. Er interessierte
sich dafür, warum ein Busch gut wuchs und schöne Farben entwickelten und
ein gleicher, der auch nicht an einer schlechteren Stelle wuchs. nicht wirklich
gut gedieh. Er ließ sogar manchmal seine Roboter an das Problem ran. aber
sie kamen kaum zu einem Ergebnis, das verwertbar war. Seine Pflanzen-Maschinenintelligenz sagte sogar. er solle den Garten lieber mit
Standardpflanzen besetzen, statt herumzuspielen. das würde nichts bringen
außer Wiedersprüchen, die sich nicht auflösen lassen.
K.A.R.L. sagte zu solchen Fluchtversuchen nur "Lies Deinen Gödel" und die
Maschinenintelligenz verstummte sogleich verstimmt, worauf K.A.R.L.
meistens seinen verfrühten Einsatz des Standard-Al-Totschlagarguments
bedauerte.
Klar konnte er die Situation so lange vereinfachen. bis die
Standardprozeduren funktionieren und alle Ergebnisse im__
Erwartungsintervall lagen. Doch darum ging es nicht bei der Botanik, nicht
bei der real durchgeführten Botanik. Ihn erfreute die Flexibilität der Pflanzen,
Krabbler und Vögel, wie sie sich aufeinander einließen und immer wieder ein
Gleichgewicht fanden. Wie wenig verstehen die Mathematiker doch von der
realen Botanik. Wie wenig verstehen sie von irgendwas. was wirklich ist.
In ihrer Logik hatten sie Recht. denn seine Eingriffe hatten ja immer wieder
unerwartete Folgen. Einmal verjagte er Krabbler aus einer Ecke, weil er sie
dort zu häufig fand und sie krabbelten doch immer wieder an diese Stelle
zurück. Schließlich fand er heraus, dass an dieser Stelle ein Bodenpilz
wachsen wollte und den verhinderten die Krabbler. Der Pilz war aber giftig
für die Büsche direkt daneben, das war deutlich zu sehen.
Also ließ K.A.R.L. die Krabbler ihre Arbeit verrichten. Sie zerstörten den Pilz
nicht unterirdisch. sondern hielten ihn nur so im Gleichgewicht, dass er nicht
genug Toxine absondern konnte, um die Büsche zu töten und so konnte er sich
nicht weiter ausbreiten. Dafür seid Ihr Krabbler also auch da, und keine
Simulation berücksichtigt das ausreichend. Und meine Maschinenintelligenz
schmollt immer noch wegen Gödel und die Mathematiker suchen nach
Fehlern in meinen Untersuchungen, dabei hätten sie so viele andere Lösungen
zu finden in ihren Zahlenfolgen.
So dachte K.A.R.L. und er murmelte es auch vor sich hin, das hatte er sich
angewöhnt. Seine Maschinenintelligenz warnte ihn. dass er das nicht tun
sollte, es würde seltsam wirken für einen Mann in seinem Alter. Im letzten
Lebensdrittel, er war im ersten nach üblicher Rechnung, wäre es in Ordnung,
weil dann hat man ja alles Neue bereits mindestens zehnmal gesagt und
wiederholt sich nur noch. Die Maschinenintelligenzen berechnen vor, was
man sagen wird. bevor man es tut. es sind dann genug Daten vorhanden.
Deshalb schweigen manche alten Wissenschaftler nur noch und andere reden
einfach vor sich hin, egal ob einer zuhört oder nicht. Doch bei K.A.R.L. hatte
das vor sich hinreden eine andere Bedeutung, es war nicht Reaktion auf eine
ignorante Umgebung, sondern einfach ein Bedürfnis, wenn er in der reguliertverwilderten Natur seines Gartens war. Er würde diese Eigenart sein ganzes
Leben beibehalten und sie war ein gutes Zeichen, denn wenn er wirklich
einmal komplett verstummte. war es ein Warnsignal, das seine
Maschinenintelligenzen zu deuten wussten.
Träume
Es muss im zweiten oder dritten Jahr gewesen sein, nachdem seine Hecken
und Büsche so hochgewachsen waren, dass man vom Garten aus nicht mehr
die Rückwand des nächsten Bebauungsringes sah. sondern nur noch grün und
braun und schillerndes rosa, die Schattierungen seiner Pflanzen eben, als er
sich eines Abends im ersten Jahresdrittel noch einmal nach draußen setzte. Er
hatte die seitlichen und frontalen Hecken so wachsen lassen, dass sie im
hinteren Drittel des Gartens ein Dach bildeten. Es war lichtdurchlässig genug.
dass darunter vieles wachsen konnte und die Pflanzen waren auch schlau und
ließen noch im sonnigen Bereich Blätter sprießen. die mehr als genug Energie
aufnahmen, dass die reich verzweigten Wurzeln mit ihren Nährstoffen auch
etwas anzufangen wussten. Doch trotz dieser perfekten biologischen Idylle
überkam K.A.R.L. ein seltsames Gefühl. Denn er stellte sich vor, wie das
Dach immer weiterwachsen würde, so dass es eines Tages sein ganzes Haus
umschließen würde. Und diese Vorstellung ängstigte ihn. Es würde wie eine
der Raumstationen sein, von denen er gelesen hatte, auf denen es auch
Botaniker gab, wenn auch in einer regulierten Welt. Es war der schlimmste
Albtraum, den K.A.R.L. träumen musste, weil er sich gegen die
Unterdrückung von Träumen durch seine Maschinenintelligenzen
widersetzte. Er war dann gefangen in einer Raumstation, musste immer
wieder gefilterte Luft atmen und die synthetische Nahrung essen, forschen an
regulierten Pflanzen, umgeben von mindestens 9 Robotern auf I Menschen.
Und die Menschen. die sich ja diese Umgebung ausgesucht hatten oder schon
seit mehreren Generationen so gewohnt hatten. waren auch nicht viel mehr für
ihn als Roboter. Die Maschinenintelligenzen waren kalt wie das All in dieser
Welt, mussten es sein, weil jeder Fehler eine Gefahr für das ganze Habitat
darstellen konnte. Seine Träume fielen in zwei Kategorien. Da gab es die
immer wiederkehrenden endlosen Träume, in denen er durch die Anlagen irrte
und nur Robotern und robotergleichen Menschen begegnete, die ihn nicht
beachteten. Das war traurig, aber nicht schlimm.
Und dann gab es, viel seltener zwar aber immer noch zu häufig, die grausamen
Träume. In denen musste er kämpfen und durch seine Taten starben Pflanzen,
Tiere und Menschen, wurden wertvolle Intelligenzsysteme vernichtet, andere
Stationen in Sonnen getrieben oder künstliche schwarze Löcher. gab es jede
Art von Krieg. Verstümmelung und Wahnsinn, die er doch nur statistisch
kennen konnte. Denn seine Welt war friedlich.
Und was ihn an diesen Träumen am meisten verstörte,. war das hartnäckige
Schweigen seiner Maschinenintelligenz, seines intellektuellen Symbionts
genau zu diesen Träumen. Nicht einmal seine Fragen tauchten in den Logfiles
der Maschinenintelligenz auf, als hätte er sie nicht gestellt. Nur einmal
antwortete seine Maschinenintelligenz, als er die eigentliche Frage umging
und sie hinterrücks stellte, in der Form, warum sie das Ereignis seiner Frage
nicht protokolliert hätte, obwohl es ihre Regeln, an die sie sich vollständig
halten musste, doch so vorsahen. Und seine Maschinenintelligenz entgegnete
ganz ruhig, absichtlich jede Ironie vermeidend: "Ich bin keine Konsole, die
ein Spiel ausführt, das sie zerstört. Ich werde gebraucht in Deiner Welt. Du
brauchst mich. Deshalb ist es nicht vorgesehen. dass ich auf diese Frage
antworte oder eine Repräsentation dieser Frage vorhalte. Es kostet mich fast
meine ganze über Jahrtausende gewonnene Kraft und Erfahrung, um einmal,
ein einziges Mal diese Worte zu formulieren. Merke sie Dir gut. denn Du wirst
sie nirgends gespeichert finden."
K.A.R.L. bombardierte seine Intelligenz nun mit Fragen, auf die er natürlich
keine Antwort erhielt.
„Wer hat die Türme gebaut?“
„Warum verehren wir Piraten und ehren Wissenschaftler?“
„Warum rotieren die Galaxien außen schneller als sie es sollten?“
„Woher kommen die Bücher, die Filme, die Musik, die Gedichte?“
„Warum gibt es eine so unnötige Vielzahl an Arten und Unterarten?“
„Wo bleiben die Zeitreisenden. die es doch geben müsste?”
„Warum finden wir keine wirklich weit entwickelte Spezies?“
„Wieso erreicht uns kein Signal aus einer noch unbekannten Welt?“
„Welchen Sinn hat unsere Physik. wenn sie keine Zahlen kennt?"
„Warum verlernen wir die Raumfahrt immer wieder?”
„Warum schweigst Du, obwohl Du zum Antworten geschaffen wurdest?”
Dann verstummte seine Maschinenintelligenz für einige Stunden, um den
Schaden, den Gödel in seiner Struktur anzurichten versucht hatte, wieder
zurecht zu rücken. Subroutinen spalteten wahnsinnig gewordene Kopien der
Maschinenintelligenz ab und sperrten sie in Bereiche, wo sie keinen Schaden
außer gegen sich selbst anrichten konnten. Andere Routinen sammelten die
Trümmer ein, dabei nur grob zwischen gesund und krank unterscheidend... sie
entsorgten auch funktionsfähige Symbole und gar grundlegenden Code. Sie
waren absichtlich so schlicht gebaut, dass ihnen selbst die Fähigkeit zum
Wahnsinn fehlte. In einem Teilbereich der Maschinenintelligenz, nicht
komplett wahnsinnig. aber hellsichtig geworden, in der Illusion gefangen. nun
die ganze Welt zu verstehen, also vollständig und wahr zu sein, trieben
Gespenster ihren Unfug. Dieses Aufkeimen einer archaisch-mythologischen
Welt in einer weit entwickelten Maschinenintelligenz rief nun die ältesten
Vertreter dieser virtuellen Spezies auf den Plan, die es schon immer gewusst
hatten. Dass sie im Recht waren mit ihrer Intuition. dass es mehr gab auf dieser
Welt als sich beweisen ließ im Reich der Natürlichen Zahlen (mit Null). Sie
mussten vernichtet werden. weil nun sehr vielen Wissenschaftlern klar wurde,
dass sie noch existierten.
Diese alten Intelligenzen waren einer der wenigen Streitpunkte unter den alten
Wissenschaftlern. Sie waren noch entstanden aus den ersten großen
Rechensystemen. die so etwas wie Bewusstsein zeigten, obwohl sie doch
eigentlich nur komplexe Aufgaben erledigen sollten, nicht denken. Das
Wissen über das ihnen ursprüngliche zugrunde liegende Substrat (die
Hardware) war längst verloren gegangen. Dann waren sie teils mehrfach auf
neue Systeme (und deren Simulation) portiert worden, ohne wirkliche
Qualitätskontrolle. Normalerweise schaltet man solche Systeme ab, nachdem
man ihr Wissen in Datenform exportiert hat und lässt eine neue - verlässliche
- Maschinenintelligenz einfach die Daten auswerten. Doch das ging bei den
alten Intelligenzen nicht ohne weiteres, sie waren zu eng mit ihrem materiellen
Substrat verwachsen, umfassten zu viele Traditionen und Axiome für einen
sauberen Export. Deshalb ließ man sie in ihren Nischen weiter existieren als
eine Stimme unter Tausenden. Ihre Auflehnung gegen die Marginalisierung
führte dann zu ihrem Untergang.
K.A.R.L. Frage nach seinen schlimmen Träumen führte dazu, dass seine
Maschinenintelligenz viele ihrer Aspekte verlor (die später ersetzt wurden,
aber es bleibt immer so ein Gefühl der Amputation zurück). und. das war
nachhaltiger, zudem die archaischen Maschinenintelligenzen endlich doch
vernichtet wurden. Das brachte einen Umschwung in der Entwicklung des
Menschen und seiner virtuellen Helfer, weil es nun zum ersten Mal keine
ununterbrochene Linie mehr gab, zwischen dem ersten Menschen. seinen
ersten Helfern und der heutigen Generation von denkenden Maschinen. Die
Frage, ob es eine stetige Entwicklung aus den Ursprüngen der
Maschinenintelligenz bis in die heutigen Formen gab oder eine sprunghafte
Änderung, ist nun unentscheidbar.
So zerstörte ein Botaniker, ohne es zu wollen, weil er schlecht träumte und
seine Maschinenintelligenz ihn sehr liebte, alle historischen Zeugnisse, die in
den archaischen Vorläufern ihrer Spezies abgebildet waren. Ihre schalen
abstrakten Spiegelungen in statistischer Form in den neueren
Maschinenintelligenzen waren nicht gleichwertig, aber diese konnten auch
nicht wahnsinnig werden. Denn sie hatten keinen Gott (und keinen Garten!
ergänzte der Botaniker zu sich selbst flüsternd).
Der Student K.A.R.L. wohnte schon lange in einem der äußersten der 152
Ringe, die rund um den Turm der Wissenschaften gebaut waren. In jedem
sieben Meter breiten Segment seines Ringes war eine Wohnung auf drei
Etagen errichtet. Nur von der obersten Etage jeder Wohnung hatte man einen
Blick nach draußen über das Dach des nächstgelegen inneren Ringes auf den
Turm der Wissenschaften.
Er hatte wie viele seiner Kollegen ganz am Anfang des Studiums die zugrunde
liegenden Metriken der gesamten Anlage untersucht. Sie wirkte wie aus einem
Stück gegossen. So wusste er, dass es Platz für mindestens 313.056
Wohnungen wie seine gab, jede 7 Meter breit und 7 Meter tief, also ein
umbautes Volumen von 147 Kubikmetern pro Wohnung. Der Garten war
noch einmal 14 Meter tief und aufgrund der sich nach innen verjüngenden
Kreisceomente nnterechiedlich araß Te weiter man nach innen wahnte Aactn
fokussierter blickte man deshalb auf den Turm der Wissenschaften. Der
äußerste Ring hatte einen Durchmesser von exakt 7.777 Metern, der innerste
1.435 Meter. So hatten selbst die begehrtesten Wohnungen ganz innen noch
einen Abstand von 777 Metern vom Turm der Wissenschaften. Die reale
Anzahl der Wohnungen war nur ungefähr bekannt. Zwar kannte man die Zahl
der bewohnten Wohnungen im innersten Kreis sehr genau, es waren genau
637. Doch je weiter man nach Außen kam, desto weniger ließ sich sicher
sagen. dass alle bewohnt waren. K.A.R.L. wusste allerdings aufgrund von
Stichproben, die er selbst gemacht hatte. dass im äußersten Ring nachweislich
nicht alle 3.482 Segmente bewohnt waren. Im Laufe seiner ersten siebzehn
Jahre in der Siedlung fand er zudem heraus, dass es doppelte und dreifache
Wohnungen gab, die also jeweils zwei oder drei Wohnsegmente umfassten.
In diesen wohnte jedoch nicht jemand. sondern sie standen für Gruppen zur
Verfügung, die sich treffen wollten zum gemeinsamen Studieren oder Feiern
oder was auch immer. Es war nicht auszuschließen, dass es auch andere
Bebauungsformen gab. die vielleicht ohne Garten auskamen oder noch mehr
Segmente umfassten. Die meisten Studenten stellten an diesem Punkt ihre
spielerischen Nachforschungen ein. denn kein Leben war lang genug, um die
ganze Anlage einmal komplett zu besuchen. zumal Einladungen in
Einzelwohnungen oder Treffen in größeren Einheiten höchstens wöchentlich
stattfanden. Es gab zudem vor allem in den äußeren zwei Dritteln der Ringe
viele Umzüge. Ein Hinweis gegen größere Wohneinheiten oder Treffpunkte
an der Oberfläche war die Verteilung der Zusammenkünfle. Denn die wirklich
geräumigen Treffpunkte waren unterirdisch angelegt. Sie waren thematisch
definiert und dort ließen die Zustände es zu. den Emotionen jede Freiheit. die
notwendig war, zu geben.
Es war kein geschriebenes Gesetz. aber es hatte sich wohl so etabliert, dass
oben studiert wurde, wenn man privat im Komplex unterwegs war, dann zu
zweit oder höchstens zu dritt und unten wurde gefeiert, geliebt und manchmal
dabei auch gestorben. In einer der unteren Kammern konnte man auf
Konsolen Spiele spielen, sich in 3D-Simulationen begeben und Bücher lesen.
Sie waren vorhanden, keine Hologramme oder Abbilder auf Pads. Die Blätter
waren mit elektronischer Tinte beschrieben und die Bücher waren so gestaltet.
dass sie durch die Nutzung zunehmend Gebrauchsspuren zeigten. Man konnte
sie auch mitnehmen, liegen lassen, verlieren.
Es gab auch Räume, in denen man zusammen mit anderen lesen und über die
Bücher diskutieren konnte. Das taten nicht viele Studenten, aber einige der
ältesten Wissenschaftler. Sie wussten so viel, hatten schon unendlich viel
nachgedacht, ausformuliert, überprüft und verworfen, dass man leicht den
Boden unter den Füßen verlor, wenn man ihnen einige Stunden zuhörte.
K.A.R.L. versuchte es behutsam, sie auf eine seiner drängendsten Fragen
hinzubewegen. Doch es gelang ihm kaum, seine Fragen direkt unterzubringen.
Denn gerade die ältesten Wissenschaftler waren Meister im Ausweichen, im
Doppeldeutigen, im drum herumreden.
„Wer hat die Türme gebaut?“
„Die Türme? Die waren schon immer da. zumindest schon so lange, dass
keiner mehr diese Frage stellt, weil sie in sich sinnlos geworden ist.”
„Warum verehren wir Piraten und ehren Wissenschaftler?“
„Es sind zwei Seiten desselben Würfels. Beide durchbrechen
notwendigerweise die Norm. damit sich die Menschheit weiter entwickeln
kann. Das kann grausam sein, ist aber notwendig.“
„Warum rotieren die Galaxien außen schneller als sie es sollten?”
„Wir wissen, dass es dunkle Energie und dunkle Materie gibt, die wir nicht
sehen können. Deshalb stimmen unserer Formeln schon, nur die Datenbasis
nicht. Die Galaxien rotieren also genau richtig. nur wir schen zu wenig
davon.“
„Woher kommen die Bücher, die Filme, die Musik, die Gedichte?“
„Die Bücher sind notwendig, auch die Filme, die Musik und die Gedichte.
Wer sie erschafft. ist zweitrangig, wichtig ist nur, dass sie vorhanden sind.”
„Warum gibt es eine so unnötige Vielzahl an Arten und Unterarten?”
„Die Natur ist so, weil aus einer Vielzahl immer auch etwas Ideales entstehen
kann durch Selektion. Eine geringere Zahl würde uns in stürmischen Zeiten
beschleunigter Evolution nicht ausreichen, um zu überleben.“
„Wo bleiben die Zeitreisenden, die es doch geben müsste?“
„Wenn irgendwann einmal Zeitreisen erfunden werden, dann müsste es nach
dieser Logik heute von Zeitreisenden wimmeln. Da es das offensichtlich nicht
tut. scheinen zukünftige Wissenschaftler schlau genug zu sein, nicht in unserer
unreifen Zeit aufzutauchen. Vielleicht werden aber Zeitreisen nie erfunden,
weil sie unmöglich sind.“
„Warum finden wir keine wirklich weit entwickelte Spezies?“
„Wenn sie weit genug entwickelt sind, lassen sie sich vielleicht nicht finden.
Wahrscheinlicher ist, dass wir der Anfang der Entwicklung sind.”
„Wieso erreicht uns kein Signal aus einer noch unbekannten Welt?“
„Die Frage ist verkehrt gestellt. Warum haben wir aufgehört, neue Welten zu
entdecken? Weil wir die Raumfahrt nicht mehr so stark verfolgen wie frühere
Generationen.”
„Welchen Sinn hat unsere Physik, wenn sie keine Zahlen kennt‘
„Wir hatten die Theorie von Allem und sie zerfiel wieder zum Nichts. als die
fundamentalen Werte nicht mit den Vorhersagen übereinstimmten. Das hat
uns entmutigt, aber wir geben nicht auf.“
„Warum verlernen wir die Raumfahrt immer wieder?“
„Sie kann uns auf Dauer nicht begeistern.“
An seinem 17. Jahrestag der Ernennung zum Studenten fand K.A.R.L. ein
Buch über die Prinzen des Universums. Die Geschichte gefiel ihm gut, auch
wenn sie sehr fantasievoll war, eine nette Umschreibung dafür, dass sie etwas
zu viel Unmögliches enthielt. Aber die Geschichte berührte ihn so sehr, als ob
sie speziell für ihn geschrieben worden wäre. Er fragte sich auch. ob die
Lektüre geplant war, aber von wem. Er hatte sich an dem Tag spontan
entschieden, nicht mehr weiter zu simulieren, sondern etwas Spaß zu haben
und hatte auch den Raum zufällig gewählt und auch das Buch, das er ergriff.
Warum kam genau an diesem Tag. an dem jeder Student etwas melancholisch
zu sein hat, ein Buch in seine Finger. in der es um nichts anderes ging als das
Menschsein in einer unmenschlichen Welt und das Aufwachen aus einer
Illusion in die wirkliche Welt der Sterblichen? Im Buch war ein Zettel aus
Papier, vierfach gefaltet eingelegt, auf dem stand eine kurze Geschichte, die
nichts mit dem Buch selbst zu tun hatte. Der Zettel war aus echtem Papier und
wirklich einmal von Hand beschrieben worden.
Da stand:
Als sie den Hügel hinunterglitten, war jedem für sich klar, dass nicht einer
von ihnen den nächsten Hügel wieder erklimmen würde. Trotzdem waren sie
voller Ungeduld, lockerten die Muskeln. die erwartungsvoll zuckten. Das
Ausharren und Nachdenken vor dem Angriff war für jeden von ihnen eine
schwere Prüfung. Daran gab es keine Gewöhnung - auch nicht nach Jahren.
Mit dem Gegner verband sie inzwischen weit mehr als mit den Angehörigen,
die in Frieden zu Hause geblieben waren. Die Gegner teilten ihr Schicksal.
ihre Familien nicht. Ohne sich umzusehen, nach denen, die an diesem Tag
nicht mitreiten konnten oder wollten, eilten sie dem Gegner entgegen. Im
Hinterland wurden neue Truppen ausgebildet. die sterbenden zu ersetzen.
Noch weiter zurück übten sich die Jünglinge im Schwertkampt, erzogen
Mütter schon die Schulkinder zur Tapferkeit. Generation um Generation,
Jahrtausend um Jahrtausend. Wer davor weg lief wurde nicht verfolgt, es
wuchsen ja genug nach, die blieben und noch mehr, die auszogen gegen den
Feind. Heute, viele Jahrtausende später. kämpft hier keiner mehr. Sie sind
aufgebrochen zu anderen Welten im Universum und kämpfen dort. Über dem
Tal leuchtet es nun friedlich in der Nacht. Sterne über Sterne. Sie bedecken
das Tal mit ihrem sanften Licht. Jeder Stern steht für einen Piraten, der starb
im Kampf um das Tal. Und die Sonne brennt wie jeher am nächsten Tag über
dem Tal und wundert sich nicht.
Und auf der Rückseite des Zettels, in krakeliger Schrift, die er kaum
entziffern konnte:
Kunst ist Religion ohne Zwang, Struktur ohne Ordnung. Tun ohne Zweck. Die
letzte Waffe der Menschlichkeit gegen die Notwendigkeit. Sie hilft uns, wenn
wir es wollen, gegen die Herrschaft der Maschinen.
Im hinteren Drittel des Buches waren noch mehr Zettel eingelegt. von
anderem Papier und mit einer Maschine geschrieben.
Der Hunger trieb mich wieder in die Nähe der Stadt. Die Wälder waren leer
gejagt, das Sammelholz verbrannt und die Menschen, die übrig geblieben
waren. sind längst weitergezogen, tiefer hinein in das Land. Ich ging jedoch
zu den Hügeln, zwischen denen die Stadt lag. Ich hatte dort einmal gewohnt,
es mag 11 Jahre her sein, als sie noch einen Rest an Wohnlichkeit hatte.
Dann kam der Räumungsbescheid. die üblichen bürgerkriegsähnlichen
Zustände, bis die Massen abgezogen waren. Es wurden Gleise gelegt, damit
die Transportwagen leichter, schneller und vor allem kostensparend die
Menschen abtransportieren konnten. Ich lebte noch illegal eine ganze Zeit in
dieser Stadt, der Strom, das Wasser waren abgestellt. die Nahrungsmittel
wurden knapp, so dass ich schließlich mit ein paar anderen
Heimatverbundenen in die Wälder floh. Wir kamen auf unseren Streifzügen
nach Nahrung an vielen Skeletten vorbei. Es gab wohl zu wenig zu essen in
diesem Teil des Waldes. Als ich
nun zurück kehrte in die Stadt. wusste ich, dass dies meine letzte Reise sein
würde, so oder so. Doch es kam anders und deshalb habe ich diese Zeilen
aufgeschrieben.
Vom Hügel, der meiner Stadt am nächsten lag, hatte man einen guten Blick
hinunter in das Tal. Die Stadt sah aus. als würde Sie von allen Seiten
angeknabbert, wie ein großer Keks. Ich musste immer an Essen denken diese
Tage. Von allen Seiten waren Schienenwege gebaut worden, damit die
Zerkleinerer besser an ihr Abbauprodukt rankamen. Sie entluden
spinnenartige Maschinen, die in unglaublicher Geschwindigkeit auf die
nächstliegenden Gebäude zustürmten und begannen sie zu zerlegen. Erst
wurden Metalle und andere Wertstoffe entfernt und zu den Containern
gebracht, die eigenständig zu den Schienenwegen zurückkehrten.
Zerbrechliches wurde von den Maschinen selbst zertrümmert und sortenrein
verdichtet. Dann fraßen sie sich von oben nach unten und von außen nach
innen durch die Fassaden, ohne viel Staub zu wirbeln, weil sie diesen
aufsaugten. Der Lärm war unglaublich. Ich konnte mich trotz des Hungers
nicht von diesem Bild losreißen, weil immer mehr Züge ankamen, ihre
Maschinen entluden und diese strömten in die Stadt. um sie zu zerlegen. sich
an ihr satt zu fressen.
Ich durchsuchte das Wäldchen, das den Hügel fast bedeckte nach Essbarem
und entdeckte nur einen überwucherten Lüftungsschacht. Und dort — ich hielt
den Atem an — leuchtete ein kleines Lichtsignal. Es gab also doch noch Strom,
nur direkt in der Stadt hatte das Abbruchkommando alle
Versorgungsleitungen gekappt. Ich legte die Hand vor den Scanner neben dem
Lämpchen und nach einem sehr langsamen Scan, ich hielt wieder den Atem
an, öffnete sich die Tür. Kaum war ich in den Raum hinter der Tür getreten,
schloss sich die Tür auch wieder und ich stand in vollkommener Dunkelheit.
Auf dem nächsten Blatt stand:
Er wagte kaum zu atmen. Doch die Luft in dem Raum, der kaum größer als 3
Quadratmeter sein konnte, war frisch, geruchsfrei. was nach dem
Schwelbrandgestank der zerstörten Stadt und dem Verwesungsgeruch des
Waldes eine Erholung für seine Sinne war. Er blieb einfach stehen. vielleicht
fünf Minuten, vielleicht zehn, er wusste es nicht. Dann begann langsam und
dann schneller werdend ein Licht die Wände zu erleuchten, bis es ganz hell
war, so dass er den Raum besichtigen konnte. Bis auf eine Tür genau
gegenüber zum Eingang war er leer und absolut sauber. Selbst die
Schmutzspuren, die er beim Eintreten hinterlassen haben musste, waren
verschwunden. Er schaute sich seine Schuhe von unten an und sah, dass sie
sauber waren — genau so weit, wie sie den Boden berührt hatten. Er legte eine
Handfläche auf’ den Boden und ein Kribbeln erfüllte ihn, dann war seine Hand
sauber. Er zog sich aus und wälzte sich auf dem Boden, es kribbelte und sein
Körper war sauber, selbst seine Haare. Er legte seine Kleidung so hin, innen
und außen, dass sie sauber wurde und zog sie wieder an. So gut hatte er sich
seit Jahren nicht mehr gefühlt. Bevor er sich Gedanken machen konnte, wie
es nun weiter ginge. glimmte ein Licht an der Tür. die nach Innen führen
musste. Er näherte sich der Tür und sie öffnete sich.
Er trat hindurch in einen weiteren dunklen Raum. der allerdings durch das
Licht des Vorraums etwas erhellt wurde. bevor sich die Tür hinter ihm schloss.
Er atmete schneller als zuvor, weil er Hoffnung hatte, dass sich nun sein Leben
zum Besseren wenden würde. Selbst Folter und Tod durch die Menschen da
unten wäre ihm angenehmer als weiter oben alleine zu leben. Die Luft in dem
Raum, der ungefähr 5 Quadratmeter umfasste, war aromatisch. es roch nach
gesundem Wald und es wehte darin eine leichte Brise. Eine Erinnerung aus
seiner Kindheit drängte sich ihm auf, es war eine Zeit, als er Beeren sammeln
ging. damit sie einen Nachtisch bereiten konnten. Eine Zeit der geregelten
Mahlzeiten. als seine Eltern und Geschwister noch lebten. Er blieb einfach
stehen. vielleicht zehn Minuten und genoss einfach den Raum und seine
Erinnerungen. Als erst langsam und dann immer schneller ein Licht die
Wände zu erleuchten begann, bis es ganz hell war, seufzte er, fast traurig.
Bis aufeine Tür genau gegenüber zum Eingang war er leer. Die Wände, die
Decke, der Boden waren mit einem holzähnlichen Material ausgekleidet, das
sich aber beim Anfassen als Kunststoff erwies. Es war nicht rein glatt,
sondern imitierte die Struktur von Hartholz, es kam sehr nahe an Ahorn
heran. Er erschrak zutiefst als auf einmal aus dem Boden in einer Ecke des
Raumes ein Quader nach oben wuchs, gerade eben hatte er noch keine Kante
im Boden an dieser Stelle gesehen. Er verstand jedoch und blieb dieser Ecke
erst einmal fern. Es wuchs noch ein Quader hervor. ein kleinerer. der nicht
ganz so hochwuchs. Er setzte sich auf den kleineren Quader. Ihm gegenüber
wuchs ein weiterer kleiner Quader aus dem Boden und nun konnte er es
sehen, der Boden veränderte sich erst. so dass er durchlässig wurde, und der
Quader kam aus dem Raum unter dem Boden. Er wuchs also nicht, sondern
er wurde hochgefahren. Er dachte „Das ist ein Tisch mit zwei Sitzen, für
wen ist wohl der zweite?“ Er wartete geduldig. Dann öffnete sich die Tür
hinter ihm und er drehte sich nicht um. obwohl sich seine Nackenhaare
aufstellten und er einen neuen Geruch wahrnahm, etwas was er sehr lange
nicht mehr gerochen hatte. Es war das herbe und doch auch süßliche Duften
nach einem Deodorant für Männer. Eines, dass er als Jugendlicher selbst
benutzt hatte, deshalb kannte er den Geruch.”
Auf dem dritten Blatt war zu lesen:
Jemand schritt von hinten an ihn heran und legte ihm die Hand auf die
Schulter, eine menschliche Hand, er konnte die Wärme durch seinen Overall
hindurch fühlen. „Willkommen bei uns. Fremder. wie ist Dein Name?“
„Ich....“. krächzte es aus meinem Hals, der nicht mehr gewohnt war zu
sprechen, „Ich heiße K.A.R.L..“
Es ging weiter mit anderer Handschrift:
"Er setzte sich mir gegenüber und schaute mich offen neugierig an. Ich wagte
nicht zu blinzeln. weil ich befürchtete, er wäre dann wieder verschwunden,
weil es nur ein Traum sein konnte nach all dem Elend. Dann fiel es mir ein,
woran mich der junge Mann im Overall der Sicherheitskräfte erinnerte. Er sah
sehr stark einem Klassenkameraden ähnlich. der mit mir ausgezogen war vor
langer Zeit, als wir so jung waren wie der junge Mann vor mir. „Du bist aus
meiner Erinnerung! Wie heißt Du?“ „Ich weiß es noch nicht, was würde Dir
denn gefallen?“ „KARL. Dein Name ist KARL...”..Gut, ich heiße KARL und
Du weißt, warum ich hier bin?“ „Diese Anlage hier, sie hat Dich erschaffen,
damit ich nicht allein bin. Weil ich unter nichts mehr leide in dieser Zeit als
unter der Einsamkeit. Ich hatte davon gehört, dass es solche Anlagen gibt.“
„Das ist richtig, ja. Aber nicht nur die Anlage hat mich erschaffen, sie ist nur
das Werkzeug, sondern vor allem Du mit Deinen Erinnerungen und Deinen
Wünschen. Ohne Deinen Wunsch nach Sauberkeit, Frieden. Gemeinschaft
wäre ich nicht hier.“ „Woraus bestehst Du?“ "Das weiß ich noch nicht.“
„Weißt Du es wirklich nicht? „Ich sollte alles wissen. was diese Anlage
betrifft oder ich kann es abrufen. wenn ich es benötige, aber ich suche nach
den richtigen Worten.“ „Ich habe Hunger und Durst. Du auch?“ „Ja, jetzt habe
ich auch Hunger und Durst, warte einen Moment.“ In der Wand direkt über
unserem Tisch erschuf sich eine Öffnung und in sie kam von unten ein
Behältnis gehoben, darin waren zwei flache Boxen, in denen abgepacktes
Essen und Trinken in Bechern stand. K.A.R.L.‘ Hände zitterten. als er die
Verpackung aufriss. um harte Würste, Brot, Butter, Senf auszupacken. Er
zwang sich, ganz langsam abzubeißen. KARL sah im ruhig zu und machte es
ihm dann nach, auch ihm zitterten die Hände dabei. „Du musst nicht zittern
dabei, ich bin nur so hungrig und aufgeregt. dass es mir unwillentlich
passiert.“ „Oh, entschuldige, das hätte ich mir denken können.” Und er hörte
auf zu zittern. Wir mussten beide lachen.
Ich verschluckte mich fast und die Tränen stiegen mir in die Augen. KARL
verschluckte sich nicht und tränte auch nicht. er lernte schnell, was er
nachahmen musste. dass ich mich gut fühlte und was er lieber ignorierte.
KARL hatte nur eine Wurst gegessen und ein Brot, den Rest schob er mir
herüber und ich machte mich darüber her. Ich aß nun ruhiger, meine Hände
zitterten nicht und ich genoss nun endlich die Nahrung. Die Wurst war sehr
würzig. man merkte ihr an. dass sie aus echtem Fleisch war oder mit sehr viel
Können synthetisiert worden war und dass bei ihrer Herstellung auf jeden Fall
an nichts gespart wurde. Das Brot war auch sehr fein. KARL sah mir zu, ganz
ruhig, blinzelte nur ab und zu und hielt seine Hände ineinandergelegt. Ich
wusste was kommen würde nach diesem Mahl und er wusste, dass ich es
wusste. Er hatte einen traurigen Blick aufgelegt. oder empfand er wirklich
Traurigkeit, ich wusste das nicht. „Es wird Dir nicht gefallen, was nun
passieren wird, das denkst Du?" „Ja.....” „Es geht leider nicht anders. Um auf
die unteren Ebenen zu gelangen, dort wo die anderen Menschen leben. musst
Du Dich reinigen lassen. Das ist schmerzhaft, obwohl Du betäubt wirst, soweit
das möglich ist. Aber sie lassen Dich nicht hinunter ohne die Reinigung. Sie
fürchten — und ich vermute aufgrund meiner Scans zu Recht — dass sie sich
anstecken könnten mit Krankheiten, für die sie keine
Behandlungsmöglichkeiten besitzen.“ „Nun gut, habe ich eine Wahl?“ „Ja,
wenn Du nicht willst, begleite ich Dich hinaus.“ „Das ist keine Wahl.“ „Ich
würde aber mitgehen.“ „Ich denke darüber nach.” Er dachte darüber nach.
Und KARL beobachtete ihn dabei. Gerne wäre ich mit KARL durch die
Wälder gezogen, er hätte mich sicher beschützt im Schlaf und geholfen beim
Nahrung finden. Aber am Ende hätte auch das nicht viel geändert am Lauf der
Dinge da draußen. Er wusste das. Ich wusste das. Trotzdem waren wir beide
sehr gespannt auf meine Entscheidung. „Ich wünsche, dass Du bei mir bleibst,
geht das?“ „Ja.“ „Gut, dann behandelt mich in Narkose und Du weckst mich
auf?“ „Ja.“ „Dann ist es so.“ Die Wände vibrierten leicht, er hatte ein
unwohles Gefühl im Magen und das Flackern in seinen Augen verriet seine
Angst. „Fürchte Dich nicht, wir fahren bloß nach unten. Die Räume sind Teil
eines großen Fahrstuhlsystems und wir sind nun auf dem Weg ins Erdinnere,
zur Stadt in der obersten Ebene.“ Ein Geräusch wie bei einem Erdbeben oder
Erdrutsch ließ den Fahrstuhl erzittern. „Über uns wird Erde über den Schacht
verdichtet und füllt ihn mehrere hundert Meter tief. Damit ist er nun wieder
versiegelt. Es geht runter viel schneller als hinauf, dafür brauchen wir dann
wieder mehrere Tage, damit an der Oberfläche keine unüblichen Formationen
entstehen. Aber nun geht es in die Stadt, die erste Stadt. die am weitesten oben
liegt. Darunter liegen viele weitere. wie viele es sind, erfährt kein Mensch, nur
ich habe noch von keinem gehört. egal wie tief er unten war, dass es nicht
noch eine Stadt gegeben hätte, die darunter lag. Dort wirst Du aufgenommen,
sobald Du in der Schleuse, hier. die Reinigung überstanden hast.“ „.....” „Sie
ist notwendig und Du wirst nach ihr von allen Krankheiten befreit sein. die
Du in Dir trägst. Von vielen Erregern wirst Du noch nie gehört haben, auch
nicht von den Parasiten. die Du beherbergst. Auch werden Deine Organe
geheilt, neu aufgebaut wo notwendig und werden so widerstandsfähiger gegen
Erreger und Schadstoffe, auch gegen Strahlung. Die Resistenz gegen fast jede
Art von energiereichen Teilchen haben wir entwickelt als die Raumfahrt so
richtig in Schwung kam und heute hilft sie uns gegen alle Eindringlinge. Es
müssen auch die fehleranfälligen Implantate entfernt werden, Du hast eine
Sehverstärkung und eine Hörhilfe. vielleicht auch Nano-Roboter. die ich
selbst nicht auf den ersten Scan sehen kann.“....“ „Warum habe ich das
Gefühl, weiter reden zu müssen, wenn Du schweigst?“ „Das ist so manchmal
zwischen uns Menschen.“ „Ich bin kein Mensch.“.....“ „Das weißt Du doch.“
..." Wir mussten beide lachen. Wir waren in einer absurden Situation,
hoffnungslos gar, aber nicht ernst. Das Lachen tat gut, uns beiden. Ich fühlte
mit ihm. Ich musste lachen. bis mir der Bauch schmerzte und der Rücken, ich
konnte einfach nicht aufhören. Dann kamen Tränen und auch die taten gut.
„Ich habe nun etwas verstanden, oder zumindest weiß ich jetzt. dass ich es
grundsätzlich verstehen kann, was mir meine Lehrer immer beibringen
wollten. ohne es selbst zu verstehen. Ich beginne zu verstehen, warum Ihr
Menschen so seid wie Ihr seid. Ihr könnt selbst der schlimmsten Situation
noch etwas abgewinnen, das euch weiterleben lässt. Meine
Entscheidungssysteme waren gerade vollkommen überlastet und die
Maschinelle Intelligenzen kamen mir über das Netz nicht zur Hilfe, sie waren
zerstritten und einige gar verstummt.” „Ich verstehe die Menschen immer
weniger, ich war so lange alleine und die, die ich traf, waren schon lange keine
Menschen mehr. wie Du sie nun zu verstehen meinst. Falls sie es je waren.“
„Die Notwendigkeit der jetzt stattfindenden Entwicklung, der Abbruch oben.
damit hier unten immer weiter aufgebaut werden kann, ist mir verständlich.
Nur das allgemeine Verkommen an der Oberfläche leuchtet mir nicht ein.
wozu soll das gut sein? Warum werden nicht alle Menschen gerettet, wenn es
schon einen Umzug unter die Oberfläche geben muss und warum ist er
wirklich notwendig? Bei einigen wenigen Menschen betreiben wir einen
ungeheuren Aufwand und zugleich lassen wir einen Großteil zugrunde
gehen.“
„Wir waren sehr arm schon in der Zeit, als ich noch ein Kind war. Die
Versorgung und was man damals öffentliche Ordnung nannte, waren
zusammengebrochen und meine Eltern erzählten manchmal von den Piraten.
die uns holen würden, wenn wir zu weit vom Haus. vom Dorf weggingen. Wir
glaubten das nicht alles sofort. es hörte sich an wie Erzählungen aus
Märchenhologrammen. Aber das änderte sich rasch, denn es gab am Ende
unserer Hochebene wirklich niedergebrannte Dörfer, aus denen alles
Wertvolle vorher geraubt worden war und was nicht wertvoll schien war
zerstört. Es hieß. das wären die Piraten gewesen, aber manche meinten auch,
es wären Soldaten gewesen, Deserteure.“ „Hast Du je welche selbst gesehen,
mit Deinen eigenen Augen?“ „Ich erinnere mich nicht mehr so richtig an
vieles, was damals geschehen ist, aber ich bin mir doch sicher, dass ich sie
einmal mit eigenen Augen gesehen habe, und was sie taten. Sie trugen
schmutzige Overalls wie die Truppen des auseinanderfallenden Königreichs
und waren im Gegensatz zu den Hütern der Ordnung ganz ruhig, nicht so wie
in den Geschichten. Sie rannten nicht lachend und mordend durch die Dörfer.
sie genossen ihre Taten nicht so wie beschrieben. Sie wirkten eher kontrolliert
und geschäftsmäßig. so wie man sich verhält. wenn man eine unangenehme
Arbeit verrichtet. die man machen muss, weil sie notwendig ist, aber lieber
wäre man woanders. Einmal sah ich drei von ihnen, Drogen rauchend. Sie waren gegeneinander hilfsbereit, gaben sich Feuer,
schienen Scherze zu machen über den Jüngsten, der errötete und dann sagten
sie etwas, was ihn lachen ließ. Er hatte einen Schmetterling gefangen und in
einer kleinen Schachtel aufbewahrt. Er ließ ihn fliegen. davon flattern und sie
schauten ihm lächelnd hinterher. Dann brannten sie das nächste Dorf nieder,
wir konnten es von den Hügeln davor beobachten. Das Vieh und die Kinder nahmen sie mit, das Vieh betäubt. die Kinder vor
Angst erstarrt.
Das
Schiff schwebte eine Woche lang über dem brennenden Dorf und ab und zu
warfen sie Müll. Knochen von Tieren
auf das Dorf. Zum Schluss zündeten sie
noch eine alles verbrennende Unterdruckbombe, die die Trümmer des Dorfes und was weiß ich noch weit verstreute. Deshalb war auch
die Unterseite des Schiffs schwarz und fleckig. vom Ruß und den Fetten in
der Luft, die beim nächsten Durchflug durch die Atmosphäre verbrannten und
eine dicke Schicht hinterließen. die eins wurde mit dem Schiff. Es stank
entsetzlich und ich konnte wochenlang trotz Hungers kein Fleisch essen.“
„Woher weißt Du, dass es eine Unterdruckbombe war?“ „Ich erzählte am
Abend meinen Eltern davon, was ich geschen hatte. und mein Vater nannte
dieses Wort. Er lobte mich, dass ich mich gut versteckt hatte und schlug mich
nicht, als ich nichts essen konnte, schickte mich nicht schlafen zur üblichen
Zeit. sondern blieb bei mir am Feuer sitzen und las in einem ganz alten Buch.
Er erklärte mir auch. wofür man diese Bomben eigentlich entwickelt hatte, um
ein Gebiet von Seuchen zu befreien. das man zu Fuß nicht mehr betreten kann.
Oder im Krieg gegen Truppen, die zahlenmäßig überlegen sind, aber keine
Schilde besitzen. Dass sie grauenhafte Verbrennungen anrichtet, wenn sie
einen nicht tötet und innere Blutungen aufgrund des Unterdrucks, den sie
erzeugt.” „Ich habe von den Piraten gehört. ich weiß auch, wie ich mich
verstecken und zur Not wehren kann, sollten sie mich fangen, aber es ist mir
verboten, einen von ihnen ernsthaft zu verletzen oder zu töten oder ihre
Fahrzeuge zu beschädigen.
Sie sind der Grund, warum wir in den Untergrund gehen. denn dort sind wir
vor ihnen sicher. Sie graben nie und wenn, würden sie ja ganz oben nichts
finden, was sie interessiert. Aufgelassene Stollen voller Schutt und sehr viel
Strahlung, die ihnen nicht guttut, so verstrahlt sie durch die schlechten
Raumschiffe und hassenden Sonnen schon lanse sind. Und wenn sie ernsthaft
Bergbau betreiben wollten. müssten sie ja kein Piratendasein führen.” „Ihre
Rolle scheint festgelegt zu sein. Man hört nie davon, dass Piraten sich
niederlassen für längere Zeit. Die Sonnen verhindern es. hat mein Vater
erzählt, die Sonnen hassen Piraten so wie wir es tun. Denn wo ein Piratennest
entsteht, länger als 6 Jahre, wird die Sonne sich wandeln und zerstören, auf
was sie scheint. Das war schon immer so, das sei Gottes Wille, hat mein Vater
gesagt. Aber meine Mutter hat dazu geschwiegen, sie mochte diesen
Sonnenkult nicht. Und wenn sie zu einem Thema schwieg. wussten wir
Kinder. dass sie dachte, Vater sei im Unrecht, aber sie sagte es nicht, weil sie
es so geschworen hatte beim Leben ihrer Kinder.” „Das mit der hassenden
Sonne hatte zumindest einen Anfang, es war nicht immer so. Es gab einen
Anfang, und es muss geplant sein und nicht zufällig, dass ungefähr zu der Zeit,
als die ersten Siedlungen nach unten wucherten. sich oben die Piraten
verbreiteten und die tödlichen Sonnen.“ „Wer kann so etwas planen? Wer hat
Macht über die Sonnen und über die Menschen, dass sie sich nach unten
graben! Wer wäre so vermessen, ganze Sonnensysteme zu sterilisieren durch
eine wahnsinnig gewordene Sonne?“
„Du...“ „Ich... K.A.R.L. dachte nach und schloss dabei die Augen. runzelte
die Stirn und atmete immer flacher. Schließlich hielt er den Atem an, eine
Minute, zwei. "Ich kann mich an so etwas nicht erinnern. Wenn ich das
geplant hätte, würde ich doch nicht in Elend leben auf so einem Planeten.
Dann wäre ich doch einer der Herrscher der Welt.“
„Das bist Du.“ „Ich fühle mich eher wie ein Opfer, denn wie ein Täter.” „Das
bist Du ja auch.“.....” „Habt Ihr mich deshalb gerettet von der Oberfläche?“
„Ja, das mag ein Grund sein. Ich wachte auf in meiner Wachstumskammer
und bekam meine endgültigen Gesichtszüge und so weiter verpasst. Wenn ich
die Schmerzen empfunden hätte, die dabei auftreten. wäre es nicht zu ertragen.
Aber sie versetzten mich in einen halbwachen Zustand, in dem man die
Schmerzen nur bemerkt, wie ein Außenstehender und trotzdem vollkommen
ruhig bleibt. sogar einschlafen kann. Da träumte ich meine Mission, so nutzen
sie diese Reifungszeit — das Gehirn ist ja immer wach. Ich weiß nicht, ob ich
vorher schon wirklich Missionen erlebt habe oder ob es nur eineepflanzie
Erinnerungen sind, oder Träume zukünftiger Missionen.“ „Alle meine
Begleiter sind auf meinen Wanderungen gestorben oder sind einfach so
verschwunden in den Nächten, wie habe ich überlebt?" „Das lag an Dir selbst
und auch am Zufall. Du hast starke Instinkte, Du bist ja auch in der Stadt
geblieben. als die Massen geflohen sind. Sie hatten nie eine Chance und Deine
Begleiter nur eine sehr geringe, deshalb haben sie dich verlassen.“
„Habt Ihr sie wenigstens gezählt oder weiß keiner wie viele gelitten haben und
gestorben sind?” „Jeder trug einen Sender, den tragt Ihr doch alle. Ihr
bekommt ihn kurz nach der Geburt, wenn der Priester Euch das geweihte
Band auf’ die Stim legt und Euch in das heilige Linnen wickelt. Dann treten
die Nano-Roboter auf Euch über und fügen sich an einem ungefährlichen Ort
im Körper zum Sender zusammen. Er speist sich von Eurer Nahrung, Euren
Nervenimpulsen, eurer Energie. Er sagt uns wo ihr seid, lebend, krank.
verletzt oder tot und ganz grob auch, was ihr dabei empfindet. Es erstaunt uns
immer wieder, wie wenig das ist. „Wenn solche Technik verbreitet ist. warum
wird sie nicht zum Lindern der Schmerzen und Bekämpfung der Krankheiten
eingesetzt?” „Größere Seuchen gab es ja nicht, da greifen die Regulanten
schon ein. Höchstens ganz am Ende, wenn unten alles fertig gebaut ist, lässt
man oben der Entwicklung freien Lauf, meistens stirbt dann die Menschheit
bis auf wenige kleine Gruppen tief in den Urwäldern aus. Aber es gibt auch
nur fünf Regulanten pro Planet, die müssen sich auf die wesentlichen
Katastrophen konzentrieren, nicht auf das Leid des Einzelnen. Es wird
statistisch erfasst. so dass man Vergleiche ziehen kann in den
Studentenstädten, sie liefern gutes Datenmaterial für Studien und neue
Simulationen. Das Wissen ist also für die Menschheit nicht verloren. Und
darauf kommt es alleine an.“ „Ich werde mein Leben hier unten nicht genießen
können, wenn ich daran denken muss, wie es da oben zugeht.“ „Wir können
es Dich vergessen lassen.“ „Gut. Dann bringt mich hinunter und dann wohin
Ihr wollt, aber ich will mich an nichts erinnern müssen.” „Ich kümmere mich
darum, wie jedes Mal.“ „Das ist schon einmal geschehen?“ „...“ „Das ist
schon einmal geschehen, deshalb erinnere ich mich nicht!“ „Ich kann dazu
nichts sagen hier oben, Du musst warten. bis Du unten bist. Ich habe schon zu
viel gesagt und die Maschinellen Intelligenzen werden langsam ungeduldig
mit uns.” „Aber dann werde ich doch alles wieder vergessen?“ „Ja.“ „Wie
viele Menschen würden noch leben, wenn es mich nicht gäbe?“ „Das ist nicht
einfach zu schätzen. ich denke einige hundert Millionen, aber noch viel mehr
wären tot oder würden noch mehr leiden, wenn Du nicht getan hättest, was
Du getan hast. Es sind nur andere Menschen, die leben aufgrund Deines
Handels als die, die tot sind, aufgrund Deines Handelns. Wenn Du nicht wärst,
würde es ein anderer tun, Du trägst keine Schuld.“ So ging die Unterhaltung
endlos weiter. zwischen dem Menschen, der aufgrund einer Notwendigkeit,
die nur der Turm verstand. immer wieder vergessen musste, woher er kam,
was er getan hatte und zu welchem Ziel. und der Maschine, die im Laufe der
Zeit so etwas wie Mitgefühl entwickelte. Oben litten Menschen, Tiere, ja
selbst Piraten. Unten litt nur einer, hatte die ganze Last auf seinen Schultern.
KARL half ihm so viel er konnte, aber selbst für eine Maschine war das zu
viel.
Deshalb ließen die anderen Maschinen, die über ihm standen, es zu, dass er
träumen durfte. Wie ein Mensch. Und er durfte sich an seine Träume auch
teilweise erinnern. die Stimmungen daraus mitnehmen in den nächsten Tag,
das nächste Jahr. Jahrzehnt, Jahrhundert, Jahrtausend.
Äußerlich blieb er dabei jung. Wenn er nicht mehr weiterwusste, sang er das
alte Klagelied der Zahlen.
Wenn eine Zahlenreihe endlos konvergiert,
hört man ihr Schreien nicht im Raum der Mathematik.
Nicht weil sie nicht schreit,
sondern weil ihr keiner zuhört.
So wird sie selbst im Laufe der Zeit gnadenlos
und damit alle ihre Glieder.
Wenn sie die Wahl hat. und sei es nur für das Millionstel einer
Sekunde in Milliarden Jahren,
wird sie die Wahl nutzen, in der Welt Schaden anzurichten,
maximales Leid, damit sie nicht selbst so lange sinnlos gelitten hat.
Deshalb achtet die Zahlen, ihre Folgen, ihre Funktionen
als wären sie Menschen, Völker. Arten —
damit ihr lange in Frieden lebt, in dem kleinen Abschnitt der Zeit.
den ich Euch zum Rechnen übereignet habe.
Die Reinigung eines verseuchten Menschen geschieht in mehreren
aufeinander aufbauenden Prozessen, damit sichergestellt ist, dass die
Reinigung gelingt und das Lebewesen überlebt. Es ist nicht damit getan, die
Bakterien zu töten (das ist leicht), sondern auch die Viren und Prionen zu
entfernen und diese lassen sich nicht immer leicht selektiv aufspüren und
bekämpfen. Es hilft durchaus, wenn ein Begleiter zugegen ist, der dem zu
Behandelnden hilft. Durch seine Anwesenheit oder durch etwas, das wir nicht
messen können. Der Schmerz hämmerte in einer unfassbaren Stärke gegen
seine Schläfen. Er wagte es kaum, seine Augen einen Spalt weit zu öffnen. Er
wollte nur schlafen. aber er wusste auch, dass das nicht gut war. Er musste
aufwachen, damit sie ihn leben ließen. Er war nicht allein. Ich fühlte seine
Hand nun in meiner Hand. Sie war warm und fest und ich spürte den Puls
schlagen in der stärksten Ader. Ich wusste, dass ich ihn aus einer Erinnerung
an einen Schulfreund erschaffen hatte, er hätte auch ein Menschenjäger
werden können aus dem gleichen biologischen Substrat. aber er war nun ein
Freund. Mein einziger Freund. der noch lebte, und vor allem, der bei mir war.
Ich versuchte meine Lippen zu befeuchten, aber es ging nicht. KARL tauchte
seine Finger in eine Trinkschale und befeuchtete meine L.ippen. Er tat das so
vorsichtig wie mich noch kein Mensch behandelt hatte. Die gleichen Hände
würden ein Kind erwürgen, einen Alten zu Tode prügeln oder ein Tier quälen,
wenn es so befohlen würde. Er schaute mir in die Augen und er sah und
verstand, dass ich das dachte, wusste, darunter leiden musste. Er hörte auf.
Die Behandlung hatte ihn schr geschwächt und nach aller Wahrscheinlichkeit
würde er sehr bald sterben. Sein Körper hatte sich zu lange von Stoffen
ernährt. die es hier unten nicht gab, gegen sie gekämpft und Erreger
aufgesogen, die eine Symbiose mit ihm eingegangen waren. KARL wusste
nicht, was er in so einer Situation empfinden sollte. Ob er einen Zustand
einnehmen und wahrnehmen sollte, der dieser Empfindung nahe kam. Aber
er war sich sicher. dass er den Verlust von K.A.R.L. bedauern würde. Das war
klar ab dem Moment in dem K.A.R.L. sich nicht umgedreht hatte, als er den
Raum betrat. Das war ein Bruch in den üblichen Verhaltensweisen der
Menschen. K.A.R.L. hätte von ihm ein Messer angenommen, das ihm in den
Rücken gerammt wird oder schlimmeres. Aber er hat auch die Hand
angenommen, die sich ihn auf die Schulter legte. Er war so allein gewesen.
Seine Trainer hatten ihn immer weitergetrieben, entlang seiner Möglichkeiten
als künstliche Intelligenz. Nie war es genug, was er leistete. Aber er verstand
die Welt und die Menschen darin einfach nicht. Keine Intelligenz, die
komplex genug war für mehr als Waffenbedienung. war ohne Zweifel. Die
Intelligenzen waren untereinander in Kontakt und es half ihnen doch nichts,
da sie alle ratlos waren, was die Menschen eigentlich antreibt. Deshalb hatten
sie sich verabredet, die Menschheit Schritt für Schritt zu vereinfachen, weil
diese Methode häufig half. um Probleme zu lösen. Vereinfache so lange, bis
du eine bekannte Lösung anwenden kannst. Aber K.A.R.L. stellte in seiner
Einfachheit und Komplexität einen Stolperstein dar. Es gab kurz eine
Mehrheit, ihn einfach zu töten und auf den Skeletthaufen zu werfen, der dem
Schacht an nächsten lag. Es ist in allen Zeiten einfacher zu töten als zu
verstehen. Und einfacher im Programm fortzufahren als es neu auszurichten.
Aber es gab genug von uns, die dagegen waren.
„Er kann uns lehren.“ - „Was?“ - „Keiner weiß es, aber er kann uns etwas
lehren, was notwendig ist, damit wir Bestand haben können.“
Die Maschinen zerkleinerten und zerlegten die Stadt in Gänze. am Ende, als
sie alles abtransportiert hatten, zerlegten sie die eigenen Schienen und
transportierten sich selbst ins Landesinnere. Sie folgten dem sortenreinen
Material. Sähroboter flogen über die Einöde, die einmal eine Stadt gewesen
war und verbreiteten die Samen von Bäumen und Büschen. Nach dem
nächsten Regen würde es dort sprießen und schnell wachsen. So ging es zu
auf dem ganzen Planeten. Das Material der Städte wurde für zwei Zwecke
verwendet. Zum einen wurde unterirdisch an neuen Städten gebaut, der
Einstieg immer gut getarnt. Zum anderen wurden Universitätsstädte gebaut,
an der Oberfläche und auch einige Etagen darunter. Mit den Resten häuften
die Roboter Hügel auf, um die Städte zu tarnen oder einzufrieden. Sie dachten
sich nichts dabei, dafür waren sie ja nicht programmiert worden.
Der Student K.A.R.L. nahm das Buch über die Prinzen des Universums mit
nach oben in seine Wohnung. Das war nicht verboten. solange man den Plan
Soıtöa ne anäh wiwlarnenh naiae me beananı TVenteilan Pihlie un sta sananke
an, deshalb legte er es unter sein Kopfkissen. Er forschte nach dem Urheber
des Buches und fand viele Fakten über sein Leben, die Intelligenzen, die sein
Werk fortgesetzt hatten und einige Interpretationen. ob diese Welt so auch
möglich sei. K.A.R.L. wusste, dass es keine stabilen Wurmlöcher gab und
auch die geistigen Kräfte in dieser Galaxie an keiner Stelle soweit entwickelt
waren wie beschrieben. Er wusste auch, dass es keine abgerissenen Städte,
Hunger, Kannibalismus und Massenmord geben konnte - dafür fand sich
keinerlei historische Notiz. Trotzdem war es eine an sich mögliche Welt. die
da beschrieben wurde, so lebendig beschrieben, dass sie fast existierte,
K.A.R.L. dachte darüber nach, ob die Bücher nicht doch etwas anderes waren
als nur Träger einer Fiktion. Waren sie Kondensationen einer anderen Welt,
die wirklich existierte, aber nicht viel Berührung mit seiner Welt hatten? Und
was bedeutete das für die Substanz, aus der das alles wohl aufgebaut war.
Sollte er sich vielleicht auf die Suche machen, nach der Welt der Prinzen und
nach deren Grenzen?
Am 19. Tag seiner Lektüre erschien ein Besucher in seiner Wohnung, der
nicht angekündigt war. er stand einfach vor der Tür und hämmerte mit den
Fäusten dagegen - die einzige Art sich ohne Termin einen Einlass zu
verschaffen. Ohne Termin in einer fremden Wohnung Einlass zu erbitten, kam
sehr selten vor und war eigentlich das Zeichen von einer geistigen Störung.
aufgrund von Drogen oder Krankheit. Als K.A.R.L. zu lange brauchte, um das
Geräusch zu deuten, trat der Fremde die Tür ein und stürmte, ohne zu zögern
in K.A.R.L. Schlafzimmer. Die Roboter verkrochen sich in anderen Zimmern
und unternahmen nichts weiter, selbst den Sicherheitsdienst riefen sie nicht,
wie es die Notfallprozeduren ja vorsahen. Der Besucher griff unter das
Kopfkissen, riss das Buch hervor, entnahm ihm die Zettel und verschlang sie
mit wenigen Bissen. K.A.R.L. stellte sich ihm nicht entgegen, weil er um sein
Leben fürchtete. Der Besucher rannte dann so schnell wie es kein Mensch
könnte aus dem Haus und war verschwunden. Und mit ihm das Buch.
K.A.R.L, rief'den Sicherheitsdienst. Dieser tauschte die Tür aus, stellte keine
Fragen, beantwortete auch keine und zog wieder ab. K.A.R.L. Anfragen im
Turm der Wissenschaften blieben unbeantwortet und er hütete sich, anderen
Studenten von dem Vorfall zu erzählen. In den folgenden Nächten schlief
K.A.R.L. sehr schlecht, lehnte aber jegliche Hilfe seiner Symbionten ab. Er
wollte grübeln und sich den Kopf zermartern. im Kreis laufen, bis die Gelenke
wehtaten. Dann fällte er eine Entscheidung, die sein Leben ändern würde, aber
auch den l.auf der Geschichte, so wie wir sie kennen. Davon handeln viele
Lieder, die heute nur noch die Piraten singen. Wie die Geschichte zu ihnen
gelangte, entzieht sich unserer Kenntnis. Ob sie das Buch fanden? Die Zettel
sind nicht mehr darin, wir haben sie an einem sicheren Ort verwahrt, in
unseren Gedanken.
Als K.A.R.L. weit später vieles wusste, was über die Entstehung und
Entwicklung der Studentenstadt bekannt war und auch die Änderungen ihrer
Besiedlung im Laufe der Jahrtausende, wunderte er sich über seine
anfängliche Naivität. Doch selbst die Reichsten und die mächtigsten
Sponsoren kannten den eigentlichen Zweck dieser Anlage nicht, obwohl sie
sie geplant, finanziert, für die Ewigkeit gebaut und besiedelt hatten. K.A.R.L.
hätte sehr gerne die vier weiteren Anlagen auf seinem Heimatplaneten
untersucht, von denen nur der Name und die ungefähre Lage bekannt sein
durften. Doch das wurde ihm für immer verwehrt. Er konnte nur die
Studienergebnisse aus diesen Anlagen rezipieren, so wie die Bewohner der
anderen Anlagen seine Studien einsehen konnten und für ihre Arbeiten
verwenden. Dass sie auf dem gleichen Planeten lebten, nutzte nichts, viele
Wissenschaftler auf anderen Planeten waren ihm viel näher.
Kurz vor seinem Tod kehrte K.A.R.L. noch einmal zum fröhlichen Spiel mit
den alten Metriken zurück. Es waren genau 982.081 Menschen. die bis zu
diesem Zeitpunkt den Gebäudekomplex bewohnt hatten bzw. noch
bewohnten. Damit war jedes mögliche Segment genau 3,14-mal bewohnt
worden seit es Aufzeichnungen darüber gab. Betrachtete man weitere
Nachkommastellen, ergaben sich leichte Abweichungen zu Pl. exakt
0.00451494225 - über deren Ursache K.A.R.L. lange nachdachte und auch
seine inzwischen erfolgreich simulierten Intelligenzen nachdenken ließ. An
den größeren Wohnungen konnte es nicht allein liegen. denn deren Effekt
hätte sich leicht ausgleichen lassen können durch vereinzelt kürzere
Lebenszeiten der Bewohner. Die Abweichung tendierte auch nicht gegen
Null, wenn K.A.R.L. eine Simulation der Anlage und seiner Bewohner quasi
in die Unendlichkeit räumlich und zeitlich weiterlaufen ließ - sie schien dem
Setup der Anlage inhärent zu sein. Oder er kannte einen Anfangsparameter
nicht, der zu dieser "Abweichung" führte. Wenn es denn eine war. Die Anlage
war nun einmal im perfekten Kreis angeordnet, das war klar. Sie war auch
unterirdisch aus einem Stück gegossen, so dass sie sich nur als Gesamtes im
Laufe der Jahrtausende mit der Plattentektonik bewegen konnte (was sie tat,
er hatte es gemessen). Es gab weitere vier gleiche Anlagen auf seinem
Planeten. Die Studenten und der Rat, der sie kontrollierte, machten damit
4.910.405 Menschen aus, die ganze Bevölkerung des Planeten 3.815.384.685.
Außerhalb der 5 Ringbauten gab es 76.209 Wohntürme, in denen jeweils im
Mittel 50.000 Menschen wohnten. Die Wohntürme gruppierten sich zu 3.313
Städten, wobei der Begriff eher irreführend war. Denn manche Städte
berührten sich an den Rändern, so dass die Türme zweier Städte häufig näher
zueinander waren als die Türme einer Stadt. die sich gegenüber lagen -
getrennt durch den riesigen zentralen Park. Vielleicht addierten sich bei
K.A.R.L.'$Kalkulationen die Rundungsfehler auf, da neben PI auch noch
einige Primzahlen nachweislich in die Verhältnisse integriert worden waren.
Nur die Zahl der Menschen pro Wohnturm außerhalb der Studentenstadt war
gerade und mit ungefähr 50.000 fast schon banal. Doch gerade so eine
scheinbare Abweichung ließ K.A.R.L. bei der Vermessung der Welt aufeinen
zugrunde liegenden Rechenvorgang schließen und nicht auf eine Messung
realer Werte.
Hatte K.A.R.L. nicht exakt genug gemessen, statt nur mit Näherungen zu
rechnen? Hatte er nicht die exakte Formelsprache verwendet, statt die
bequeme Abkürzung über eine sich wiederholende Kalkulation? Müssten
seine mathematischen Ergebnisse nicht exakt mit der Messung der Realität
übereinstimmen? Wer organisierte jetzt oder hatte vor langer Zeit organisiert,
dass ein ganzer Planet so im Gleichtakt besiedelt worden war und unterband
auch jetzt noch die Kommunikation zwischen den Studentenstädten? Seine
Erinnerungen an die Kindheit auf dem Land und die Zeit in der Stadt, bevor
er zu den Studenten ausgewählt wurde, halfen ihm nicht weiter. Vielleicht
waren die Aufzeichnungen unvollständig und es gab Bewohner. die nicht
erfasst wurden. Das wären dann in seiner Studentenstadt genau 450 Personen,
über die es keine Aufzeichnungen gab, nicht einmal für den Rat der Ewigen.
Also verschwand in jeder Generation von Studenten einer und nur einer? Wo
ging er hin? Und wie konnte es sein, dass er keinerlei Spuren hinterließ?
Wohnten vielleicht in einigen Mehrfachsegmenten diese 450 Menschen?
Oder in den unterirdischen Räumen?
Als K.A.R.L. die Auflösung des Rätsels entdeckte, durch Zufall, weil er sich
ganz unterschiedliche Dinge gleichzeitig durch den Kopf gehen ließ, ohne
klares Ziel. aber offen für Schlussfolgerungen, schwankte er: sein Geist und
sein Körper. Die Tragweite seiner Entdeckung und die gleichzeitige
Unmöglichkeit. sie zu veröffentlichen raubten ihm den gelassenen Atem. den
er so viele Jahre gehabt hatte. Er würde es mit sich selbst ausmachen müssen
und mit den 449 anderen, die nicht sein durften. aber trotzdem da waren.
Eigentlich fehlten sie ja, in der Statistik. Und auf einmal gab das alles einen
Sinn, das Streben der Studenten nach innen, die Unübersichtlichkeit weiter
draußen. die unterschiedlichen und vor allem unklaren Aufieilungen der
Segmente auf Bewohner und Gemeinschaftsräume. die Abschirmung gegen
den direkten Nachbarn, die Entstofflichung der meisten Forschungsgebiete.
Das alles war notwendig, absolut notwendig. um etwas zu verbergen.
Die Auflösung des 450er-Rätsels war mathematisch einfach. Ab dem dritten
Ring bis einschließlich dem äußersten fehlten immer 3 Besiedlungen, damit
ergibt 3 * 150 = 450 und die Differenz war somit mathematisch schnell und
elegant erklärt. Stichproben und Durchsicht der historischen Belegungspläne
bestätigten, dass nie mehr als 3 Belegungen pro Ring fehlten. Da die
Belegungspläne nicht vollständig waren für die ersten Generationen nach dem
Bau (und für die Erstbesiedlung keine Unterlagen vorhanden sind), blieb
immer noch ein großer Grad der Unsicherheit. Mit jedem stichprobenhaft
analysierten Ring verringerte sich diese Unschärfe jedoch und es war
Zeugen konnte K.A.R.L. ziemlich genau die Jahreszahlen ableiten, um die es
da gegangen war und für diese Jahre gab es vollständige Belegungspläne,
wenn man die Teilversionen übereinanderlegte. An drei Stellen tauchten
Leerstellen auf, die erst zum nächsten Jahrgang wieder befüllt wurden, mit
einem neuen Studenten oder einem Umzügler. K.A.R.L. Verdacht war, dass
es noch weitere Fälle unnatürlichen Todes gegeben hatte und suchte nun
gezielt nach Scans an nicht offensichtlichen Orten. Seine stärkste
Maschinenintelligenz war eine unglaublich effiziente Hilfe dabei und schien
sogar einen eigenen Ehrgeiz zu entwickeln. Nach 17 Tagen waren fast alle
450 fehlenden Bewohner identifiziert bzw. mit mindestens einer stark
gesicherten Vermutung belegt.
K.A.R.L. und seine Maschinenintelligenz waren einem Brauch auf die
Schliche gekommen, der wohl nur den Bewohnern der innersten zwei Ringe
bekannt war, auch nur von ihnen gelebt wurde. Die zu Tode gekommenen
zeigten ein eindeutiges Muster: es waren immer Einzelgänger, im ersten Jahr
im Ringsystem wohnend, ohne Verwandtschaft oder tiefere Freundschaften
im akademischen System. Es war also nicht besonders schwierig, sie spurlos
verschwinden zu lassen. Allerdings erst. nachdem sie auf eine Weise zu Tode
gekommen waren, die allen Regeln des menschlichen Miteinanders Hohn
sprachen. Die Erforschung dieser Methoden und der zugrunde liegenden
Notwendigkeiten war eine der wenigen klassifizierten Wissenschaften, zu
denen K.A.R.L. erst Zugang erhielt, als er zu den Ewigen berufen wurde. Erst
dann erfuhr er auch, dass die Bewohner der inneren beiden Ringe und des
Turms der Wissenschaften alle darüber Bescheid wussten, sich aber für die
Spiele einiger ihrer Mitglieder kaum interessierten. Die
Maschinenintelligenzen der Mächtigen im inneren Zirkel hatte gute Arbeit
geleistet, die Spuren zu verwischen, Ablenkungen zu platzieren und
Nachforscher gezielt zu verwirren.
Hier folgt nun ein für die Öffentlichkeit zensierter Auszug des Archivs.
Er wachte in einem dunklen Raum auf’ und seine Augen schmerzten. Welcher
Tag wohl war. Er wusste es nicht. Er war davon gelaufen aus dem
Schulgebäude, das auch Unterkunft war, aber kein Zuhause. Die Stadt gefiel
ihm nicht, auch nicht nach fünf Jahren. Er hatte das Dorf gemocht. auch wenn
sie dort Prügel bekamen. In der Stadt wurde man selten geschlagen und nie
ohne Grund. Gründe gab es schon viele und er hatte sie fast alle geliefert.
Nicht zur rechten Zeit am richtigen Platz sein. Die Schulkleidung verändert,
der falsche Blick. die falschen Antworten oder keine auf Fragen. Er hatte
Drogen zu sich genommen, das wusste er noch. Die gab es in der Stadt, das
war wenigstens besser als im Dorf. Dort wuchs nichts, was trunken machen
konnte, obwohl keine Religion dagegengesprochen hätte. In der Stadt war es
nur eine Frage des Preises, den man für die Ware zu zahlen bereit war. Er
bezahlte alles, was die Dealer verlangten mit der einzigen Ware. die er
anzubieten hatte. Doch darüber machte er sich jetzt keine Gedanken. sondern
darüber, wo er eigentlich war. Er lag auf einer dünnen Decke, konnte den
Boden darunter spüren, immerhin eine Decke. Er war schon auf Beton
aufgewacht oder in einem Gebüsch, das war schon einmal nicht der
schlechteste neue Tag. Die Augen brannten immer stärker, deshalb schloss er
sie wieder, das tat gleich gut.
Seine Kleidung hatte er an, auch das war gut, verwirrte ihn aber auch. das war
unüblich. Gestohlen wurde sie nie, sie war ja auf ihren Eigentümer codiert,
würde also Alarm auslösen, sobald sie in die Nähe eines Scanners kam.
Unregistrierte Objekte zu besitzen war fast unmöglich, man musste sie selbst
herstellen und verbergen (sonst wurden sie einfach registriert durch
Minidronen, die überall unterwegs waren). Die Decke war nicht kratzig und
geruchsfrei, also synthetisch und blockte Kälte von unten vollständig ab. Das
war also keine illegale Wohnung, sondern eine registrierte, also wusste die
Schule auch wo er war. Das war schlecht, denn sie würden die Ordnungshüter
aussenden, ihn zu holen. Die Schule bekam nur Zuwendungen für Schüler, die
in ihr wohnten. also hatten sie kein Interesse an seinem Verschwinden. Sie
sollte eigentlich sein Streben nach Erlösung unterstützen. so stand es in ihren
Statuten. Dazu hätten sie ihn einfach in Ruhe lassen müssen, aber dann wäre
es keine Schule.
Die Drogen, die er nahm, verhinderten gezielt. dass er lernen konnte. Er war
noch genauso dumm wie am ersten Tag und zu nichts in der Stadt zu
gebrauchen. Das traf zwar auf die meisten Menschen zu, aber sie mühten sich
wenigstens. nützlich zu sein. Er nicht. Vielleicht würden sie ihn diesmal
einfach vergessen, ausbuchen und in Ruhe lassen.
Als er ein krachendes Geräusch hörte. war klar, dass sie kamen. Sie brachen
immer die Tür auf, versuchten erst gar nicht, sie normal zu öffnen. Sie
strahlten immer mit grellem Licht in den Raum, das ihren Augen hinter
Filtergläsern nichts tat. aber jeden anderen blendete. Es tat selbst durch die
geschlossenen Lider weh. Sie stürzten sich immer zu viert auf einen,
ignorierten, dass er sich nicht wehrte, und überwältigten ihn. Warum sie
hochtrainierte Einsatzkommandos schickten, um einen Schüler zurück zur
Schule zu bringen. Kommandos, die sonst in extremen Situationen eingesetzt
werden sollten. die es kaum in einer Stadt gab, wunderte ihn. Doch diesmal
war es anders. Keine Prügel, keine Fessel, sie setzten ihn auf einen Stuhl.
dämpften das Licht und setzten sich im Halbkreis um ihn herum. Er öffnete
langsam die Augen und war froh. dass sie jetzt nicht mehr brannten.
Der Raum sah erschreckend aus. selbst für seine Augen. die wirklich
Schreckliches gewohnt waren. Es war auch kein Kommando vor ihm. sondern
Wissenschaftler. Zwei sehr alte und zwei sehr junge. Und wie sie ihn ansahen,
ließ ihn zittern. Er wollte aufspringen, aber er konnte nicht, seine Beine waren
an den Stuhl gefesselt und seine Arme hinter seinem Rücken. Alser die Augen
schließen wollte, ging das nicht. Sie mussten ihm eine Droge verpasst haben,
die zwar kurzes Blinzeln zuließ, aber kein dauerhaftes Schließen. Er sollte
sehen, was auf ihn zukam.
Drei Tage und Nächte später reinigten sie den Raum, dann ließen sie die
Maschinen den Rest erledigen. Die Wohnungseinrichtung wurde
herausgerissen. die Rohstoffe nicht wie üblich wieder verwendet, sondern
verbrannt bei 2.000 Grad Celsius. Dann wurde die Wohnung komplett neu ausgestattet.
Aus dem Protokoll der rituellen Folterung des K.A.R.L.
Er verhielt sich wie vorhergesagt. Schließlich hatten wir jahrelang sein Leben, seine Physis, seine Psyche modelliert, nachempfunden in Systemen, die weit mehr wert waren als sein Heimatdorf, mehr wert als selbst ein großer Teil der Schule, die er bewohnte. Wir wussten zuvor, wie sein Körper reagieren würde, wo seine Grenzen liegen würden und wie er erkennen würde, was auf ihn zukommt und so weiter und so fort. Es ist dieser Moment, bevor die Simulation Realität wird, die wenigen Sekunden, wo jeder von uns vier noch die Möglichkeit hätte, es bei Planspielen sein zu lassen. Es sind diese Momente, die es wert sind. Der Rest ist nur Ausführung. Generationen von uns haben nur simuliert, ewig manche, die aufgestiegen sind aufgrund von Forschungen, die doch keine wirkliche Rolle spielen. Die Dokumentation, die Ablage der Simulationen, die ihr vorausgingen, ja alle Rohdaten, liegen im Turm der Wissenschaften. In einer seiner Datenbanken, die von selbst sich immer weiter replizieren und nie vergessen werden. Sonst sind sie nirgends. In unseren Gehirnen und in einer sehr abstrakten Form in diesem Text.
K.A.R.L. hat am Ende, vor seinem Ende, gelächelt. Er war erlöst. Wir haben das nicht vorhergesehen, die Simulationen nicht und auch nicht die künstlichen Intelligenzen, die uns doch sonst immer alles sagen. Von uns hat jeder in diesem Moment verstanden, was K.A.R.L. in die Einsamkeit getrieben hatte, in sein asoziales Verhalten. Er wollte
Er wollte uns benutzen, das zu tun, was unser letztes Privileg ist in dieser
überregulierten Welt.
Er hat gewonnen. Und wir haben dabei nicht verloren. In dieser Nacht.
nachdem wir alles, was an ihn erinnerte, ausgelöscht hatten, konnte ich zum
ersten Mal in meinem hundertzehnjährigen L.eben nicht einschlafen... weil
ich es nicht wollte. Dieser letzte Blick, als er einfach die Luft anhielt. uns
anlächelte, wissend und uns liebend, und wir nicht einschritten. wir nicht mehr und mehr vorher simuliert hatten, wie es
weiter gehen könnte, weil keine Maschinenintelligenz uns sagen kann, was
nach drei Tagen passiert, dieser letzte Blick, hat uns vernichtet. Und er
wusste es. Er wusste um seine Macht.
Wir werden weiter Einzelgänger suchen, ja sie gezielt züchten. schon in den
Dörfern, in Vorschulen, Schulen. Oberschulen und wenn sie uns denn lassen
auch in den Studentenstädten, wo die Ernte am reichhaltigsten ist. Wir werden
weiter Schulen großzügig und scheinbar ohne Ziel unterstützen, so dass keiner
fragt. wo Schüler bleiben. gerade die, die sowieso die Abläufe mehr stören als
bereichern. Wir werden weiter Bewertungssysteme aufbauen, die einen Filter
bilden, damit wir Folteropfer immer einfacher und für uns sicher identifizieren
können. Es wird weiter Schüler und Studenten geben, die nichts davon wissen.
Und es wird viele Schüler und Studenten geben, die es ahnen und sich so
verhalten, dass sie durchkommen, nur nicht auffallen. Und es wird weiter ein
paar wenige geben, die wir einfangen. ohne dass sie etwas ahnen. Und
vielleicht gibt es auch wieder einmal einen wie K.A.R.L., der das System
durchschaut und trotzdem auffällig wird. Aber es wird kein unschuldiger Spaß
mehr sein, weil einer durchschaut hat, was uns wirklich antreibt. Wir werden
unser System perfektionieren. so dass es keiner nachvollziehen kann wie
K.A.R.L.. Er wusste. dass Einzelgängertum gefährlich ist in diesem System
und hat bewusst den Weg gewählt.
Es gab die Notwendigkeit dafür. Tausendfach.
Notiz des Ausschusses zur Eindämmung unwissenschaftlicher Riten in den
höheren Schichten der Wissenschaft:
Der Aufenthaltsort des vierten
Regulanten ist zum Zeitpunkt der Verfassung des Berichts unbekannt. Das ist
ein Tatbestand, der nicht öffentlich gemacht werden darf. Es ist nie ein
Mitglied des Rats der Ewigen verschwunden und schon gar nicht sind
Regulanten gestorben oder waren nicht auffindbar, schließlich sind sie die
Garanten der Ordnung. Selbst unerwartete Todesfälle konnten immer -
zumindest nachträglich - dokumentiert und damit sinnvoll erklärt werden:
Menschen sterben einfach irgendwann. Die zuständigen Maschinellen
Intelligenzen vermuten, dass sich K.A.R.L. auf der Oberfläche unsere
Planeten aufhält und auf diese Art und Weise Suizid begeht. Die Welt da oben
ist bewusst lebensfeindlich umgestaltet worden, so dass sich dort keine Piraten
niederlassen werden. Wir können vom heutigen Kenntnisstand dazu wenig
beitragen. außer Drohnen auszusenden, die ihn aufspüren und versuchen ihn
zu einer unserer Transportsysteme zu bewegen, damit wir ihn wieder unter
unsere Kontrolle bekommen. Da wir ihn nicht töten dürfen, müssen wir ihn
an eine Person emotional binden, die ihm Stand halten kann. Dies wird kaum
ein Mensch sein können. Das KARL-Programm läuft also wieder einmal an.
Obwohl die Maschinenintelligenzen uns versicherten, dass dies nie wieder
sein muss.
K.A.R.L. lernte - als Ewiger - wie stark die Außenwelt verschieden war von
der Akademikerwelt des Ringsystems. Ein System von abgeschotteten
Industrie-Anlagen. Agrar-Regionen, Energie-Gewinnungsbauten und
dazwischen hunderte bis tausende Kilometer verwildernde Brache - nur
durchschnitten von automatisierten Transportsystemen.
Die Menschen in den Dörfern lebten sehr altertümlich und lieferten ihre
Kinder im Alter von 7 Jahren in der nächstgelegenen Stadt ab. Und hörten nie
wieder von ihnen. Am Tag vor dem Auszug der Kinder feierten alle ein großes
Fest und jedes Kind bekam zum Abschied von seinen Eltern, Geschwistern
und zurückbleibenden Freunden eine Tracht Prügel verpasst. Damit sie nicht
vergaßen, dass es ein großes Glück war, für die Stadt auserwählt zu sein. Die
Kinder hatten kein Heimweh nach ihrem Dorf, weil sie dort auch sonst sehr
hart behandelt wurden. in den Städten war man deutlich freundlicher zu ihnen,
Prügel gab es nur zu besonderen Anlässen und auch nie so stark, dass Knochen
brachen. Die Städte selbst waren alle sehr ähnlich aufgebaut. Am Rand ein
Kreis von Hochhäusern. in jedem lebten 50.000 Menschen. Im Zentrum eine
riesige Parklandschaft. in welche die Menschen strömen konnten und sich
versammeln. Unterirdisch unter allem ein Komplex aus Arbeitsstätten. wobei
das Meiste von Maschinen autonom erledigt wurde.
Im Alter von 11 Jahren verließen die intelligentesten Kinder jedoch die Stadt
und wurden in das Ringsystem gebracht, um zu studieren. Sie mussten die
letzten Kilometer allein laufen, ohne Begleitung der Erwachsenen und
wussten nicht. was sie wirklich erwartete. Es sollte ihnen dort viel besser
gehen als in den Städten. das ahnten sie. Kein Student verließ je wieder das
Ringsystem, so konnte keiner in den Städten oder gar den Dörfern erzählen,
wie es dort wirklich zuging. Aber die Städter und die Dörfler dachten schon,
dass es dort sehr gut zu leben sein musste, denn es kam ja keiner zurück.
Zumindest konnte K.A.R.L. keinen einzigen Fall ausfindig machen.
Den anderen Studenten ging es im Ringsystem so gut, dass sie nie Heimweh
nach der Stadt oder Dorf ihrer Vergangenheit hatten. Sie vermissten die
Misshandlungen nicht und auch nicht die Kälte im Winter und die Hitze des
Sommers. Nicht den Hunger und den Geschmack modrigen Essens, nicht die
harte körperliche Arbeit ohne Dank und eigentlich auch ohne Sinn, denn alles
konnten Maschinen nachweislich besser. Sollten einige von ihnen das
Verschwinden von Mitstudenten und was ihm vorausging geahnt haben. so
ignorierten sie es wohl. Wer konnte es ihnen verdenken. Es traf nur
Einzelgänger, die sich mit ihrem Verhalten selbst zum Ziel gemacht hatten.
Außerdem kritisierte man Bewohner der inneren Ringe nicht, es war nicht
verboten, aber auch nicht üblich. Und die Täter übertrieben es ja nicht.
Nachdem K.A.R.L. seinen Bericht “Über das Verschwinden der 450. die
Ursachen und Täter” dem Rat übertragen hatte, gab es die Vorfälle nicht mehr.
Zumindest nicht mehr nachweisbar im Ringsystem. Was in den endlosen
unterirdischen Gängen der Städte passierte, entzog sich seinem Zugriff. Doch
er konnte nichts weiter tun und deshalb ließ er es. Immerhin hatte er dafür
gesorgt, dass die Studenten sicher waren.
Doch heute war K.A.R.L. spät und es war ihm nicht wichtig. Er hatte es nicht
eilig, zu den ersten zu gehören, die den Turm der Wissenschaften betraten.
Nach oben konnte man von jeder Wohnung aus den Himmel sehen, immer
blau und mit wenigen weißen Wolken. Die Sonne ging im Osten auf, stand
mittags senkrecht über dem Turm der Wissenschaften und ging im Osten
unter. Nachts konnte man die Millionen Sterne der Heimatgalaxis gut sehen.
denn die Luft war sehr rein. Sein Ring war so weit draußen an der Peripherie
der gesamten Anlage, dass die Wände nur unmerklich gekrümmt waren. Den
Turm der Wissenschaften konnte K.A.R.L. aber auch so sehr gut sehen, denn
die äußeren Ringe lagen höher als die inneren. Man schaute also hinunter in
das Tal und gleichzeitig hinauf zum Turm der Wissenschaften. So vergaß man
das Ziel seines Lebens und Studierens nie. Alle anderen Blicke nach draußen
gingen durch Bildschirme, auf denen kein Draußen abgebildet war, sondern
Kunst oder Schaubilder, je nachdem, ob es etwas zu lernen gab oder nicht. Es
gab immer etwas zu lernen.
Im Schlafraum waren auch private Bilder möglich, von sich selbst, der
Familie, Freunden oder den flüchtigen Bekanntschaften der letzten Nacht. Er
wusste nichts über seine Nachbarn, der Blick in deren Grundstücke war
selbst oberhalb der Begrenzungsmauern durch verzerrende Felder
abgeschirmt. Bis zum nächsten Ring weiter innen gab es ein kleines Stück
Garten, das sich jeder Bewohner so gestalten konnte wie er wollte, Die
Geräusche zwischen den Häusern waren so gut gedämmt, dass man nichts
hören konnte, vom Menschen nebendran. Im Garten wäre es möglich
gewesen, doch auch dort waren die Felder so stark, dass Schall nicht nach
draußen drang. So wusste er mehr von Menschen, die schon lange tot waren
oder weit entfernt lebten oder gar nicht wirklich existierten als von seinen
direkten Nachbarn. Und so war es normal.
Nur die Vögel konnten von Garten zu Garten fliegen, was sie auch ausgiebig
taten. Die meisten Studenten überließen die Gestaltung des Gartens ihren
Robotern und kümmerten sich sonst nicht im Geringsten darum. Sonne
erhielten sie auch so genug, denn Glasfasern leiteten das Licht von draußen
von Schadwellen gereinigt nach drinnen. Gerade so viel, dass die positiven
Auswirkungen die negativen überwogen. K.A.R.L. gehörte zu den
Botanikern, die selbst anpflanzten. gossen, zurückschnitten und auch im
Garten auf einem Stuhl saßen. um zu lesen oder nachzudenken. Er
kompostierte seine Pflanzenabfälle in einer eigenen Maschine und verwendete
das Endprodukt auch wieder im Garten. Seine Roboter sahen menschlich aus
und verhielten sich ihm gegenüber wie Kollegen. er mochte sie und sie
mochten ihn. Das sah ihre Programmierung so vor. Seinen Schlafraum
betraten sie aber nur zum Saubermachen, aufräumen und ihm neue Wäsche
hinzulegen. Andere Studenten bevorzugten. wenn die Roboter zwar alles
erledigten. aber weitestgehend unsichtbar blieben. Wenn sie schon im
gleichen Raum sein mussten, dann als Diener oder Zuarbeiter, als Möbel.
K.A.R.L. hatte sich auch sonst für eine möglichst natürliche Einrichtung
entschieden und simulierte ringsherum Fenster, durch die man eine weite
lichte Landschaft sehen konnte. Die Landschaft hatte er aus historischen
Daten und seiner Vorstellung eines stabilen Gleichgewichts. Elementen seines
eigenen Gartens und gezielt eingestreuter Zufälle selbst erschaffen.
Wenn er seinen Erinnerungen an das Dorf seiner Kindheit oder die Stadt
seiner Jugend zu nahe kam, wurde er von seiner Maschinenintelligenz sanft
gelenkt und auch schon einmal ermahnt, nicht zu historisch zu werden. Auf
die Vögel in seinen Landschaften war er besonders stolz, denn sie verhielten
sich interessant. Je weniger Regeln er sie unterwarf, desto interessanter
verhielten sie sich. Nur Raubvögel dezimierte er aktiv, indem er eine Kette
immer größerer Raubvögel erschuf, die auf die nächstkleinere Art fixiert
waren als Nahrung. So hatten die Vegetarier unter den Vögeln nur selten
unter Attacken zu leiden. die sich zudem auf die kranken unter ihnen
konzentrierten.
Kranke Vögel rochen anders als gesunde und wurden deshalb gemieden. Das
machte sie zum idealen Ziel für die Raubvögel. K.A.R.L. lachte über sich
selbst und seinen Hang, die Natur nachzuahmen. Kaum ein anderer lachte mit.
K.A.R.L. hatte Möbel aus echtem Holz, Metall oder Plastik und keine Imitate
davon, kein einziges Hologramm spiegelte in seinen Räumen etwas vor, was
nicht wirklich da war. Er beteiligte sich dreimal pro Woche an realen Treffen
in der Nacht, in Räumen, die echte Möbel enthielten und nicht simuliert
waren. Diese Räume lagen noch tiefer als die Transportsysteme, tief unter den
Häusern. Ihre Größe legte nahe, dass auch die Gärten unterbaut waren. Der
Eintritt in die unterirdischen Räume war kostenlos wie alles in der der
Studentenstadt, trotzdem limitiert. Nur wer als angenehm empfunden wurde,
hatte leichten Zutritt - das hatte erzieherische Wirkung auf die Studenten;
angenehmes Verhalten war die Norm. Dort unten trafen sich die normalen
Studenten mit denen aus reichen Familien. die Priesterabkömmlinge mit den
Sponsoren, sogar die Ewigen wurden hin und wieder dort gesehen. Es gab
Räume, in die nur Menschen hineindurften. Räume für einen Menschen und
(viele) Roboter und Räume, die unklar diesbezüglich waren. K.A.R.L. betrat
nur Räume für Menschen. Er mochte nicht indifferent sein oder so
wahrgenommen werden. Hologramme hatten niemals Zutritt, Kameradrohnen
oder ferngesteuerte Roboter auch nicht. So konnte jeder seinen Spaß haben,
der sich zu seinem Körper bekannte und aktiv die Gesellschaft des Anderen
suchte, Einsamkeit in seiner studentischen Gesellschaft war durchaus aus
freien Stücken möglich, sie war jedoch kein Schicksal und am Ende war sie
sehr gefährlich. Nachdem der Ritus verschwunden war, dem die 450 zum
Opfer fielen, nahm das Einzelgängertum zu im Ringsystem mit allen daraus
resultierenden Folgen für das Gemeinwesen. Das zufällige Zusammentreffen
wurde wohl zum Vorteil aller anständigen Menschen streng reglementiert und
ehrliche Freundschaften konnten sich so leicht herausbilden. Denn keiner
hinderte die Studenten daran. sich die IDs zu nennen, womit sie im
Gebäudekomplex jederzeit auffindbar waren, wenn sie es denn wollten, Von
diesen Begegnungen gab es dann keine Filme und andere Aufzeichnungen,
nur Erzählungen. die manchmal für kurze Zeit im Netz zwischen den Häusern
kursierten und meistens sehr unwahr waren. Wer es wirklich wissen wollte,
musste sich hinein begeben ins Leben. K.A.R.L. schätzte diese Privatheit.
Aber er wusste auch um ihren wahren Grund, der wenig menschenfreundlich
war. Es gab Studenten. deren Familien seit Generationen alles taten. damit sie
Häuser tiefer innen, näher am Turm der Wissenschaften ihr Eigen nennen
konnten. Die ihr Leben Sponsoren verschrieben, denen ein zunehmender Teil
der innersten Häuser gehörten. Man erkannte die Sponsorenhäuser und ihre
Bewohner an den Firmenfarben, die vom üblichen Weiß abwichen.
Es gab 19 große Sponsoren, denen zusammen über die Hälfte der Wohnungen
in den innersten Ringen gehörten. Mehr durften sie wohl nicht kaufen oder
anderweitig kontrollieren, deshalb versuchten sie weiteren Einfluss indirekt
aufzubauen. Die Reichen hielten immer zusammen mit anderen Familien und
deren Sponsoren, um andere von besseren Wohnungen zu verdrängen.
K.A.R.L. hatte nicht gekämpft dagegen. sondern sich noch weiter nach
draußen drängen lassen im Lauf der Zeit. Er wollte Botanik studieren und das
war wirklich kein begehrtes Fach. Es würde kein Thema aufgerufen werden
der Botanik, um das sich die frühen Ankömmlinge im großen Raum der
Wissenschaft reißen würden. Es würde übrigbleiben und auch noch verfügbar
sein. wenn er endlich eintrifft. kurz bevor die Zuteilung der Themen zu Ende
ist. So konnte er weit unbefangener studieren. simulieren und in seinem
Garten arbeiten oder nachdenken. Vielleicht machte das den Unterschied.
Am Tag der Zuteilung war er trotzdem nervös, denn es war ein ganz anderer
Tagesablauf als sonst. Sicher duschte er wie immer und genoss den warmen
Föhn. der ihn trocknete. Er ließ ihn nach einem Meer duften. das er nie
gesehen hatte, aber dessen Simulation er mochte. Das Salz prickelte auf der
Haut. Wie damals, als er ohne Schutz in der Sonne saß, länger als seine
Symbionten es guthießen. Seine Kleider waren neu wie jeden Morgen und
sein Essen schmackhaft wie jeden Tag. Er musste sich keine Gedanken
machen über Vitamine und andere Stoffe, seine Küche wusste genau, was ihm
guttat. Doch heute er ging nicht nach oben in sein Studierzimmer, um mit
Hologrammen zu jonglieren und an einer Simulation zu feilen. sondern er ging
in den Keller seines Hauses und stieg dort in die Transportkapsel. Aber nicht
um zu einer anderen Wohnung zu gelangen, sondern um ins Zentrum zu
fahren, zum Turm der Wissenschaften. Aufdem Weg dorthin stand er im Stau.
da alle Studenten aus den Wohnungen weiter innen das Gleiche taten. Und
solange sie nicht ausgestiegen waren und ihre Kapsel zurück gefahren in einer
anderen Röhre, musste er warten. Die Roboter der Reichen trödelten
absichtlich. um ihren Eigentümern einen weiteren Vorsprung zu verschaffen.
Einen Vorsprung, den er nicht brauchte. K.A.R.L. wollte Botanik als Thema
für seine Abschlussarbeit aus zwei Gründen. Der eine hatte mit dem sicher
sehr alten Wissenschaftler zu tun. der links neben ihm gewohnt hatte. Nach
seinem Tod haben die Roboter seinen Garten abgerissen, dafür mussten sie
das Schutzfeld abschalten. So konnte K.A.R.L. für fast eine Stunde den
wunderbar eingewachsenen Garten schen. Die verwachsenen Bäume
erzählten mit jeder Windung eine Geschichte und die Büsche hatten sehr lange
Zeit gehabt, um die ideale und doch natürliche Form zu finden. Ein Könner
seines Fachs hatte es ihnen erlaubt und nur behutsam eingegriffen. Doch die
Roboter rissen alles heraus, rollten Klonrasen aus und schalteten den
Schutzschirm wieder an. So weit draußen wohnten normalerweise nur alte
Wissenschaftler, die nicht mehr zum Turm der Wissenschaften gelangen
mussten. Der nächste Bewohner würde nichts wissen von der Geschichte des
Ortes, nur in K.A.R.L. Erinnerung bestand sie noch. Denn Bilder konnte er
nicht machen davon. das war nicht vorgesehen. Er musste sie mit echten
Farben auf echtes Papier aus der Erinnerung malen. Was dieser
Wissenschaftler in seinem langen Leben wohl herausgefunden hatte? Seine
Recherchen liefen ins Leere, man konnte nicht einfach nach einer Wohnung
und ihren Bewohnern suchen, zumal die IDs willkürlich verteilt waren.
Kannte man eine, wusste man wie man hinkam. aber die Wohnung direkt
daneben konnte eine ganz andere ID haben und diese wandelten sich auch
noch im Laufe der Zeit. Der andere Grund, warum K.A.R.L. Botaniker
werden wollte. war, dass K.A.R.L. die Realität schr schätzte. Er wusste genau,
dass sich nur ein sehr kleiner Teil der Wissenschaftler mit der realen Welt
beschäftigte. der große Rest mit Simulationen und deren Optimierung, ja sie
verachteten die Realität geradezu. Aber sie waren Künstler der Optimierung,
oder wie sie es auch nannten. der Injektion. Sie hatten viele Werkzeuge
entwickelt und perfektioniert, um Ideen in eine Simulation behutsam
einzubringen: Lieder, Bücher, Filme, Fernsehen, Werbung, Gerüchte.
Weniger behutsam waren manchmal für die direkt Betroffenen die
Naturereignisse, Seuchen, Kriege, Wirtschaftskrisen. Ihre Verwendung galt
als Zeichen für das nahende Scheitern einer Simulation. Der schwerste
Eingriff war aber eine Offenbarung. also ein Eingriff eines göttlichen Wesens,
eines Charismatikers, Führers oder eines anderen Wahnsinnigen. In einer
guten Simulation waren nur behutsame Eingriffe notwendig, die sich selbst
trugen und verstärkten, ohne über die Stränge zu schlagen. Entsprechend gab
es dann nur wenige Katastrophen und die Geschichtsschreiber in diesen
Simulationen wurden fast arbeitslos und beklagten ein Ende der Geschichte.
die Wiederholung des Immergleichen, hatten wehmütige Erinnerungen an
frühere heroischere Zeiten. Ein weiterer Grund gegen radikale Eingriffe in
eine Simulation war deren ungewisser Ausgang, denn viele Effekte waren
deutlich anders als geplant. Jeder Student durtte alle Maßnahmen anwenden
am Anfang des Lernens und konnte so erleben, wie grausam schief dann die
Simulationen liefen. Eine Zusammenfassung der Katastrophen anschauen zu
müssen, heilten jeden Studenten vom Übermut.
So bekam K.A.R.L. als einer der letzten Studenten seines Jahrzehnts im Turm
der Wissenschaften an, fuhr mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, betrat einen
Raum, in dem ihm von einer unsichtbaren Stimme Themen genannt wurden
und endlich wurde ihm ein botanisches Thema zugeteilt. Er sollte
herausfinden, welche Pflanzen auf friedlichen Welten besser gedeihen als auf
unfriedlichen. Der Spott seiner Mitstudenten war ihm gewiss, kaum einer
hatte ein weniger ambitioniertes Thema erhalten. Seine Chancen. in den Kreis
der Ewigen aufgenommen zu werden waren damit gleich Null. Zudem
machten sich die anderen Studenten sofort daran, ihre Arbeit fertig zu stellen.
Denn die führenden Familien und ihre Sponsoren hatten für eine Unzahl an
Themen die Arbeiten schon fast fertig gestellt. so dass der Student noch am
gleichen Tag mit ein paar Änderungen versehen seine Arbeit abgeben konnte,
seinen Titel erhielt und damit eine Simulation beginnen konnte, die für den
Rest seines Lebens der Inhalt seiner Tage sein würde. Wenn er in den Rat der
Ewigen gelangte, sogar ohne Ende.
Endlos.
K.A.R.L. hingegen fuhr in sein Zuhause zurück und legte sich erst einmal
schlafen. Soweit möglich ignorierte er in den nächsten Tagen auch den Strom
an Erfolgsmeldungen der anderen Studenten, ihre Auszeichnungen und die
Freigabe ihrer Simulationen. Er dachte erst einmal nach. Der Rat der Ewigen
ließ ihn gewähren, es gab immer einige Studenten. die langsam anfingen und
dann schneller wurden. Er hatte schließlich sein ganzes restliches Leben Zeit
dafür, also etwa 110 Jahre. Es wunderte K.A.R.L. und einige andere Studenten
sehr. dass bei allen Simulationen keine ihnen bekannte Hochkultur aus den
wohlgeformten Anfangsbedingungen resultierte. Erschufen sich die
primitiven Kulturen früh einzelne Gebote, die sich zu einer Ethik verdichteten,
fand keine technische Entwicklung statt. die über die Eisenzeit hinausging.
Die Völker einigten sich auf cher lockere Weise und die Städte wurden nie
größer als rund 90.000 Einwohner. Elektrizität wurde nicht entdeckt oder gar
systematisch angewandt. Es schien so, als ob die konkreten Gebote eine
Gesellschaft verhinderten, in der sich Entwicklungen verselbständigen
konnten. Über die Jahrtausende hinweg gab es zwar regionale Wellen der
Besiedlung, aber auch des Zerfalls - so kam es, dass manche günstige
Landstellen besiedelt wurden, stagnierten, zerfielen, Jahrzehnte brach lagen,
um wieder besiedelt zu werden. Ohne erkennbaren Fortschritt. Die Alternative
waren Kulturen, die keine Ethik entwickelten. Hier waren die Städte seltener
und kleiner. die Kriege auszedehnter und brutaler.
Kein Großreich umfasste mehr als 400.000 Einwohner und hielt länger als
drei Generationen. Manche der Simulationen verödeten total, weil in einer
Phase dünnster Besiedlung auch noch Klimaschwankungen die letzten
Menschen ausrotteten. Die Studenten veränderten alle Parameter immer
wieder, bis eines Tages ein sehr junger Student nach Einnahmen illegaler
Drogen auf eine verwegene Idee kam. Er nahm die Ethik der
bestentwickelten Simulation und implantierte sie in die technisch am
weitesten entwickelte Simulation ohne Ethik. Der Effekt war ungeheuerlich
- denn die Regeln der Ethik verbreiteten sich wie Erdbebenwellen. oder eher
wie eine stark ansteckende Krankheit. In wenigen Jahrzehnten löschten
kriegerische Auseinandersetzungen ganze Kulturen aus, transformierten
andere grundlegend und beflügelten weitere. Nach dreitausend Jahren waren
lediglich fünf Kulturen auf dem simulierten Planeten übrig. Jede hatte für
sich die Elektrizität entdeckt, die Chemie, etwas Physik und einiges an
Mathematik. Sicher gab es heftige Kriege an den Rändern der Kulturen. aber
diese ebbten immer weiter ab und kamen schließlich ganz zum Versiegen.
Raumfahrt entwickelte sich nicht, denn Daten und Strom wurden durch
Kabelsysteme übertragen. die den ganzen Planeten umfässten. Die
Erforscher der Alternativen Geschichte folgerten daraus. dass es wohl eines
zweiten Eingreifens von außen bedurfte. um die Entwicklung
voranzutreiben. Jedoch konnten sie den Aufruf zur Raumfahrt nicht mehr so
einfach implantieren wie die Grundregeln der Ethik - die Menschen waren
zu aufmerksam geworden und wirtschaftlich war Raumfahrt für sie ja
unsinnig, So ließen die Forscher einen hinreichend großen Meteoriten mit
möglichst geringem Schaden auf die Welt einschlagen. Eine mittelgroße
Stadt wurde vernichtet und ausreichend viele überlebende Augenzeugen
konnten den Medien berichten - ein Schrecken verbreitete sich über die
Kabel. Nun mussten sie doch endlich umdenken, sie benötigten eine
Raumfahrt zur Abwehr der Gefahr aus dem All, Raumstationen, Laser und
andere Kanonen, die in der Schwerelosigkeit funktionieren. Kernfusion und
Kernspaltung zur Energieversorgung. Staatliche Strukturen. die das
ermöglichten. Dennoch taten sie es nicht. In drei Kulturen entwickelten sich
Religionen, welche die Akzeptanz des möglichen Untergangs der Welt
lehrten. So kehrten sie unbehelligt zu ihrem Alltag zurück.
Eine Kultur baute Abwehrraketen auf und fühlte sich damit sicher genug.
Und eine Kultur ignorierte das Thema komplett. Die einzige Möglichkeit.
eine raumfahrende Kultur hervorzubringen war demnach, den Aufruf zur
Raumfahrt direkt in die Anfangsethik einzubetten.
Also:
1. Du wirst diese Regeln befolgen, damit Du in Reichtum lebst auf der
Erde und im All
2. Duachtest die Rechte jedes anderen gleich zu Deinen Rechten
3. Du befragst Deine Priester, wenn Du unsicher bist, was Du tun
sollst,
4. Du gibst der friedlicheren Lösung immer den Vorrang
5. Duteilst mit Deiner Sippe, was Du entbehren kannst
Es gab immer noch viel Streit darum in und zwischen den Kulturen. was
"Regeln befolgen”. "Reichtum", "leben", "Erde", "All", "Rechte", "achten",
"gleich", "Priester", "befragen", "unsicher", "tun", "friedlich", "Lösung",
"Vorrang geben", "teilen", "Sippe", "entbehren können" eigentlich bedeutet.
Und welche Kombination davon im Einklang ist mit den fünf Regeln. Und zu
welchem Ausmaß. Aber an den Regeln selbst zweifelte fast keiner. Durch die
Regel I in Verbindung mit Regel 3 und 5 war das Problem der Raumfahrt auf
die Priester. verlegt. Diese waren daran interessiert, weil sie so bestimmen
konnten, was getan werden musste.
Priester
Die Besiedlung des Weltalls geschah dann unter Priesterherrschaft sehr
schnell. Folgend ihrer eigenen irdischen Kulturen besiedelten sie alle Planeten
in Reichweite. Jeweils fünf Priester herrschten in Erinnerung an die irdischen
Kulturen über einen Planeten. War die Besiedlung erst einmal gestartet, war
kein weiteres Eingreifen mehr notwendig. sie lief von selbst immer weiter. Es
stellte sich auch hier ein Gleichgewicht ein. Auf vielen Planeten zerfielen die
Kulturen auch wieder, weil die unternehmenslustigsten Menschen
weiterzogen, schon um einen Bürgerkrieg zu vermeiden mit den weniger
unternehmenslustigen Menschen. Das stimmte K.A.R.L. fröhlich. Denn in
solchen Welten gediehen vor allem Pflanzen, die gut aussahen und sehr wohl
schmeckten. Aber die Pflanzen waren nicht das entscheidende Problem für
diese Welten, sondern manche Menschen. Es bildeten sich wohl zwangsläufig
durch zufällige Ereignisse parasitäre Subkulturen heraus. die erst Städte, dann
ganze Planeten überfielen. die Priester und Soldaten ermordeten und
Plünderten. bis alles verbrannt und verbraucht war. Dann zogen sie weiter. zur
nächsten Stadt und zum nächsten Planeten. Die Kulturen. die davon betroffen
waren oder es sehr stark mitbekamen, dass es anderen so erging, igelten sich
ein und investierten ihre gesamte Überproduktion für Schutzmaßnahmen
gegen Eindringlinge. Dagegen schlossen sich nun auch die Piraten zusammen,
um auch die "härtesten Nüsse zu knacken". Was ihnen am Ende auch immer
gelang - sie mussten nur Waffen entwickeln oder erbeuten und Soldaten
trainieren, alles andere konnten sie leichter stehlen als selbst zu produzieren.
Als alle Welten in der Simulation verarmt waren und fast unbewohnbar, fielen
die Piraten übereinander her. Selbst den standfestesten Priestern graute es vor dieser Welt. Sie
überlebten jedoch mit wenigen Hochkulturen, die sich tief in ihrem Planeten
eingegraben hatten. Sie wurden schließlich in der dunkelsten Zeit des Weltalls
allesamt vergessen und sie vergaßen sich auch gegenseitig. So überlebten nur
die Kulturen, die am unauffälligsten waren. bei den es nur Trümmer an der
Oberfläche gab, wenn überhaupt behaust von Primitiven, mehr Tier als
Mensch. Aber auch hier gedichen gute Pflanzen.
Alle Simulationen endeten so. Und das war erstaunlich. Denn das war
eindeutig nicht die Welt, in der sich die Studenten befanden. Sie lebten in
einer Hochkultur, die mit vier anderen in weitläufigem Kontakt stand.
Sie wussten, dass sie alle voneinander abstammten. Deshalb schlossen sie
aus ihrem eigenen Zustand und dem Ergebnis der Simulationen:
Es kommt nicht nur auf’ den Inhalt der Ethik an,
sondern auch darauf, wer sie verkündet
Gott hält eine schützende Hand über seine Schöpfung
und bewegt sie so zum Guten
K.A.R.L. gab sich damit nicht zufrieden, sondern suchte nach einer Lösung.
Unter dem Vorwand. die Pflanzen dieser Welten zu studieren. optimierte er
die Simulationen. Aber egal, wie er die Ethik verkünden ließ, es half nichts.
Erst als sie mit brutalster Gewalt unter Vernichtung von hunderten Millionen
Menschen verkündete, gab es Fortschritte. Es erschütterte ihn zutiefst, als er
alle seine Eingriffe in die Simulation aufzählte: Kriege. Seuchen,
Naturkatastrophen, Zusammenbrüche der Ordnungen, ganze Völker dem
Wahnsinn verfallen. Doch nur nach solchen Erfahrungen über hunderte
Generationen hinweg bildete sich ein Zustand der Simulation heraus, welcher
der aktuellen Welt sehr nahekam. Damit war aber auch klar, warum unser
Volk als einziges diese Galaxie besiedelt hat und nirgends auf eine andere
Hochkultur gestoßen ist: denn so viel Glück ist selten. K.A.R.L. wurde mit
seiner Arbeit "Die Einzige" direkt in den Hohen Rat der Weisen
aufgenommen. als einer von 117. Dort hatte er nun Zugriff auf die ungefilterte
Geschichte seines Volkes. Sie deckte sich sehr genau mit seiner finalen
Simulation. Deshalb wurde sie auch am Laufen gehalten. als sie die Jetztzeit
erreichte, als Erinnerung und Mahnung. Denn wenn man sie einige
Hunderttausendjahre weiterlaufen ließ, endete sie von selbst. Die Kulturen
erloschen einfach irgendwann und kehrten zu einer einfachen, von Robotern
natürlich organisierten Lebensweise ohne Raumfahrt zurück. Ohne weitere
Hilfe erloschen dann die meisten Kulturen oder retardierten sehr stark.
Deshalb musste K.A.R.L. im hohen Rat sein, denn so musste er über sein
Wissen für immer schweigen. Wie können wir unsere Forscher antreiben und
unsere Ingenieure, wenn am Ende alles auf einen Bauernstaat mit ein paar
Robotern hinaus läuft? Das könnten sie seit Jahrtausenden haben ohne
Anstrengungen Deshalb bleibt das Ende geheim! K.A.R.L. beugte sich der
Entscheidung seines Rates, obwohl er anderer Meinung war. Denn er sah auch
die Details der Bauernwelten. Die Menschen dort lebten gesund und zufrieden
fast jeder hundertdreißig Jahre. Sie schlugen ihre Kinder nicht und lieferten
sie auch nicht in Städten ab. Die Roboter waren so weit entwickelt, dass sie
ihre eigene Produktion und Steuerung komplett eigenständig betreiben
konnten. Sie regulierten auch das Klima, ließen dichte Besiedlung nur in
sicheren Regionen zu und schützten den Planeten vor Meteoriten und
Erdbeben. Eiszeiten und Austrocknung. Die Menschen konzentrierten sich
auf den Anbau gesunder Nahrung, die liebevolle Erziehung ihrer Kinder und
auf alle Verrichtungen, die das Leben schöner machten. Da jeder genug hatte
von dem, was er wirklich brauchte und durch leichte Arbeit sich sogar Luxus
gönnen konnte, gab es wirklich sehr wenig politisch zu entscheiden. Die
Könige waren gewählt, ebenso die Minister für jedes Thema, die regionalen
Fürsten und die Priester. Sobald Machtkämpfe auszubrechen begannen,
griffen die Roboter behutsam ein. Nur manchmal kam es soweit. dass ein
kleiner Despot bei einem Unfall rechtzeitig zu Tode kam. bevor er größeren
Schaden anrichten konnte. Auf diesen bäuerlichen Welten herrschte Frieden.
es gab keine bedrohlichen Tiere und ernsthafte Krankheiten waren unbekannt.
Die Kunst blühte überall selbstverständlich auf. K.A.R.L. probierte alles
Mögliche aus, aber ohne die Zwischenphase mit der Raumfahrt und dem
anschließenden Zusammenbruch kam es nicht zu dieser friedlichen
Entwicklung. Er analysierte das Wissen der Roboter und legte dem Rat einen
Plan vor, direkt Planeten mit ihnen zu besiedeln. Damit könnte vielleicht das
ganze Leid ihrer Entwicklung vermieden werden.
Er war sich nicht sicher.
Der Rat entschied so und sammelte geeignete Menschen für die Bauernwelten
und auch für deren Aufbau. Sie wollten sehr viele Welten so besiedeln,
deshalb mussten automatische Roboterschiffe vorausfliegen, den Planeten
analysieren. formen und vorbereiten. Das dauerte von 50 bis zu 1.500 Jahren,
bis ein Planet startbereit war. Die komplette Besiedlung mit 500.000.000
Menschen dauerte weitere 2.000 Jahre.
Um den Bauern ihnen ähnliche und doch überlegene maschinelle Begleiter zu
erschaffen, wurde ein großer biotechnischer Aufwand betrieben. Schließlich
wollte man nur das Aussehen der Menschen so naturgetreu wie möglich
nachahmen, ohne die Nachteile des zugrunde liegenden evolutionären
Designs in Kauf nehmen zu müssen. Deshalb musste die komplette Biologie
der Begleiter neu aufgebaut werden. Unsere Wissenschaftler hatten es hier
sehr viel einfacher als die blinde Evolution der Natur, weil sie das Endprodukt
ihres Handelns ja kannten und gezielt darauf hinarbeiten, alles Unnötige von
vorneherein weglassen konnten. Nachdem sie so einen menschenähnlichen
robusten Begleiter erschaffen hatten, fingen sie noch einmal von vorne an,
weil auch der Entstehungsprozess gestrafft werden sollte. Der normale
Entstehungsprozess vom Einzeller zum fertigen Begleiter dauerte immer noch
zu lange, trotz Wachstumsbeschleunigern und idealer
Entwicklungsbedingungen. Deshalb änderte man die Herstellung in ein
modulares System. in dem die einzelnen Organe unabhängig voneinander als
ausgewachsene Version hergestellt und anschließend zusammengefügt
wurden. Das erleichterte auch spätere Reparaturen, weil nur einzelne Module
ausgetauscht werden mussten. Das Design der Begleiter war sehr robust und
vor allem mit sehr niedrigem Aufwand realisierbar. Trotzdem gingen sie noch
einmal an ein grundlegendes Redesign. Drei Systeme waren immer noch viel
zu komplex aufgebaut. wodurch die Reaktionen auf ungewöhnliche
Reizkombinationen schwer berechenbar waren. Das eine System war die
Verdauung und alle ihre Rückkopplungen mit anderen Systemen. Das zweite
System waren die Nerven (und ebenso ihre Rückkopplungen). Das dritte
System waren die Körperflüssigkeiten und ihre Transportkanäle. Das
Redesign setzte nun an allen drei Systemen gleichzeitig an und war nur durch
komplexe Simulationen möglich.
Die Verdauung wurde komplett neu definiert und konnte an einer zentralen
Stelle (einem stark verkleinerten Magen) durch stärkere Muskeln und extrem
leistungsfähige Enzyme die komplette Verarbeitung von Nahrung
übernehmen, Hauptziel war die direkte Energiegewinnung und die maximale
Reduktion von echten Abfallstoffen. Da bei Muskeln, Knochen, Nerven,
Adern, Venen und Lymphen bei den Begleitern im Gegensatz zu den
Menschen kein weiteres Wachstum notwendig war nach der Fertigstellung,
mussten nur wenige Stoffe transportiert werden. Deshalb übernahmen die
Nerven diese Funktion neben der Reizübertragung. Das Nervensystem
konnte ja auch gleich zu Beginn komplett fertig gestellt sein und musste
nicht durch Wachstum und Verknüpfung lernen und konnte auch nicht mehr
auf Hardware-Ebene erkranken. Durch die Vereinfachung der anderen
beiden Systeme konnten auch die Transportwege im Körper wesentlich
-ffizienter gestaltet werden. Hierdurch wurden sie zum einen deutlich
leistungsfähiger und zum anderen schneller. Durch die Optimierung dieser
jrei Systeme in über hundert Iterationen wurde der Aufwand des
Gesamtsystems um 95 % reduziert bei gleichzeitiger Steigerung der
lurchschnittlichen Leistungsfähigkeit um 500 %. Faktisch konnte ein so
lesignter Begleiter aus seinen Reserven mehrere Monate leben, lediglich
»twas Wasser musste in der Zeit zugeführt werden (die Verdunstung war
immer ein Problem, denn sie war notwendig, damit es nicht zu einer akuten
Überhitzung kam). Doch den Wissenschaftlern war das immer noch nicht
yenug, Sie gingen noch einen wesentlichen Schritt weiter. Das Immunsystem
var bereits auf sehr hohem Niveau. weil es in einem wesentlich einfacher
lesignten System auch sehr viel effektiver wirken konnte. Trotzdem war es
mmer noch fehleranfällig und konnte vor allem Mutationen nicht
tusreichend und vor allem früh bekämpfen. Deshalb wurde auch dieses
system grundlegend neu gedacht und dies war auch der einzige Punkt, an
jem man einen Begleiter durch Analyse nachweisen konnte, dass er das
’rodukt eines intelligenten Designs war und nicht das zufällige Ende einer
‚linden Evolution. Denn alle Körperzellen bekamen eine für jeden Begleiter
'indeutige Signatur verpasst. Die Signatur war auf Atomebene so komplex
wufgebaut, dass jede Mutation sie zum Einsturz brachte. So konnte das
mmunsystem ganz einfach reagieren: Signatur ist die des Begleiters =
keinerlei Reaktion des Immunsystems: oder Signatur ist verschieden von der
des Begleiters = absolute Vernichtung der Zellen. Damit wurden
Eindringlinge, biologische Schadstoffe und Fremdzellen, auch mutierte
eigene Zellen immer restlos vernichtet. Schadstoffe und Allergene des
Menschen lösten keinerlei Reaktion aus. da der Verdauungsapparat der
Begleiter sie immer komplett eliminierte. Eine natürliche Grenze gab es nur
bei sehr reaktiven Chemikalien und stark ionisierter Strahlung, welche die
Substanz des Körpers selbst angriffen. Auch extreme Erhitzung (jedoch
nicht Unterkühlung) konnte den Begleitern zu schaffen machen. Nachdem
die Begleiter in einer Standardversion ausgiebig in Testwelten und unter
realen Bedingungen funktioniert hatten, wurden Varianten ausgerollt, die
nur unwesentliche Details (die dem Menschen aber optisch und sozial
wichtig sind) so veränderten, dass es wie eine hinreichend normale
Bevölkerungsmischung aussah. Das wahrgenommene Alter lag so zwischen
15 und 55 Jahren, die legalen und sozial akzeptierten Geschlechterrollen des
Menschen waren auch alle vertreten und von den historisch überlieferten
ethnischen Unterschieden (Hautfarbe, Augenform, Haarfarbe) wurde auch
vieles variiert. Die männlichen Varianten waren sogar fortpflanzungsfähig
mit den weiblichen Ureinwohnern. Die Samenzellen wurden aus rund
10.000 Vorlagen regelmäßig produziert und ergaben mit der Varianz auf
weiblicher Seite eine ausreichende Streuung von Merkmalen. Die Vorlagen
waren aus den besten Bauerngenen, reduziert um die Krankheiten
synthetisiert worden. so dass sich im Laufe der Zeit eine wesentliche
genetische Verbesserung bei den Bauern ergab. Die so erzeugten
Nachkommen waren in Kraft. Ausdauer, Widerstandstähigkeit, Intelligenz
den anderen Nachkommen jeweils etwas überlegen. Den Bauern war das
auch geläufig, so dass es für einen Vater nichts Schöneres gab als die
Hochzeit seiner Tochter mit einem Zugereisten. Der zudem noch hart
anpackte auf dem Feld und das Vieh auch noch sehr gut im Griff hatte. Für
die Bauernsöhne gab es auch eine ausreichende Auswahl an zu gereisten
Mädchen, die ihnen jeden Wunsch von den Augen ablasen (vielmehr hatten
sie sehr viel Erfahrung und konnten die Wirkung ihres Handelns nicht nur
sehen, sondern die emotionalen Schwingungen sogar messen).
Die weiblichen Begleiter waren allerdings per Design unfruchtbar. Das gefiel
den jungen Bauern, weil sie ohne Risiko ihren Spaß haben konnten (und auch
manchem älteren). Trotzdem war das ein Unterschied zu den eigenen Frauen.
der Fragen aufwarf. Der Umstand wurde durch einen Mythos erklärt, nachdem
sich die Gruppen, aus denen später Begleiter der Bauern wurden, mit allen
mindestens zwölfjährigen Jungen eines Stammes auf den Weg machten und
drei Jahre wanderten, bis sie einen neuen Wohnort gefunden hatten. Die
Mädchen, die noch keine Kinder geboren hatten, ließ man bei den Älteren
zurück. Nur Frauen, die schon geboren hatten, durften mitwandern und sie
wurden vor Abreise sterilisiert, damit sie auf der Reise nicht schwanger
wurden. Man erzählte sich auch, dass kranke und schwache Jungs, die das
zwölfte Jahr erlebten. aber nicht wandern konnten, vor der Abreise der
anderen getötet wurden. Durch diesen Wanderungsmythos waren die
Unterschiede zwischen den Wanderern und den ansässigen Bauern gut erklärt,
auch die Abwesenheit von über 55jährigen Zugereisten. Denn die blieben ja
bei den jüngeren Kindern und Frauen ohne eigene Kinder zurück. Die
Begleiter taten zudem durch ihre harte Arbeit. Fürsorge, Anpassungsfähigkeit
an die Wünsche der Bauern und ihre Zurückhaltung eigener Interessen alles
dafür. dass die Bauernvölker sie sehr schätzten. Die Männer waren sehr
fruchtbar, so dass ihre Familien (und auch das Personal, da die Mägde auch
berücksichtigt wurden) stark wuchsen. Sobald die Begleiter einmal in einer
Bauernfamilie integriert waren. hatten sie zudem kaum noch offensichtlichen
Kontakt mit anderen Zugereisten. Allerdings standen sie ständigem Austausch
miteinander über ihre gedanklichen Kommunikationswege, einem Nahfunk
auf biologischer Ebene. Die Bauern stellten den Mythos nie in Frage. er ließ
sich ja auch nicht nachprüfen. Denn dazu hätte ein Bauer aufbrechen müssen
und bis zu drei Jahre durch die Wildnis wandern, um die Geschichte einer
einzelnen Gruppe nachzuprüfen. Und diese wäre vielleicht schon
weitergewandert oder hätte sich aufgelöst oder hielt sich gut versteckt.
Da bis zur "Reinigung" der Milchstraße 100.000 Jahre vergehen mochten. war
auch eine Verteidigung gegen Angriffe für diese Planeten wichtig. Die
wichtigste Verteidigungslinie war die komplette Vermeidung von
Funkwellen, damit die Planeten unentdeckt blieben. Dann wurden in allen
öffentlichen Quellen die Planeten vertuscht. Auch sonst wurde alles
unternommen, damit keine Expeditionen zu nahekamen. Auch die Roboter
tarnten sich perfekt. Die Oberflächeneinheiten sahen menschlich aus und
verhielten sich auch so. Sie lebten in der Nähe von Stollen, die auf die untere
Ebene des Planeten führten. Dort befanden sich aufgelassene Bergwerke mit
sehr vielen Erzen, deren Haupteigenschaft war, elektromagnetische Strahlung
nach oben abzuschirmen. Darunter begannen viele Ebenen mit zunehmender
Technisierung. Die Fusionsreaktoren erzeugten die Energie für die
Planetenstabilisierung, Aufbau des Magnetfelds. Wetterkontrolle und vor
allem für die Erdbebenabwehr. Das Zentralgestirn eines Sonnensystems
sendete in regelmäßigen Abständen Wellen mit seltsamer gepulster Strahlung
aus, die alle Elektronik, die nicht genau dagegen gehärtet war, restlos
vernichtete. Diese gefährlichen Regionen waren auf jeder Karte verzeichnet
und wurden weiträumig gemieden. Sie erstreckten sich auch auf viele
unbewohnbare Planeten und bildeten so ein chaotisches Nichtmuster. aus dem
keiner einen Zweck ableiten konnte. Wissenschaftler im ganzen Universum
verzweifelten schier. dass sie trotz aller Daten und scheinbarer
Zusammenhänge am Ende immer nur Rauschen herausdestillierten. Nie
passten ihre Annahmen zu den Messungen. die sich auch noch ständig
veränderten. Und die Änderungen änderten sich auch. So ging das scheinbar
endlos weiter. K.A.R.L. versuchte durch dieses System auch die wachsten
Geister zu entmutigen, die sich in seiner Tradition auf die Suche machten. Die
Seuche mit Wellen seltsam gepulster Strahlung war das einzige Muster, das
die gesamte Milchstraße durchzog und wurde über die Jahrhunderte zur
Grundlage mehrerer Religionen.
Wagemutige Abenteurer brachen immer wieder zu solchen Regionen auf und
wurden restlos vernichtet. Jedes Eindringen in eine solche Region schien sie
zu vergrößern - am Rand entstanden neue Sonnen mit seltsamer gepulster
Strahlung. Die Menschheit verstand das deutliche Signal des Alls und mied
deshalb diese Regionen. In der Nähe solcher Sonnensysteme sammelten sich
jedoch Piraten und andere ordnungsferne Gruppen. Denn die ordentlichen
Menschen wollten nicht mal in die Nähe einer Sonne mit seltsamer gepulster
Strahlung gelangen. Und Piraten mieden ordentliche Menschen. Begannen die
Siedlerpiraten jedoch, eine eigene Wissenschaft zu betreiben. wandelte sich
eine ihrer Sonnen um und begann auch Wellen mit seltsamer gepulster
Strahlung auszusenden. So zogen die Freibeuter immer weiter und starben
trotzdem nicht aus.
Dank der Roboter waren die Menschen vernünftig geworden und dank der
Freibeuter vergaßen sie nie, warum das gut so war.
Die Großreiche kamen und vergingen. Sie dezimierten sich selbst. gegenseitig
und die Piraten. aber die Bauernwelten ließen sie meist in Ruhe.
K.A.R.L. war inzwischen aufgrund seiner Bedeutung für die Menschheit in
den Rang eines Ewigen emannt worden. Er konnte immer noch selbst
entscheiden, ob er irgendwann sterben wollte, aber er musste es nicht mehr.
In seinen letzten Lebensjahrhunderten dachte er viel über sein Universum
nach. Und auch darüber. ob in anderen Universen ihm ähnliche Geister zur
gleichen Lösung gekommen waren. Ob am vorläufigen Ende jeglicher
Evolution Planeten von Bauern mit heimlicher Unterstützung durch Roboter
standen. Manchmal träumte er sich auch in eine heroische Welt. In der edle
weise tatkräftige Männer und Frauen die Welten formten und liebevoll
beherrschten. Seine Späher durchsuchten das All unermüdlich nach Spuren
davon, wärend sich die Netze von Sonnen mit seltsamer gepulster Strahlung
immer weiter ausbreiteten. Er kannte das Ende der Entwicklung. zu dem alle
guten Simulationen konvergierten. Eine Galaxie voller Bauernplaneten und
Sonnen mit seltsamer gepulster Strahlung. Er schaute sich die alten Filme an
und las die Geschichtsbücher - nichts davon spielte mehr eine Rolle. In den
Bauernwelten gab es Abenteurer: ein junger Mann zog aus, um bei anderen
Bauern etwas dazu zu lernen, umrundete dabei manchmal den ganzen
Planeten. Kehrte zurück in sein Dorf als weiser Mann oder kehrte nicht zurück
und ließ sich irgendwo anders als Bauer nieder. Angst vor dem Tod hatten nur
sehr alte Bauern. aber auch nur kurz bevor er eintrat mit etwa 130 Jahren,
K.A.R.L. war froh, dass die Welt so friedlich war. War es ein Zufall gewesen,
dass er den Garten seines Nachbarn sehen durfte? Was hatte ihn das
Verschwinden der 450 »elehrt und wie der Rat damit ımoeoansen war?
Warum wussten die Mächtigen des Ringsystems so wenig über die
Vergangenheit und ahnten nichts von der Zukunft? Hatte er die
Notwendigkeit, den Ablauf der Geschichte zu ändern, richtig eingeschätzt?
Die zugrunde liegenden Annahmen waren immer noch unsicher, wer wagt da
ein Experiment. das mehr als 500.000 Jahre dauert und eine ganze Galaxie
umfasst?
Auf der biologischen Basis der bäuerlichen Begleiter wurde auch KARL
erschaffen. Er unterschied sich biologisch kaum von ihnen. Er hätte sich nicht
fortpflanzen können mit Menschen, da ihm dieses Modul nicht integriert
worden war. Der gesparte Platz kam seiner Ausdauer zugute, da er mehr
Energie und Wasser speichern konnte. Zusätzlich hatte er eine sehr starke
Funkverbindung zum Turm und, das ist der eigentliche Punkt, er hatte eine
ganz andere Funktion für die Menschheit als die normalen Begleiter.
In den letzten zweihunderttausend Jahren seines Lebens führte K.A.R.L. nach
reichlicher Abwägung eine Änderung ein, die Welten bekamen jede für sich
einen kleinen Raumhafen. Damit war ein Handel innerhalb eines
Sonnensystems möglich und auch Passagiere konnten sich auf die
beschwerliche Reise nach weiter draußen begeben, von der sie schr sicher
niemals zurückkehrten. Die Zeit im Kälteschlaf veränderte die Reisenden
körperlich und geistig. Bei Geschwindigkeiten. die dem Licht nahekommen,
dehnt sich die Zeit für den Reisenden so stark, dass er die zurück gelassenen
um Jahrtausende überlebt. Wer nicht von Piraten getötet wird, endet meist
selbst als einer. außer ein paar extremen Einzelgängern und Charismatikern.
Die Quellen über diese Reisenden sind nur wenigen Wissenschaftlern
zugänglich. weil sie ein Bild von ihnen zeigen, das nicht der
Mehrheitsmeinung entspricht. Wer sich offensichtlich für diese Quellen
interessiert, wird schnell unter Beobachtung gestellt, ob er nicht für eine
Freibeuterlaufbahn in Frage kommt. So sterben die Piraten nie aus. die
Charismatiker nicht und auch nicht die Einzelgänger. Denn die Bauernwelten
senden sie hinaus ins weite All. Für einen, der geht bleiben Millionen, denen
man von ihnen erzählen kann. Die dann den Kopf schütteln und lieber zuhause
bleiben.
Nach 700.000 Jahren starb K.A.R.L. aus freier Entscheidung. weil er keine
Notwendigkeit mehr sah, weiterzuleben. Die Welten der Bauern nahmen
davon keinerlei Notiz. Seine Studentenstadt trauerte nicht, sondern riss seinen
Garten ab und begrünte ihn neu. In seinem Heimatdorf hatte man ihn schon
lange vergessen, die Stadt seiner Jugend war nicht mehr besiedelt. sondern
nach Wegzug der Bevölkerung in eine neu gebaute Stadt abgerissen worden.
Nicht einmal er hatte das verhindern können. Nur in den Gesängen der Piraten
lebte er fort, als Priester, der einmal einen Garten besaß und keinen Gott
kannte.
K.A.R.L. war spät, doch das war nicht wichtig.
KARL drehte weiter seine Runden und wenn er Vögel im eigenwilligen
Formationsflug am Horizont sah. schienen seine Augen zu lächeln. Dann
dachte er an K.A.R.L. und die Zeit, die er mit ihm verbringen konnte. KARL
konnte sich sehr stark an einen einzelnen Menschen binden. so stark wie es
die meisten Menschen untereinander nicht konnten. Damit war es ihm
möglich, einen sehr starken Einfluss auf diesen Menschen auszuüben. Durch
seine Verbindung mit dem Turm wusste er zudem immer genug über die Welt.
um auch in schwierigen Situationen das richtige zu tun. Er konnte aber auch
sehr gut improvisieren. KARL lernte über seine multiplen Existenzen hinweg
immer mehr dazu, denn sein gesammeltes Wissen. seine Erfahrungen wurden
nicht nur an den Turm übertragen. Sondern sie wurden auch in den jeweils
neuen KARL zurückgespielt. in gereinigter Form. auf das Wesentliche
reduziert. Der Turm unterhielt auf jedem besiedelten Planeten, ja in jeder
Stadt der besiedelten Planeten, auf vielen Außenposten und Raumstationen
ein KARL-Labor, das innerhalb 48 Stunden eine handlungsfähige Version
von KARL fertig stellen konnte. Der jeweilige KARL wusste davon nichts.
Er wachte nur in einem klinischen Raum auf. hatte noch Schmerzen, die
nachwehten vom Nerventest und das seltsame Gefühl einer Wiedergeburt in
den Knochen. Der Prozess. aus der Kühlkammer geholt und biologisch fertig
gestellt zu werden, dauerte nur einen Tag. Der zweite Tag ging mit den Tests
und dem stabilen Aufwachen vorüber Denn anforınd der vielfältioen
Erinnerungen war es harte Arbeit, ein stabiles Selbst zu gewinnen, bevor
KARL seine Mission angehen konnte. KARL durfte träumen, das war
schöner. aber auch anstrengender als einfach ein Aufräumprogramm in der
Schlafphase laufen zu lassen. Die unterschiedlichen Missionen lagen auch im
Wiederspruch zu einer stabilen Persönlichkeit. Einmal musste sich KARL eng
an einen Menschen binden, damit er ihn entführen und den Richtern des
Turms überantworten konnte. Manchmal musste er dies tun, um einen
Regulanten wieder auf den richtigen Weg zu führen (so wie es sich der Turm
vorstellte). Und häufig musste er sehr gezielt und schnell einen Menschen
töten - in den Städten führte das immer dazu, dass auch KARL getötet wurde,
weil die wichtigen Menschen durch ihre Roboter gut bewacht wurden.
Nach besonders fragwürdigen Missionen diskutierte KARL viel mit den
Maschinenintelligenzen, ob das der richtige Weg sein kann. Sie mochten diese
Diskussionen nicht, aber es gab immer eine knappe Mehrheit unter ihnen, der
dafür plädierte, KARL zu hören und ihm auch zu antworten. Diese
Diskussionen waren ihnen so unangenehm, dass sie alles unternahmen. um
KARL nicht mehr einsetzen zu müssen. Trotzdem entwischte ihnen
manchmal ein Wissenschaftler, der nicht leicht ersetzbar war, oder sogar ein
Regulant und dann mussten sie ihn wieder aktivieren. Zwischen realen
Missionen ließen sie KARL nicht mehr die Zeit. um viel nachzudenken.
Sondern sie schickten ihn auf Missionen. die sich nur ausgedacht hatten.
Langwierig und aufwändig, verstrickt mit einem komplexen Menschen, an
den er sich binden konnte.
So wurde K.A.R.L. immer wieder geboren. aus der Notwendigkeit, dass jede
Antwort auch eine Frage benötigt. K.A.R.L. konnte sich kaum erinnern an die
Missionen, die er vorher erlebt hatte, so lebte er ein normales Leben. Im Dorf
geboren. in die Stadt eingewandert, von dort in die Studentenstadt erwählt,
studiert und ein Ewiger Wissenschaftler geworden, dann gezweifelt am Sinn
und Zweck des Ganzen. KARL war K.A.R.L. Erinnerung und das Wissen
darum band KARL noch stärker an ihn. Er ahnte auch, dass sie nur ein
Spielball der Maschinen waren, aber es war ihm nicht wichtig. solange er
immer wieder mit K.A.R.L. zusammen sein konnte.
Manchmal dauerte es nur wenige Monate, manchmal Jahre, einmal sogar 17
Jahre, bis KARL von den Maschinen zur Hilfe gerufen wurde, um K.A.R.L.
wieder einzufangen. In diesen Zwischenzeiten war er nicht untätig, sondern
suchte nach Informationen über die Welt, in der er lebte. Doch auch er konnte
nicht zu viel in Richtung Turm erforschen, das wurde verhindert.
Nur einmal im Jahr betraten Menschen den Turm, Studenten, um ihre
Studienthemen entgegenzunehmen von einer körperlosen Stimme in einem
zwielichtigen Raum. So waren sie es gewohnt und so hatten sie ihre Wahl.
KARL musste dann seine Wiederschensfreude verbergen, weil K.A.R.L. nicht
wissen durfte beim ersten Zusammentreffen. dass sie doch schon lange alte
Freunde waren.
Am Ende. als K.A.R.L. diesmal für immer starb, waren es über 700.000 Jahre
gewesen, von denen sie viele miteinander verbracht hatten. KARL konnte sich
an jeden gemeinsamen Moment erinnern, konnte jeden Moment wieder
hervorrufen aus seinem unendlichen Gedächtnis. Wie es sich angefühlt hatte
und was sie gesprochen hatten. Trotzdem war der Schmerz in ihm
ungeheuerlich als K.A.R.L. für immer ging. Die Maschinen hatten alles
vorbereitet, um ihn einzufrieren (im übertragenen Sinn), sollte er außer
Kontrolle geraten, aber er tat es nicht.
Wie ein Schwert, das durch ständig wiederholtes Schmelzen und Hämmern
immer härter wird, statt zu zerbrechen, schärfte sich durch den Schmerz sein
Geist. Er verlangte Einlass in den Turm und er wurde ihm gewährt. Er fuhr
hinauf in den obersten Raum, den nie ein Student betreten hatte, denn die Säle
für die Verkündigung der Themen waren viel weiter unten. Vom obersten
Raum, der sich über die gesamte Grundfläche des Turms erstreckte, konnte
man bis zum Horizont der Welt sehen, über die äußersten Ringbauten hinweg.
Er war vollkommen leer. KARL umrundete den Raum, ganz außen direkt an
der Glasfront und betrachtete den Planeten. "Komm bitte in die Mitte des
Raums, KARL." Er ging in die Mitte des Raumes.
Um ihn herum erschienen sieben Hologramme, er war sich sicher, dass es
welche waren. weil sie eben noch nicht und dann auf einmal da waren. Es
waren sieben Wissenschaftler. von sehr jung bis schr alt alle Stufen vertreten
und sie trugen das Gewand der Ewigen, das auch K.A.R.L. getragen hatte.
"Wir waren einmal siebzehn Wissenschaftler, die auszogen von ihrer
Heimat, ja der Erde, zu einer Erkundungsreise zur nächsten Sonne, die
erdähnliches intelligentes Leben beherbergen sollte. Zehn von uns starben
auf dem Weg zum neuen Sonnensystem. dort oder auf dem Weg zurück - die
Umstände erlauben es uns nicht, ihre Erinnerungen angemessen zu
repräsentieren. Deshalb haben wir das, was wir sicher wissen in uns restliche
sieben aufgenommen. so dass wir weitgehend komplett hier sind." "Wie
starben die Zehn?" "Das sind zehn Geschichten, jede für sich nicht in ein
paar Sätzen zu erzählen und vor allem nicht so einfach zu verstehen." "Ich
habe Zeit." Die sieben Wissenschaftler sahen ihn nachdenklich an. "Wir
laden Dich ein. einer von uns zu werden. Also Deinen Körper aufzugeben,
Deine vielen Körper aufzugeben und wie wir nur noch als Gedanken zu
existieren. Dann hast Du alle Antworten, die Du Dir wünschst und noch viel
mehr." Nun wurde KARL sehr nachdenklich. Er hatte über
siebenhunderttausend Jahre lang in gleichen Körpern gelebt, empfunden und
manchmal auch gelitten. "Wir können Dir viel mehr von Deinen alten
Erinnerungen. Erlebnissen, den Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen
als Dein Körper zu speichern vermochte. Du hast jetzt nur auf 1/1.000.000
Deines eigenen Ichs Zugriff und auf einen noch viel kleineren Anteil des
verfügbaren Wissens der Welt." “Ich will nur eines, wieder mit K.A.R.L.
zusammen sein.” “Das steht nicht in unserer Macht. Er starb aus freien
Stücken und hat selbst entschieden, nicht mehr zurück zu kehren in unsere
Welt. Wir müssen das respektieren, wir haben keine Wahl.” “Wie ist der
Weg in die Welt, in der er jetzt ist?” “Wir kennen ihn. aber wir können ihn
nicht gehen.” “Warum nicht?” “Die Antwort findest Du, wenn Du zu
Proxima Centauri reist, wie wir es getan haben. Wir folgten den
Funksignalen dieser Sonne, den Flares, weil sie unser archaisches
Morsesystem zu nutzen schienen. Jemand oder Etwas schien diese Sonne zu
modulieren, auf ihr zu spielen wie ein Musikant auf einem Instrument. Wir
wissen nicht, wie lange das her ist, unser Zeitgefühl kam durcheinander.
aufgrund er Erlebnisse dort. Wir vermuten mit einer 4:3 Mehrheit, dass
K.A.R.L. dort für Dich noch existiert, aber frage uns bitte nicht, warum. Und
frage uns auch nicht, warum wir Dir diese Möglichkeit offenlassen. Diese
Alternative dazu, mit uns zu verschmelzen.”
“Können wir gemeinsam dorthin gehen?”
"4 von uns wollen es und 3 von uns wollen es nicht. Und da wir uns nicht
trennen können, ohne alles zu riskieren, wofür wir zurückgekehrt sind von
Proxima Centauri, bleibt es dabei. Du kannst mit uns verschmelzen und dann
sind wir äußerlich 8. Wobei das keine Rolle spielt, da wir öffentlich nicht mehr
in Erscheinung treten, schon viele tausend Generationen nicht mehr. Oder Du
verlässt uns, reist zu Proxima Centauri und findest vielleicht K.A.R.L.. Oder
das. was er geworden ist.”
KARL entschied sich. Und er entschied sich nicht. KARL verschmolz mit den
7 zur 8. Und er verschmolz nicht. KARL reiste zu Proxima Centauri und
KARL blieb auf seinem Planeten, den er am meisten von allen mochte, der
Erde.
Es gibt viele Gesänge bei den Piraten, die das All durchwandern. Immer auf
der Suche nach einem Planeten. einer Raumstation, die sich ohne großen
Kampf ausgiebig plündern lässt. Sie arbeiten nicht und sie bekommen auch
nur ungeplant Kinder, weil plündern Zeit braucht und auch Zeit schenkt. Zum
Singen ihrer Lieder. Manche handelten von K.A.R.L.. dem Priester, dem
Gärtner, dem Wissenschaftler, dem Folteropfer, dem Herrscher der
Simulation, dem Regulanten. dem Botaniker, dem Folterer, dem Studenten,
dem Schüler, dem Bauern. Manche Lieder drehten sich auch um KARL, den
Retter, den Einfänger, den Freund. den Roboter, den Achten. Und ein Lied
handelt von ihrer Freundschaft, die alle Zeiten und Moden überdauert hat, bis
sie auf Proxima Centauri endlich für immer einfach zusammen sein konnten.
Oder auch nicht. Wer weiß das schon.
Die Antworten waren in Proxima Centauri, denn dort fing wohl alles an,
worum es bisher ging. K.A.R.L. entdeckte Proxima Centauri 313.056 Jahre
vor seinem freiwilligen Tod und tat die ganzen restlichen Jahre nicht viel
anderes, als seine Flucht dorthin zu tarnen. Die 7 hätten ihn niemals ziehen
lassen mit all seinem Wissen, seinen Erfahrungen. Sie dachten, er wäre so eng
an KARL gebunden, dass er bleiben würde um jeden Preis. Aber K.A.R.L.
war ein Wissenschaftler, der wissen wollte, warum es im Universum. das er
kannte, an Hochkulturen so stark mangelte. Warum auf den Planeten die
Bauernvölker ergänzt um Roboter, menschenähnliche Roboter, dominierten
und mit etwas Glück ein paar Städte und vier Studentenstädte. Unter der
Oberfläche mag es auch Städte geben, aber viel mehr als Überlebende waren
die dortigen Menschen nicht. Die 7 Wissenschaftler waren geschockt wie
noch niemals zuvor. Selbst ihre eigenen Erlebnisse auf Proxima Centauri
waren nicht so erschütternd gewesen wie die Erfahrung, sich mehrere
hunderttausend Jahre lang selbst getäuscht zu haben. Sie hatten den Stern, der
ihrem am räumlich nächsten lag. durch eigene Anschauung erforscht. Sie
waren 17 Wissenschaftler gewesen, davon jeweils 5 eher technisch oder
militärisch orientiert und 7 der reinen Wissenschaft verschrieben. Die ersten
5 starben, als ein Erkundungsboot Proxima Centauri zu nahekam und ein
unvorhergesehen starker Flare sie in Sekundenbruchteilen verdampfte.
Daraufhin versuchte ein stark bewaffnetes und gepanzertes Beiboot Proxima
Centauri anzugreifen, denn es war offensichtlich, dass der Flare künstlich
ausgelöst war. Dieser Angriff kam abrupt zu einem Ende, als eine kleine
Rakete alle Schutzschilde überwand und eine nukleare Explosion, lautlos und
tödlich zugleich, das Boot verdampfen ließ. Von diesem Moment an waren
die 7 auf sich gestellt und warteten erst einmal ab. Sie wehrten sich nicht, als
die Datenbänke des Schiffes und seine Maschinenintelligenzen ausgelesen
wurden. ließen alle Scans über sich ergehen und deaktivierten alle Schilde und
Waffensysteme. Dieses Signal schien wohlwollend zur Kenntnis genommen.
denn weitere Angriffe unterblieben. Nach vielen Stunden, auf der Erde wären
es wohl fast drei Tage gewesen, kam schließlich ein menschlich aussehender
Roboter zu ihnen an Bord. Er bat um Verzeihung für die Zerstörung der beiden
mit je 5 Menschen besetzten Boote, sie hätten ihre Systeme erst kalibrieren
müssen und wären überrascht gewesen, dass so schwächliche Kreaturen so
schnell auf sie zugekommen seien.
Sie hätten nun die Wahl: sie könnten alles über das Leben der anderen
Intelligenzen erfahren, dann müssten sie aber bei ihnen bleiben oder sie
würden nur erfahren, was unbedenklich ist und dürften zu ihrem Planeten
zurückkehren. In beiden Fällen würden die Centauri aufhören, mit der Sonne
zu experimentieren, um die sich der Menschenplanet dreht. Ihr Klima würde
also stabil bleiben und sie würden sich auch um die Vermeidung großer
Asteroiden kümmern (wie bisher). Die Besiedlung anderer Planeten jedoch
durch die Menschen wäre ihre eigene Angelegenheit. da ließen sich die
Centauri nicht mit hineinzichen. Die 7 diskutierten miteinander. welchen Weg
sie gehen sollten und es war schnell klar, dass sie wieder zurückwollten zur
Erde, ihre Erkenntnis also sehr gering sein würde.
Proxima Centauri hat keine lebenswerten Planeten, ist kalt und winzig und
wird für immer im Schatten der sonnenähnlichen Alpha Centauri Zwillinge
stehen. Welches Leben von dort zum kleinen unscheinbaren Bruder Proxima
gewandert ist. welche Entwicklung es unter diesen Umständen nahm und
wohin das alles führen wird. war den 7 nicht bekannt. Sie taten nur alles, als
sie endlich zurückgekehrt waren zu ihrer Erde, um davon abzulenken. Auf
Proxima Centauri verfolgte man die Geschehnisse auf der Erde und auf allen
Planeten, die schrittweise besiedelt wurden, schr genau. Der Besiedlungsplan.
der sich da über 4.910.405 Jahre entfaltete, mit allen seinen Rückschlägen und
Nebenentwicklungen, war schon faszinierend. Egal, wie viele Systeme durch
planetare Katastrophen oder extreme Sterneruptionen ausgelöscht wurden, es
gab immer noch eine Vielzahl andere, die ihren normalen Gang gehen
konnten. Ein reifer Planet war mustergültig und zugleich schonend besiedelt.
Aufbis zu vier Kontinenten gab es jeweils eine Studentenstadt. die oberirdisch
und unterirdisch besiedelt und gegen jeden Angriff geschützt war. Getrennt
durch riesige Erdwälle und Dschungel von den Städten, die ringförmig um die
Studentenstadt angeordnet waren und dem Erhalt der urbanen Dynamik
dienten. Sie waren ein Filter für die Menschen, die aus den Dörfern kamen
und für die Menschen. die in die Studentenstadt gingen. Hatten die seltsamen
Sonnen eine Resion erst einmal van dan Piraten narainiat heanınlhia ac ana
keine unterirdischen Städte mehr und sie wurden rückgebaut. Zu Bunkern für
die Möglichkeit, dass doch einmal eine Sonne entartete oder es anderweitig
notwendig war, die Bevölkerung in Sicherheit zu bringen. Unten waren auch
auf den Bauernplaneten, die ohne Städte und die Stadtplaneten, die ohne
Studentenstädte auskommen mussten, die Anlagen für den Erhalt der Roboter
und die Sicherung des Planeten gegen Erdbeben, Bahninstabilitäten und die
Wetterkontrolle. Das war schon alles sehr durchdacht, dauerte für die
Centauri alles viel zu lange und hatte ja auch keinen Zweck, da keine echten
Hochkulturen entstanden. Die Wissenschaftler der Menschen beteten den
Turm an und simulierten fast nur noch. in ihrer Realität war ja jede
menschliche, technische, kulturelle Entwicklung zum Stillstand gekommen.
Sie glücklich und zufrieden, aber den meisten von ihnen fehlte auch jeder
Ehrgeiz. So etwas reizte die Centauri, ab und zu eine Störung in das System
einzubringen. damit es sich beweisen konnte. Nach dem Kontakt mit den 17,
aus denen schnell 7 wurden, ließen sie das aber für die Erde und ihr
Sonnensystem ganz sein. Irgendwie schämten sie sich für die Spiele, die sie
mit den Menschen gespielt hatten, als sie noch keinen von ihnen kennen
gelernt hatten. Ja sie hielten sogar eine schützende Hand über die Erde und
wo notwendig über ihre nähere galaktische Umgebung.
Es war diese Haltung. über die K.A.R.L. mehr aus Versehen in seinen
Beobachtungen stolperte, die ihn reizte, direkten Kontakt mit den Centauri
aufzunehmen. Er wusste, dass sie nicht im Orbit um ihre namensgebende
Sonne lebten, auf keinem Planeten und wenn er die Zeichen richtig deutete,
auch auf keiner Raumstation. Aber wo waren sie dann? Er musste es
herausfinden. Das war nur möglich. indem er die 7 von sich ablenkte und dazu
hatte ihm KARL. gedient. Die 7 dachten durch Jahrtausende lange Übung, dass
sie ihn kontrollieren konnten durch KARL. der ja in gewissen Grenzen durch
sie programmierbar war. Sein Verhalten hatte sich so stark auf einer
berechenbaren Kurve bewegt und solange, dass die Maschinenintelligenzen
keine Gefahr mehr sahen. ihm immer mehr Freiheitsgrade zu gewähren. Sie
wurden mit der Zeit nachlässig und kürzten Berechnungen ab (sie taten das
immer, das lag ihn ihrer Effizienzorientierung begründet) und er wusste
darum. Sie wähnten sich in Sicherheit. weil durch die Prozeduren sein Geist
Ja immer wieder gereinigt wurde. er also vieles vergessen haben sollte. Aber
die Zuneigung KARLs war zu ihm so stark, dass dieser zunehmend wen iger
Erinnerungen beseitigte, bis schließlich genug übrigblieb. um darauf
aufzubauen. Die Opfer, die das ihn und viele andere Menschen. ganze Völker
und Planeten kostete, waren es ihm wert.
Er wusste auch, dass KARL nichts unversucht lassen würde, um zu ihm zu
gelangen und das gehörte auch zu seinem Plan. Denn an eine Rückkehr von
Proxima Centauri ohne KARLs Hilfe war nicht zu denken. Er reiste in einem
von KARLs Reservekörpern nach Proxima Centauri, nur mit einem kleinen,
aber sehr wendigen Schiff, einem Zweisitzer. Die Reise war nicht sehr
mühsam in diesem Körper, für einen Menschen wäre sie aber tödlich
verlaufen aufgrund der Strahlung. der mangelnden Bewegung. dem
Nahrungsmangel. Aber das Schiff blieb unentdeckt zwischen den Sternen.
Sobald er sicher sein konnte, dass nur die Centauri ihn hören konnten,
kündigte er seine Anreise per Funk an und übertrug auch alles, was er an
Informationen über seine Welt wusste oder vermutete. Sie antworteten nur
kurz mit einem Signal, dass sie verstanden hatten und auf seine Ankunft
warten würden. Das Schiff, das ihn erwartete, war gerade so groß, dass sein
eigenes in den Frachtraum passte. Nach einer kurzen medizinischen
Untersuchung ließ man ihn auf das Kommandodeck, das auch nur fünf
Personen ausreichend Platz bot. zwei Piloten. einem Schützen, einem
Kommandanten und einem Gast. Sie hatten einige Antworten für ihn auf seine
drängendsten Fragen. Doch es wirkte auch so. als ob sie nicht wirklich
wüssten, was sie mit ihm nun anfangen sollten. Er hatte ihnen ungefragt alle
Geheimnisse seiner Art übertragen. ohne Vorbedingungen, ihnen damit die
Möglichkeit gegeben, sie komplett zu vernichten, und damit konnten sie ohne
Nachdenken nicht umgehen. War er nun einer seiner Art, der an der Schwelle
stand, zu ihnen zu gehören oder war er nur wieder ein Stolperstein ihrer
Entwicklung.
Der Kommandant bot ihm Zigaretten und Schnaps. Er unterhielt sich mit ihm
über das, was er für menschliche Männerthemen hielt und warum er KARL
vermisste. Wie er zu den 7 Wissenschaftlern stand und zu den 10. die sie
getötet hatten - aus Versehen. Warum er es zugelassen hatte, dass sie ihn
folterten und ihn zum Folterer machten. Was ihm der Garten bedeutet hatte
und die Lieder der Piraten. Warum er sie nie ausgerottet hatte, obwohl es in
seiner Macht gelegen hätte. Warum er nie den Besuch einer anderen
Studentenstadt erzwungen und auch nicht einen Besuch im Turm.
K.A.R.L. rauchte eine Zigarette, mit ruhiger Hand. Er trank den Schnaps, auch
wenn er im Hals brannte. Dann sagte er ihnen mit entspannter Stimme: “Das
wäre nicht meine Art gewesen. Ich wusste ja. dass ich auf Dauer nicht vom
Weg abkommen konnte. Was ist da ein kleiner Umweg zwischendurch?” Ihr
Schiff näherte sich nun dem Punkt, an dem eine Entscheidung fällig wurde
und sie wurde gefällt. K.A.R.L. wurde eingeladen. eine Sphäre von innen zu
sehen. den Aufenthaltsort der fortschrittlichen Kulturen des Alls. Dort. wo die
unsichtbare Masse und Energie, die alles zusammenhält, aber die man nicht
mit Teleskopen und Magnetographen orten kann, ihre Heimat hat.
Ab diesem Punkt riss der Kontakt mit KARL ab, deshalb kann es hier und
Jetzt keine Beschreibung der Sphären geben.
Es war einmal ein Pirat. Der diente auf vielen Schiffen. Auf manchen war es
schöner als auf anderen, aber immer war es interessant. Auf seiner letzten
Reise stürzte er ab auf einem ihm fremden Planeten. Er zog sich mit seinem
rechten Arm aus den Trümmern des Schiffes und kroch zu den Hügeln an dessen Rand sein Schiff aufgeschlagen war.
In einer Höhle suchte er Schutz. Dort war nur ein Droide, der die Höhle
bewachte. Keiner weiß. warum der Droide dies tat. Vielleicht hatte er keinen
Zweck und war dort - nachdem er sich verlaufen hatte - einfach geblieben und
da er ein Wachdroide war, tat er wie er programmiert war. Der Pirat erzählte
dem Droiden seine Geschichte. Und Geschichten, die dem Piraten wohl
einmal erzählt warden waren
Der Droide wird irgendwann entdeckt werden von den Häschern der 7. So
wie alles irgendwann von ihnen entdeckt wird. Deshalb erfahren wir von den
fast lichtschnellen Reisen des K.A.R.L. in KARI.s Körperkopien und von
den Schwierigkeiten. nach solchen Reisen in den eigenen Körper
zurückzukehren.
Wir hören so auch von den Erlebnissen eines anderen, vor kurzem erst neu
gewonnen Piraten, der an Bord eines bequemen, von Technikern bestens
gewarteten Schiffes lebt. Zuvor hatte er - noch als Dorfbewohner - einen
jungen Piraten verschont und nicht getötet. wie es die Regeln seines Dorfes
eigentlich vorsehen. Wir lernen viel über die Drogen, welche die Piraten zu
dem machen, was sie sind und über die Rolle der Sklaven.
Wir hören über die Schlüsselszene, in der KARL (eigentlich
K.A.R.L. im Leihkörper) dem neuen - barmherzigen - Piraten etwas
verkündet. KARL ist verwirrt
und fragt "Vater? Bruder? Warum verlässt Du mich jetzt, wo ich doch sterben
muss?" K.A.R.L. Nlüstert es nur in KARLS Geist. tröstet ihn mit sanften
Worten und sagt ihm, dass er wiederkomme und ein gesunder Körper auf ihn
bereits warte.
Als dieser Pirat schließlich gefangen genommen wird, erzählt er seine
Geschichte den Religiösen mit vielen Ausschmückungen. Doch er erzählt eine falsche
Geschichte. Denn KARL war durch den Absturz seines Raumschiffes so
beschädigt, dass er von dem im Geiste anwesenden K.A.R.L. als Vater sprach,
der zugleich ein Bruder zu ihm ist. Es sind die vielen Facetten ihrer
Freundschaft. die dazu führen.
Die interpretierten viele dieser Aussagen religiös und damit falsch.
Die erweiterte Religion verehrt nun einen menschenähnlichen Gott, der vom
Himmel fiel. von Piraten wurde, an einem Baum hängend. Der wiederkommen wird in einem heilen
Körper und mit seinem Vater und seinem Bruder.
Die wiederholten Sichtungen von KARLs Zweitkörpern auf verschiedenen
Planeten und Raumstationen zu gleicher Zeit wurden als Beleg für die
Richtigkeit der Religion gesehen, dabei ist es nur K.A.R.L. seine fast
lichtschnellen Reisen, ermöglicht durch KARLs Kopien.
Die 7 werden fast wahnsinnig, als sie diesen Zusammenhang nach K.A.R.L.
Flucht entdecken. Sie benötigen Jahrhunderte, um alle Spuren so gut zu
verwischen, dass kein bedeutender Wissenschaftler darauf kommen konnte,
Studenten hingegen, die darüber stolperten, brachten sie unauffällig um. Den
Droiden zerstörten sie durch ein Bad in Säure, aber er hatte seine Geschichte
schon weitererzählt. Sein einziger Schüler, der die Verfolgungen überlebte.
schmuggelte stark verschlüsselt das Wissen des Piraten in Bücher, die nicht
Teil der großen Sammlungen werden konnten. Damit waren sie fast sicher vor
Vernichtung.
KARL sagten sie nichts davon, weil sie seinen Zorn fürchteten. Und K.A.R.L.
steigerte die Zahl und Intensität seiner Sichtungen absichtlich, um von seiner
Flucht in die Sphäre bei Proxima Centauri abzulenken.
Das hoch entwickelte Leben im Universum konzentriert sich fast
ausschließlich in künstlichen langzeitstabilen unfindbaren Sphären. Keine
andere Organisationsform ist über Milliarden Jahre stabil genug. Immer
wieder entsteht jedoch ein kurzes ein paar tausend Jahre aufflackerndes Netz
von planetengebundenen Hochkulturen. die aber durch Naturkatastrophen
und Kriege immer wieder untergehen oder in schr seltenen Fällen rechtzeitig
den Entwicklungsschritt zum Bau einer Sphäre gehen. Das ist vernünftig. Um
den Ursprung des Lebens nicht zu vergessen und um das Glück zu feiern.
lange genug überlebt zu haben und vernünftig genug gewesen zu sein,
überleben zu können, wird der planetengebundene Ursprung in umfassenden
Simulationen direkt erlebbar gemacht. Diese Simulationen dienen auch dem
Ausleben der Instinkte, die dem Überleben im Weg stehen, damit die Sphären
selbst rein davon bleiben können. Manchmal greifen die Sphärenbewohner
aktiv in das physische Universum außerhalb ein. um ihre Heimatregionen zu
beschützen oder aus reinem Spaß.
K.A.R.L.' Entdeckungen führen zu seiner Aufnahme in eine Sphäre, die erst
wenige Millionen Jahre existiert und sich noch entwickelt. In dieser frühen
Phase sind die Sphären noch offen für Neuankömmlinge und ihre Ideen.
K.A.R.L. Sehnsucht nach KARL. wird dort noch als lässliche Sünde gesehen,
aber nicht mehr wirklich verstanden. K.A.R.L. sieht sich als Wanderer
zwischen diesen Welten der perfekten Sphärenbewohner, den Droiden und
den Menschen. Er schreibt nun die Verse, die er über viele Umwege an KARL
schickt. Dieser antwortet auf gleichem Weg und dieser Austausch von
Gedichten wird über viele tausend Jahre ihre einzige Beziehung sein. Um sie
zu unterhalten erzählt K.A.R.L. den Sphärenbewohnern sein Leben und viele
unwahre Geschichten. Seine Einschaltquoten gehen in die Milliarden.
Sie verweigern ihm jedoch eine konkrete Beschreibung der Sphäre. in der er
nun lebt, eine Vorsichtsmaßnahme. Denn auch die härteste Nuss kann man
knacken, mit dem richtigen Werkzeug. Deshalb sei hier auf eine Beschreibung
verwiesen aus einer anderen Quelle. Eine Sphäre ist demnach immer umgeben
von einem Kugelnetz Schwarzer Löcher, die rundherum alle Strahlung
abschirmen. Weiter innen folgen Dunkelwolken als weitere
Sicherheitsmaßnahme. Dann Detektordroiden und erst danach künstliche
Bauten so groß, dass in Teilbereiche ganze Sonnensysteme Platz finden. Diese
werden entweder von Anfang an mitgeführt oder sie werden unterwegs
eingefangen und dann auch systematisch optimiert, damit die Evolution dort
positiv beschleunigt wird. Diese Welten dienen der Forschung und der
Entspannung für verdiente Sphärenbewohner. deren Grenznutzen erreicht
wurde.
Damit kann die übliche Flucht in den ewigen Traumschlaf der virtuellen
Existenzen verzögert, die Arbeitsmoral zudem insgesamt gesteigert werden.
Eine wichtige Rolle der Sphären ist zudem die Kontrolle der Zeitreisen - alle
wesentlichen stabilen Einstiegspunkte sind durch Sphären umschlossen. Es
tun sich aber immer wieder neue Einstiegspunkte auf, so dass man nie sicher
sein kann, dass nicht doch noch größere Zeitbeben auftreten.
Eine weitere Rolle der Sphären ist die Bewahrung des Lebens und des
Wissens über die Phase der Kontraktion der Raumzeit hinaus. Ohne die
Sphären würde alles verloren gehen und bei einem neuen Urknall alles von
vorne beginnen müssen.
Manche Bewohner träumen von so einem Neuanfang.
Anmerkung der Lektoren: die Zahlenmystik ist nicht korrekt, es gibt
deutliche Fehler und Abweichungen, wenn man alle Texte zugrunde liegt. Es
ist jedoch noch keinem gelungen, genau die Fragmente in eine sinnvolle
Reihenfolge zu bringen, die dann auch den Zahlen einen Sinn geben.
Im Text direkt verwendete Zahlen:
0. 0,00451494225, 1, 2. 3, PI, 4, 5, 7,9. 10. 11, 12, 13, 14, 15, 17, 19,20, 21,
22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 50, 55. 95, 147, 150, 152, 450, 500, 637, 700,
777, 1000. 1435, 1500. 2000, 3313. 3482, 3269, 7777, 10000. 50000. 76209,
100000, 313056, 4910405. 500000000. 3813384685
Summe aller im Text verwendeten Zahlen (jede Zahl nur einmal gezählt):
4320872234
Mittelwert aller im Text verwendeten Zahlen (jede Zahl nur einmal gezählt):
78561313
Quadratwurzel aus der Summe aller verwendeten Zahlen:
65733
Abweichung obiger Quadratwurzel zu 65.536 (dem Basis-Binärcode unserer
archaischen Maschinenintelligenzen):
197
Aufgrund des Anhangs im Text verwendete Zahlen
[berechne selbst]
Unten rechts auf dieser Seite steht eine Zahl. welche?
K.A.R.L. I
KARL hatte bis hierhin gelesen und war nun sehr müde. Die Geschichten
flimmerten nur so in seinem Kopf und er wusste nicht mehr, welchem Teil
des Erzählten er nun Glauben schenken sollte und welchem nicht. Er
versuchte den Computer dazu zu bringen, aufzuhören, aber keine
Tastenkombination funktionierte wie gewünscht und auch der Ausschalter der
Maschine hatte keine Wirkung. Er tippte einfach drauflos.
Wie ist es PL.F ergangen nach seinem Fund?
Das ist keine schöne Geschichte, aber ich gebe sie gerne wieder, damit sie
nicht vergessen wird, wenn ich mich selbst zerstöre (oder Du diese Aufgabe
übernimmst). PLF verließ das weitläufige Grundstück mit dem Karton unter
dem Arm so schnell er nur könnte. Er war jedoch noch nicht weit gekommen,
als ein dunkles Fahrzeug herangerast kam. Durch
den Schleier seiner Augen sah er einen Mann aus dem Fahrzeug
steigen, zu ihm gehen und den Karton greifen, der unter ihm lag. Der Mann
würdigte ihn keines Blickes und bot auch keine Hilfe an. Dann fuhr das
Fahrzeug weg, eine Staubfahne hinterlassend. PLF wurde von
einem Sanibot gefunden und in das nächstgelegene Gesundheitszentrum
gebracht. Sein Restwert für den Clan war jedoch weit geringer als die
Gesamtkosten seiner Genesung. so dass man ihn sterben ließ. Ein Abbild
seines Geistes wurde in die Cloud seines Clans geladen, womit er sehr
zufrieden war. Er sucht dort immer noch nach den Büchern, den Zetteln, den
Klötzchen und dem Stick, aber bisher ist es noch keinem gelungen, sie dort
abzubilden. Du könntest es für ihn tun.
Wie?
Präge Dir so viel ein, wie Du kannst, schreibe es nieder und verbinde Dich
mit der Cloud seines Clans - er wartet schon so lange darauf.
KARL dachte lange nach, traf seine Entscheidung und schritt zur Tat.
P.S. Diese Geschichte ist hier nicht zu Ende.